Drei Wochen ohne Handy: Mein Erlebnisbericht. Teil 2
Nach dem Cliffhanger beim ersten Teil hier nun die Fortsetzung des Erlebnisberichts über meine Zeit ohne Handy:
Doch zu Hause der große Schreck: Meine Mutter lag seit einem Tag im Krankenhaus, Hand- und Fußgelenk gebrochen und bereits eine Operation hinter sich gebracht (mittlerweile ist sie zu Hause, es geht ihr schon etwas besser, Anm.). Als ich den Schock verdaute, schoss es mir durch den Kopf: „Nicht auszudenken, was hätte passieren können. Und niemand hätte mich benachrichtigen können, weil ich nicht erreichbar war.“
Zwei Tage später passiert es dann tatsächlich: Ich verpasse meinen Zug und muss auf den nächsten warten. Leider müssen meine Freunde nun ebenfalls auf mich warten, ohne zu wissen, was los ist und wann ich endlich ankomme. Und meinen Zettel mit den wichtigsten Handynummern habe ich zu Hause vergessen. Erneut: Frust pur. (Was würde ich jetzt für ein Handy geben…)
Hinzu kommen einige verärgerte oder verwunderte E-Mails meiner Freunde und Kollegen: „Was ist los mit dir, Daniel? Lebst du noch?“ oder „Warum gehst du nicht an dein Handy ran?“, sind Fragen, die mir aufzeigen, wie wichtig und größtenteils auch selbstverständlich ein Handy heutzutage ist. Ich will gar nicht wissen, wie viele (vermeintlich) wichtige Anrufe ich in den letzten Wochen verpasst habe.
Sind wir von Handy abhängig geworden? In nur so kurzer Zeit? Wenn ja, was bedeutet das? In den letzten Tagen habe ich gemerkt: Es geht auch noch ohne. Aber bei weitem nicht so gut. Ein Luxus-Problem, wie mir scheint. Vielleicht tut mir diese Entwöhnung ganz gut und macht mir neu bewusst, was wirklich wichtig ist im Leben, worauf es ankommt: Freundschaften, Beziehungen, Gemeinschaft.
Ohne Handy lebe ich auf den ersten Blick nicht besser, aber zumindest bewusster, entschleunigter und damit sicher auch ein Stück weit entspannter. Ich habe zwar nicht mehr Zeit als vorher, aber ich nehme mir mehr Zeit. Denn ohne Handy nehme ich meine Umwelt stärker wahr und höre meinem Gegenüber intensiver zu – da ist kein Handy, das mich von der Zugfahrt ablenkt oder während des Gesprächs unterbricht.
Sicher, das hat alles nur bedingt etwas mit meinem Handy zu tun (sondern vielmehr mit der Art und Weise, wie ich es benutze) – und doch musste es erst kaputt gehen, dass ich über dieses Thema nachdenke. Wie so oft im Leben schätzt man vieles erst, wenn es nicht mehr da ist. Und da der Defekt meines Handys Auslöser dieser Selbstreflektion war, bin ich dafür mittlerweile sogar ein Stück weit dankbar.
Für mich ist es eine wertvolle Erfahrung, denn ich lerne einiges: Ich brauche nicht ängstlich aus dem Fenster zu schauen und mich dabei „zersorgen“, ob ich den nächsten Zug bekommen werde; denn ich kann es ja doch nicht beeinflussen. Das wiederum erinnert mich an die Bergpredigt:
„Zermartert euch nicht mit Sorgen darüber, ob ihr genug zum Essen haben werdet! Macht euch auch keinen Kopf darüber, was ihr anziehen könnt! Denn euer Leben besteht aus viel mehr als der Nahrung. (…) Also zersorgt euch nicht mit Gedanken über die Zukunft! Denn jeder neue Tag bringt sowieso schon ausreichend Schwierigkeiten mit sich.“ (Matthäus 6,25;34, Das Buch)
Ich muss lernen, gelassener zu sein und Gott mehr zu vertrauen – denn letztendlich liegt alles in seiner Hand. Alleine deswegen hat sich diese Handy-freie Zeit, die ich so schnell nicht vergessen werde, gelohnt. Vielleicht finden sich ja ein paar mutige Nachahmer, die freiwillig für ein paar Tage auf ihr Handy verzichten – damit sie nicht wie ich dazu gezwungen werden müssen.
Hier endet mein Erlebnisbericht, den ich während meiner verspäteten Zugfahrt geschrieben habe. Ich verbrachte noch eine weitere Woche ohne Handy, erst seit letztem Wochenende habe ich wieder ein Mobiltelefon – diesmal ein Nokia 3310, falls das noch jemand von euch kennt (das alte Handy meiner Schwester). Zum Telefonieren und SMS schreiben reicht es allemal.
