Twitter und die ungeliebten Verse in der Bibel...

Vielleicht ist es nur ein subjektiver Eindruck, aber meinem Gefühl nach haben wir sehr viele Jahrestage in diesem Jahr. Wer gut kirchlich gebildet ist – hier sind die Lutheraner gerne mit eingeschlossen - , wird nun unmittelbar an den 10. Juli 2009 denken, Calvins 500. Geburtstag.

Gedenktage sind auch Merktage für Zustandsbeschreibungen, was alles gleichzeitig geschah. Dies gilt auch - oder gerade besonders - für die Geschichte der Mediennutzung.

Die Reformation hätte es ohne die vorherige Erfindung des Buchdrucks in dieser Form wahrscheinlich nicht gegeben, Buchdruck und Reformation gehören zusammen.

 Dieses Jahr gibt es noch weitere, wichtige Jahrestage:

  • 75 Jahre Barmer Theologische Erklärung
  • 60 Jahre Grundgesetz der Bundesrepublik
  • 20 Jahre Wende in der DDR

Gerade wenn ich an die Wende in der DDR denke, so erinnere ich mich an Freunde in der DDR und ihre Angst vor der so genannten chinesischen Lösung. Denn dies ist ein weiterer Jahrestag; vor 20 Jahren fand im Juni die Protestbewegung in China mit dem Tian'anmen-Massaker ihr blutiges Ende: Am 4. Juni 1989 wurden die monatelangen Proteste der chinesischen Demokratiebewegung auf dem Platz des himmlischen Friedens brutal niedergeschlagen, etwa 3.000 Menschen wurden getötet.

Aber: ohne Fax wüssten wir nur wenig von diesem Ereignis, über Faxgeräte verbeiteten sich vor zwanzig Jahren Einzelheiten, die die chinesische Führung über andere Informationskanäle unterdrückt hatte.

Medien beeinflussen unsere Wahrnehmung beziehungsweise ermöglichen sie erst. Was vor zwanzig Jahren das Fax in China war, sind heute soziale Netzwerke für den Iran.

Seit vor einer Woche der Verdacht der Wahlmanipulation bei der iranischen Präsidentschaftswahl aufkam, versucht das Regime, die Demonstrationen der Opposition zu unterdrücken und den Informationsfluss einzudämmen und führt Restriktionen für Journalisten ein. In einer vernetzten Welt gelingt die Unterdrückung von Informationen jedoch nur schwer. Nachrichten kommen aus dem Iran unter anderem via Twitter. Per Handy und Internet gibt es Statusmeldungen und Verweise auf andere Internetseiten bzw. auf Fotos und Videos auf Onlie-Portalen. Während ich auf die Ergebnisse auf die Suchabfrage #iranelection warte, laufen im Sekundentakt weitere Twitter-Meldungen auf.

An diesem Wochenende gab es die ersten Toten, vielleicht ist die über die Online-Medien hergestellte Öffentlichkeit der beste Schutz der Protestbewegung.

Heute spielen Faxe keine große Rolle mehr, was Twitter in einem Jahr sein wird, ist noch offen. Zurzeit ist es jedoch ein aktuelles, aktives Medium. Wie gehen wir als Kirche mit diesen neuen Medien um?

Mit evangelisch.de möchte die evangelische Kirche sich bewusst auf das Internet einlassen und Raum schaffen, in dem aus evangelischer Perspektive ein Blick auf Deutschland und die Welt geworfen werden kann, in dem sich Kommunikation des Evangeliums ereignen kann. Der Launch von evangelisch.de ist für den 24. September 2009 geplant, damit dieses neue Portal bekannt wird, muss es jedoch im Vorfeld ins Gespräch kommen. Mit dem Ziel, evangelisch.de bereits vorab bekannt zu machen, entstand die „Twitter Bibel“ bzw. der Bibelrekordwettbewerb.

Die gesamte Bibel wurde in knapp 4.000 Bibelabschnitte aufgeteilt, es galt vom Kirchentag bis zum Pfingstsonntag alle Abschnitte auf je 140 Zeichen zusammenzufassen. Kirchentagsbesucher konnten das mit Papier und Stift tun, es ging auch über die Website oder via Twitter.

Spiegel Online schrieb dazu: „Doch allein die schiere Menge macht die Aktion rekordverdächtig - einmal ganz davon abgesehen, dass die Verbreitung echter Inhalte via Twitter ein absolut innovatives Konzept darstellt. Auf diese Schnapsidee kamen bisher neben der Kirche nur PR-Agenturen.“

Dass in Twitter, in sozialen Netzen und anderen Online-Medien über diese Aktion diskutiert wurde, war schon ein Erfolg. Manchmal ist der Weg bereits ein Teil des Zieles. Der Rekord wurde erreicht, viel wichtiger waren jedoch die Gespräch über die Bibel, die in den Netzwerken stattfanden.

Einer dieser Versblöcke war z.B. der für gestern vorgeschlagene Predigttext, das „Große Abendmal" aus Lukas 14:

 

15 Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. 17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! 18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. 21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. 22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. 23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. 24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Dies wurde wie folgt zusammengefasst: 

Gott lädt zum Abendmahl ein; jeder darf kommen wie er ist. Wer nicht kommen mag, kommt nicht. Die Verantwortung dafür trägt jeder selbst.

