Die Gretchenfrage

Daniel glaubt an Gott, Josch nicht. Zwei Weltbilder, die sich nicht vereinbaren lassen - oder haben die beiden doch mehr gemeinsam, als sie sich anfangs vorstellen? Ein elektronisches Streitgespräch in mehreren Teilen.

Daniel: Hey Josch! Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.

Josch: Ich glaube nicht an Gott, Daniel.

Daniel: Wieso das?

Josch: Ich denke einfach, dass ich mein eigener Herr bin und ich mein Schicksal in der Hand habe und nicht irgendeine himmlische Gestalt.

Daniel: Hast du denn schon mal versucht, herauszufinden, ob es vielleicht doch mehr geben könnte?

Josch: Was soll es denn noch mehr geben? Wir werden geboren und irgendwann sterben wir und kehren damit ins Nichts zurück. Dazwischen führen wir unser Leben. Und da passiert genau das, was wir daraus machen.

Allein meine Entscheidungen, mein Handeln und meine Gedanken haben Einfluss darauf, wie ich mich entwickle. Und auch meine direkte Umwelt mag einen nicht unerheblichen Einfluss darauf haben.

Daniel: Ist das nicht ein wenig langweilig? Das Leben nur von kurzer Dauer, eine einmalige Sache, danach alles vorbei. Und das war’s? Für manch einen nur 10 Jahre, für andere 90. Mehr gibt es da nicht?

Josch: Ne, was soll es denn da noch geben? Kannst du dich an die Zeit vor deiner Geburt erinnern? Nein, weil du da noch nicht existiert hast. Du warst irgendeine Molekülstruktur oder was auch immer. Erst bei deiner Zeugung wurde dieser Molekülstruktur Leben eingehaucht.

Und mit deinem Tod endet deine Existenz und du zerfällst zu Staub.

Daniel: Diese Vorstellung fände ich furchtbar. Würde es nicht den Egoismus in uns fördern?

Josch: Mit den hohen moralischen Werten nimmt es die Menschheit doch eh nicht so genau. Oder wie könntest du dir erklären, dass es so viel Elend und Leid auf der Welt gibt? Jeder muss halt für sich schauen, wo er bleibt.

Daniel: Ich denke schon, dass es einige Menschen mit der Moral sehr genau nehmen - manche vielleicht sogar ZU genau.

Das mit dem Elend und Leid ist natürlich so eine Sache. Wobei ich genau das auch als einen Mitgrund sehe, mich auf ein besseres Leben nach dem Tod zu freuen. Es wäre deprimierend, wenn das hier alles wäre und es keinen besseren Ort gäbe.

Und zu deinem letzten Satz: Das würde dazu führen, dass die Stärkeren immer stärker werden - auf Kosten der Schwächeren. Genau deswegen mag ich diese Denkweise nicht so. Die Wirtschaftskrise hat uns ja gezeigt, wohin das führt…

Josch: Oh, jetzt verstehst du mich glaube ich falsch. Ich bin auch jemand, der moralische Werte für sehr wichtig erachtet. Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, all das ist unverzichtbar für mein eigenes Leben. Und ich bin auch mit sehr vielen Dingen, die in der Welt passieren überhaupt nicht einverstanden, aber brauche ich Gott, um ein guter Mensch zu sein?

Ich denke, nicht. Ich kann ein guter Mensch sein, nach den Regeln leben, die ihr Gläubigen die 10 Gebote nennt, ohne dass ich an einen allmächtigen Gott glauben muss. Von der Institution Kirche ganz zu schweigen.

Daniel: Es geht hier aber nicht um “gut” oder “schlecht”. Wir alle haben doch schon mal etwas falsch gemacht. Da können wir noch so viel Gutes tun - mehr als unser Gewissen können wir damit auch nicht beruhigen. Denn wer an Gott glaubt, weiß: Später einmal werden wir alle vor ihm stehen. Dann kommt es darauf an, ob wir an ihn geglaubt haben oder nicht - und nicht, wie viel Gutes wir letztendlich getan haben. Und zu diesem Glauben haben wir nur auf der Erde die Gelegenheit. Gerade das macht unsere Zeit natürlich umso kostbarer.

Schon im Alten Testament hat man versucht, die 10 Gebote einzuhalten - vergeblich. Gerade deswegen ist ja Jesus Christus in die Welt gekommen, um uns doch noch einen Ausweg aus diesem Dilemma zu ermöglichen. Weil es eben nicht ausreicht, möglichst viel Gutes zu tun.

Josch: Ich sehe das viel rationaler als du. Ich bin mir bewusst, dass ich…

(Fortsetzung folgt.)

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