Ob ich auch weiterhin ohne ausgekommen wäre? Schwierige Frage. Wenn es sein müsste, ja. Denn die letzten Tage ging es auch ganz gut ohne, ich hätte mich beinahe daran gewöhnt. Aber auf Zugfahrten will ich die Vorzüge des Mobiltelefons dann doch nicht missen, und so komme ich zur Schlussfolgerung:
Ein Handy kann Freiheit und Sicherheit bieten, aber zugleich auch rauben. Je nachdem, wie man es verwendet. Dauerhafte und verlässliche Freiheit und Sicherheit jedoch kann es nicht garantieren, so viel steht fest. Warum also mehr als nötig freiwillig davon abhängig machen? Ich jedenfalls werde auch in den kommenden Monaten darauf achten, mich nicht zu sehr von der Geisel der Menschheit versklaven zu lassen.
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Kommentare
Früher
Früher hatten wir Telefonzellen. Mit Münzen. Aus dem Urlaub zu Hause anzurufen um zu berichten, daß es uns gut geht, machte es nötig, ganze Hände voll Münzen zu sammeln. Früher hatten wir Wählscheiben. Ein Ferngespräch (nach 18:00 Uhr...) über die dann oft überlasteten Leitungen zu schicken erforderte sehr, sehr viel Fingerdrehen.
Über noch früher will ich nicht reden, ich bin ja auch "erst" Anfang 40... Deshalb brauche ich nicht auf Telegramme von der Titanic oder den Pony Express einzugehen.
Später kamen dann die Handys, noch später holte ich mir auch eins. Noch immer benutze ich ein Handytelefonat nur für Dringendes, eine kurze Mitteilung, daß ich nicht am vereinbarten Ort bin, um mir eine konkrete Information zu beschaffen o. ä. Ich habe mir das beim Telefonzellentelefonieren gelernte "Fasse dich kurz" bewahrt (meine Eltern, die es mich gelehrt haben, übrigens nicht) und komme entsprechend verboten lange mit einer Kartenaufladung aus.
Jede neue Technik kann man zu seinen Gunsten einsetzen, oder sich von ihr beherrschen lassen. Der Übergang ist manchmal schleichend, darin liegt die größte Gefahr. Aber letztlich hat man es selbst in der Hand.
Lieber diogenes, vielen Dank
Lieber diogenes, vielen Dank für deinen Kommentar. Vor allem "Jede neue Technik kann man zu seinen Gunsten einsetzen, oder sich von ihr beherrschen lassen. Der Übergang ist manchmal schleichend, darin liegt die größte Gefahr." ist absolut wahr, eine sehr wichtige Erkenntnis. Danke dafür!
Daniel
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Früher gab es im Zug
Früher gab es im Zug Kartentelefone, d. h. ganz früher Münzer, und dann endlich Kartentelefone = ohne Stress unterwegs wichtige Telefonate erledigen oder eben sagen, dass man verspätet ist. Das fand ich schon eine tolle Errungenschaft. Aber heute ist eben alles auf Handybesitzer umgepolt. Warum hast Du Dir nicht im Zug einfach eins geliehen, um Deine Verspätung mitzuteilen?
Vielen Dank für dein
Vielen Dank für dein Kommentar. Leider hätte mir das Leihen eines Handys auch nicht viel geholfen, denn, ich zitiere: "Und meinen Zettel mit den wichtigsten Handynummern habe ich zu Hause vergessen." Was nützt mir also ein Handy, wenn ich keine Nummern bzw. sie zu Hause habe? (Durch die Möglichkeit, Handynummern im Telefonbuch abzuspeichern, merke ich mir die wenigsten Nummern noch im Kopf, sollte ich vielleicht mal wieder überdenken...)
Ich muss gestehen: Ich hatte so weit gar nicht gedacht, dass ich ohne Handy auch keine Nummern habe. ZU selbstverständlich war das für mich, zu ungewohnt war es ohne Handy. Es sind oftmals die kleinen Dinge, die es schwierig machen - an die man oftmals vorher gar nicht denkt.
Hinzu kommt, dass deine Frage auch eines verdeutlicht: Auch wenn ich ohne Handy könnte, dann höchstens auf Kosten anderer. Sprich: Dann wäre ich trotzdem noch von Handys abhängig, allerdings nicht mehr von meinem. Aber so ganz ohne Handy ginge dann doch nicht mehr. Und das würde die Abhängigkeit von Mobiltelefonen im Grunde nur bestärken - von der gesamten Gesellschaft und nicht mehr vom einzelnen Individuum.
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