Dies ist keine revolutionäre Erkenntnis, aber der Prozess, wie diese Zusammenfassungen zustande kamen, ist interessant. Jugendliche hockten sich auf dem Kirchentag zusammen und diskutierten ihre Zusammenfassung, daneben an Stehtischen zwei Bischöfe, die auch länger überlegen müssen, wie sich ein Abschnitt auf 140 Zeichen zusammenfassen lässt. Die Begrenzung der Zeichenzahl zwingt dazu, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Die Bedeutung von Bibelversen wurde Gesprächsstoff.

Bibel und Kirche zeigten Präsenz – auch auf Twitter. Nicht nur Meldungen und Gezwitscher gingen über Twitter, sondern auch als Zusammenfassung die Bibel.

 

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

 

Susanna Wüst und leer war alles, Chaos pur. Und Gott sprach sich in dieses Chaos aus und es wurde licht und hell.

 

frau übli 1. Gott:Himmel+Erde=>wüst,leer,finster. Geist auf Wasser. Gott:Licht! Licht=gut. Licht=Tag. Finsternis=Nacht. Abend+Morgen=1.Tag

 

direktlogin Zuerst schafft ER oben und unten, hier dunkel, aber sein Geist ist da. Dann das Wort: Licht! gut! Licht getrennt v. Dunkel ist Tag bzw.Nacht

 

 happymeal Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war finster und Gott sprach: Es werde Licht! Das war der Tag. Die Finsternis nannte er Nacht.

 

Kirchentagsbesucher Gott erschafft Raum, Zeit, Materie, Energie - und die Bewertung: alles ist gut.

 

rekorduser Alles was ist, hat seinen Ursprung in Gott. Sein Geist ist über allem. Er gab uns das Licht, damit wir Tag und Nacht unterscheiden können.

 

Manchmal haben mehrere Internetnutzer dieselbe Stelle zusammengefasst, besonders diese unterschiedlichen Zusammenfassungen – sie sind ja immer auch Interpretationen – helfen, Bibelverse neu zu entdecken. Wer will – das geht natürlich jetzt nach Abschluss der Rekordaktion noch immer – kann diese Zusammenfassungen auch kommentieren.

Einige Bibelstellen wurden sehr schnell zur Zusammenfassung ausgewählt, manche auch mehrfach, zurück blieb eine Liste unter der Rubrik „Was noch zu tun ist“ - eine lange Liste ungeliebter Verse. Es wäre sicherlich eine interessante Untersuchung, welche Bibelstellen am längsten in der Warteschlange auf ihre Zusammenfassung warteten und welche sofort ausgewählt wurden. Man könnte sicherlich so eine gute Favoritenliste von Lieblingsversen bzw. Negativ-Liste erstellen.

Ein Beispiel für die ungeliebten Bibelstellen, die lange auf einen Zusammenfasser warteten:

Dtn 13, 7 - 13

Wenn dich dein Bruder, deiner Mutter Sohn, oder dein Sohn oder deine Tochter oder deine Frau in deinen Armen oder dein Freund, der dir so lieb ist wie dein Leben, heimlich überreden würde und sagen: Lass uns hingehen und andern Göttern dienen, die du nicht kennst noch deine Väter, von den Göttern der Völker, die um euch her sind, sie seien dir nah oder fern, von einem Ende der Erde bis ans andere, so willige nicht ein und gehorche ihm nicht. Auch soll dein Auge ihn nicht schonen, und du sollst dich seiner nicht erbarmen und seine Schuld nicht verheimlichen, sondern sollst ihn zum Tode bringen. Deine Hand soll die erste wider ihn sein, ihn zu töten, und danach die Hand des ganzen Volks. Man soll ihn zu Tode steinigen, denn er hat dich abbringen wollen von dem Herrn, deinem Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat, auf dass ganz Israel aufhorche und sich fürchte und man nicht mehr solch Böses tue unter euch. Wenn du von irgendeiner Stadt, die dir der Herr, dein Gott, gegeben hat, darin zu wohnen, sagen hörst:

Die Zusammenfassung:

 

Will Dich jemand abbringen vom rechten Glauben und stehe er Dir noch so nahe, dann zögere nicht und steinige ihn um andere zu warnen.

 

Oder Dtn 3, 6-11:

Und wir vollstreckten den Bann an ihnen, gleichwie wir an Sihon, dem König von Heschbon, taten. An allen Städten vollstreckten wir den Bann, an Männern, Frauen und Kindern. Aber alles Vieh und die Beute aus den Städten raubten wir für uns. So nahmen wir zu der Zeit den beiden Königen der Amoriter das Land jenseits des Jordans, von dem Fluss Arnon bis an den Berg Hermon – die Sidonier nennen ihn Sirjon, aber die Amoriter nennen ihn Senir –, alle Städte auf der Hochebene und das ganze Gilead und das ganze Baschan bis nach Salcha und Edreï, die Städte des Königreichs Ogs von Baschan. Denn allein der König Og von Baschan war noch übrig von den Riesen. Siehe, in Rabba, der Stadt der Ammoniter, ist sein steinerner Sarg, neun Ellen lang und vier Ellen breit nach gewöhnlicher Elle.

