„Aber ich kann gar nicht anders.“

Gedanken zum Osterfest von Arnd Brummer

An allen Sonntagen gedenken Christen rund um den Erdball der Überwindung des Todes durch den auferstandenen Christus. An Ostern aber geschieht dies mit besonderer Intensität.
An diesem Tag verwandelt sich Trauer in Zuversicht, Verzweiflung in Hoffnung, Angst in Vertrauen, Ausweglosigkeit in Freiheit.
Am schönsten sichtbar wird dies in der Geschichte der Maria aus Magdala, die am frühen Morgen zusammen mit Petrus und einem weiteren Jünger an Jesu Grab eilt. Sie finden die Grabstätte bis auf ein paar Leintücher leer. Petrus und sein Begleiter machen sich höchst irritiert davon. Maria Magdalena bleibt. So steht es in den Evangelien, hier der Wortlaut nach Johannes:

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh daher hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

Maria ist schon lange mit Jesus befreundet. Ein treuer Fan des Wanderrabbiners. Ihr Heimatdorf Magdala liegt in Galiläa, nicht weit von Nazareth entfernt. Dass sie ihn zärtlich „Rabbuni“ nennt, unterstreicht die Nähe.
Maria war an Jesu Seite, blieb in Blickkontakt - bei der Vernehmung durch den Hohen Rat, beim Prozess durch Pontius Pilatus, auf dem Weg nach Golgatha.
Hätte man sie gefragt, ob sie wisse, dass sie sich dadurch selbst in Gefahr bringe, hätte sie wahrscheinlich geantwortet: „Mag schon sein. Aber ich kann gar nicht anders. Er ist doch mein Freund. Ich verdanke ihm so viel. Bei ihm zu sein, in diesen schweren Stunden, das ist doch das Mindeste.“ Es war keine Kopfentscheidung, den bitteren Weg zum Kreuz mit zu gehen. Es war eine Herzenssache, alternativlos für Maria.
Und der frühmorgendliche Gang zum Grab war ebenfalls nicht Ergebnis einer Überlegung. Maria folgte ihrem Gefühl. Als Petrus und Co. irritiert von dannen zogen, blieb sie. Warum? „Ich kann es euch nicht erklären“, wird sie gemurmelt haben, „ich weiß nur, ich muss hier bleiben. Geht Ihr schon mal voraus.“
Sie ist geradezu blind vor Trauer und Schmerz, erkennt die Engel nicht und nicht den Mann, der da steht. Erst als er ihren Namen ruft - Maria! - und sie sich die Tränen aus den Augen gewischt hat, erkennt sie Jesus in ihm.
Es gibt einen Chanson-Text aus einem gut 80 Jahre alten Film nach einem Roman von Heinrich Mann, „Professor Unrat“. Der Song der Lola kommt mir in den Sinn, wenn ich Maria von Magdala und die Gabe ihrer größten Entschiedenheit beschreiben möchte: Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt/ denn das ist meine Welt und sonst gar nichts/ Das ist, was soll ich machen, meine Natur/Ich kann halt lieben nur und sonst gar nicht ...

Den Signalen aus der Seele folgen. Sie kommen aus einer Welt, in der es nicht um Profit und Nutzen geht, sondern um Freiheit und Liebe. Wer sich dafür entscheidet, wird in den Augen seiner Mitmenschen bald als unklug, unvernünftig oder töricht gelten, So wie die Christen in der DDR, die vor mehr als zwanzig Jahren weder einen Staat stürzen und noch weniger selbst regieren wollten. Sie kämpften für die Freiheit und Würde von Einzelnen. Sie entschieden sich, Verfolgte zu schützen, und wurden bald selbst verfolgt. Wer die Veteranen der friedlichen Revolution wie Markus Meckel oder Rainer Eppelmann heute befragt, erhält zur Antwort: Wir haben da nicht lange darüber nachgedacht, wir waren es unserem Glauben und uns selbst schuldig, Widerstand zu leisten. Meckel flog als junger Mensch von der Schule, Eppelmann saß gar im Knast. Und dennoch haben sie weiter gemacht. Der Weg der Anpassung wäre leichter gewesen.

Was will Maria aus Magdala am Grab, in aller Frühe? Kalt ist es. „Maria, du kannst dem Herrn sowieso nicht mehr helfen. Er ist tot. Aus und vorbei. Das war’s. Vergiss ihn! Denk’ an Dich!“
Aber Maria folgt ihrem Gefühl. Und sie wird belohnt. Nicht mit Geld oder Karriere. Mit einem Geheimnis, als erste, und mit dem Auftrag, es den anderen mitzuteilen: Christ ist erstanden!
 

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