Eine Stunde, in der Trauer zur Sprache kommt

Ein Gottesdienst-Besuch in Herborn

Von Matthias Pape

Das Autoradio plärrt los: „11.30 Uhr. Stauschau. Es ist viel los heute – daher hier die Staus ab 4 km…“ So beginnen die Verkehrsmeldungen an diesem Karfreitag. Dem Todestag Jesu. Viel Betrieb bei tollem Ausflugswetter. Die Autobahn ist rappelvoll, die Autos sind mit Urlaubsgepäck beladen, die Cabrios offen, lange Motorradkolonnen dazwischen. Links und rechts von der Autobahn zartes Grün und bunte Blüten. Der Himmel strahlt blau, keine Wolke hindert den kräftigen Sonnenschein.

Es ist Karfreitag, und ich habe am Steuer meines Wagens das Gefühl, ich komme aus einer anderen Welt. Dabei komme ich nur aus Herborn. Eine kleine pittoreske Fachwerkstatt im Lahn-Dill-Kreis in Mittelhessen. Über den schiefergedeckten Häusern liegt, nein ruht auf dem Kirchberg die evangelische Stadtkirche.

Es ist kurz nach neun Uhr an diesem Karfreitag, der Gottesdienst beginnt um 9.30 h. Eine eigenartige Stimmung liegt in den Gassen der Stadt: Es ist anders, als wenn eine Kleinstadt sonst so langsam an einem Sonntagmorgen zum Leben erwacht. Irgendwie ist Karfreitag spürbar. Die Cafébesitzer fegen dezent den Bürgersteig mit einem unsicheren Blick, erste Gäste reden leise bei ihrem Kaffee. Karfreitag ist in dieser Morgenstunde zu spüren.
Die Stadtkirche ist sehr gut besucht. Viele ältere Besucher, aber auch einige jüngere Paare sind gekommen. Die Gottesdienstzettel am Eingang reichen nicht aus. „Hoher Besuch“ kommt heute in die evangelische Gemeinde: so wird als Gastprediger der Kirchenpräsident der Ev. Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Volker Jung, anfangs begrüßt. Der Kirchenpräsident ist vergleichbar mit einem Landesbischof, also der höchste Repräsentant seiner Landeskirche. Vielleicht ist der hohe Besuch der Grund dafür, dass vor dem Gottesdienst doch noch in den Bänken aufgeregt gemurmelt wird.

Die Stadtkirche hat den angenehmen Charme einer alten Dorfkirche. Die knarzenden Holzdielen, die doppelstöckige Empore, dunkle Epitaphien, hohe Sitzbänke; alles zusammen vermittelt dem Besucher ein Gefühl der Geborgenheit.

Der Gottesdienst wird eröffnet mit einem Vokalstück der Herborner Kantorei unter der Leitung von Regina Zimmermann-Emde. Ihr gelingt es mit ihrem Ensemble und dem Herborner Kammerorchester dem Gottesdienst die angemessene Prägung zu geben. Die Auswahl und Anordnung der Stücke zeigt, dass der Gottesdienst von allen Beteiligten gut geplant und komponiert wurde. So erlebt der Besucher einen intensiven Gottesdienst, der an keiner Stelle den Eindruck von Länge entstehen lässt.

Über der Kantorei, die im Chorraum hinter dem Altar singt, ist im zentralen Kirchenfenster der gekreuzigte Christus dargestellt. So wird der Hörer auch zum Betrachter des Zentrums von Karfreitag.

Zu diesem dichten Erleben des Karfreitags trägt die Predigt von Kirchenpräsident Dr. Jung einfühlsam bei. Man spürt den Seelsorger, wenn Jung seine Predigt mit dem Gedanken eröffnet, wie wohl die Trauernden in Winnenden nach dem Amoklauf oder in Italien nach dem Erdbeben den Karfreitag, das Sterben und die Trauer erleben. Die Gemeinde in Herborn ist durch diesen Beginn verbunden mit all den Opfern von Gewalt oder tödlicher Lebensgefahr. Jung spricht auch die Besucher an: was bedeutet das Sterben Christi für all diejenigen unter uns, die von Sorgen gequält werden oder die, die haben Abschied nehmen müssen. Jung wirkt bei diesen Ausführungen sehr authentisch. Er weiß, was Menschen bedrücken kann. Und man spürt: hier ist ein Raum, eine Stunde, in der Trauer zur Sprache kommen kann, die sonst manchmal schon verstummt ist. Einfühlsam, aber dabei doch immer auch angenehm sachlich, beschreibt Jung solche Situationen. In seiner Auslegung des Geschehens auf Golgatha – seine Textgrundlage ist Johannes 19, 16-30 – verweist Jung darauf, dass das Kreuz der „richtige Ort“ für all das Leid und die Trauer ist. Immer wieder zeigt er von der Kanzel auf den Gekreuzigten, den der Besucher vor Augen hat. Vom Kreuz her zeigt Jung die Hoffnung auf, die mit dem Kreuzzeichen verbunden ist. Die Hoffnung auf neues Leben bei Gott ist aber kein bloßer intellektueller Gedanke. Jung zitiert am Ende seiner Predigt Worte Dietrich Bonhoeffers in dessen letzten Lebensaugenblicken, die von solcher Hoffnung zeugen.

Mit einem Stück aus der Johannes-Passion von J.S. Bach wird der Gottesdienst beendet. Das „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine.“ lässt die Besucher getröstet hinaus gehen. Auf dem Kirchhof wird man von der hellen Sonne geblendet. In Grüppchen stehen die Besucher zusammen – so als ob man noch Zeit brauche, um sich wieder an die Welt zu gewöhnen.

 

 

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