 

Die Zusammenfassung:

 

Nach dem Sieg wird der Bann vollstreckt: d.h. alle werden getötet in den Städten, das Vieh aber raubten wir für uns.

 

Neben diesen Interpretationen, die die Landnahme in den Kontext von Kriegsverbrechen rücken, gibt es auch Zusammenfassungen, so wie ich sie aus dem Kindergottesdienst kenne, etwa dem Inhalt nach: die Israeliten weihen Gott das, was ihnen beim Sieg zufällt.

Wenn wir uns aufs Internet und insbesondere auf soziale Netzwerke wie z.B. Twitter einlassen, geben wir das Monopol der Interpretation auf. Verschiedene Interpretationen und Zusammenfassungen stehen nebeneinander.

Persönlich fand ich es sehr anregend – manchmal auch beklemmend, mich mit den verschiedenen Aspekten auseinanderzusetzen und auch ungewohnte Interpretationen wahrzunehmen; jemand hatte in aller Offenheit ausgesprochen, was ich mir beschönigend zurecht gelegt hatte.

Hier nochmals der Rückbezug zum Iran: Wer sich einen Strom von Twitternachrichten, einen  sogenannten Tweet ansieht, sieht sich auch mit den verschiedensten Interpretationen der Ereignisse konfrontiert. Neben der Opposition nutzt auch das Regime den Nachrichtendienst, füttert Twitter mit eigenen Nachrichten. Bei der Einordnung der Ereignisse stellt sich die entscheidende Frage: Aus welcher Perspektive interpretiere ich, letztlich ist Hermeneutik gefragt:

Die einzige Alternative zur Vermeidung der Vielstimmigkeit der Interpretationen wäre, sich erst gar nicht aufs Internet bzw. seine sozialen Netze einzulassen.

Dies würde aber bedeuten, dass dieser Teil des Netzes nicht der Botschaft Gottes ausgesetzt werden könnte, als würde dieser Teil des Netzes anderen Mächten und Gesetzmäßigkeiten gehören. Natürlich benötigen wir „Rechtfertigung und Heiligung“ gerade in diesen sozialen Netzwerken, aber aus Angst, diese zu verlieren, sich zurückzuziehen, das kann nicht die Antwort sein - oder mit den Worten einer Bekenntnisschrift, die dieses Jahr ihren 75-jährigen Gedenktag feiert (Verwerfung Barmen II):

 

Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.

Wenn es diese vielen Stimmen und Interpretation gibt und wir uns bewusst darauf einlassen, so ist eben die Hermeneutik gefragt.

Der Ansatz, zwischen Altem und Neuem Testament zu unterscheiden, erweist sich sofort als nicht zielführend, denn auch in der Offenbarung gibt es Stellen, die wir so eigentlich lieber nicht lesen wollen.

Gut protestantisch wurde die gesamte Bibel getwittert, denn sola scriptura heißt auch tota scriptura; denn Grundlage ist die nur Heilige Schrift, aber in ihrer Gesamtheit.

Mir fällt nur ein hermeneutisches Kriterium ein, das in reformatorischer Theologie tragfähig wäre: „was Christum treibet“ – wie es Martin Luther in Bezug auf den Jakobus-Brief entwickelt, „was Christum treibet“ – dies heißt: nur Jesus Christus bzw. solus Christus. Wenn mit „sola scriptura“ und „solus Christus“ schon zwei von vier Exklusiv-Partikeln gesetzt sind, lassen sich mit „sola fide“ (allein aus Glauben) und „sola gratia“ (allein durch Gnade“) die beiden weiteren Richtpunkte angeben, mit denen sich die Zusammenfassungen der Twitter-Bibel lesen lassen.

Ich weiß nicht, wie sich Twitter als Dienst in den nächste Monaten entwickeln wird. Man kann auch zum Projekt einer „Twitter-Bibel“ ganz unterschiedliche Meinungen haben. Was aber für mich persönlich sehr interessant war: Bibelstellen zu lesen und zusammenzufassen, die ich seit Jahren nicht mehr gelesen habe und die in der alltäglichen oder auch gottesdienstlichen Bibellese bei Seite geschoben werden. Auch die verdrängten Abschnitte zu lesen, machte mich teilweise sehr betroffen, ließ mich persönlich aber auch einmal neu fragen, von welcher Mitte her wir die Bibel lesen. Wenn sich evangelische Theologie auf die Heilige Schrift allein gründet, müssen wir die Bibel lesen, aber in ihrer Gesamtheit und nicht nur in einer Auswahl von Lieblingsversen (und die unbeliebten Verse in den theologischen Giftschrank stellen). Um auskunftsfähig sein, dass bestimmte Passagen nicht wörtlich genommen auf unsere Lebenssituation übertragen werden können, brauchen wir ein Kriterium: „was Christum treibet“ - so können und müssen wir die gesamte Bibel lesen.

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