Der Masseneffekt und seine Anziehungskraft

40 Stunden und 38 Minuten habe ich bislang in Mass Effect 2 zugebracht. Fast meine ganze Crew ist mir gegenüber loyal, nur Zaeed, der menschliche Söldner, hat sich gegen mich entschieden. Jacob ist der letzte, dessen persönliche Vergangenheit ich aufarbeiten muss. Auf dem Weg habe ich die Rohstoffe unzähliger Planeten ausgebeutet, aus der rein menschlichen Besatzung meines Raumschiffes eine gemischte Crew mit kompetenten Außerirdischen gemacht und eine Affäre mit einer Quarianerin begonnen, die wegen ihres schwachen Immunsystems noch keinen Weg gefunden hat, aus ihrem Überlebensanzug zu steigen.

Und noch immer habe ich nicht das Gefühl, die Hälfte der Galaxie erkundet zu haben. Ich habe bis auf wenige Ausnahmen mit der Normandy II die bekannten Routen abgeklappert, habe erst drei nicht verzeichnete Asteroiden entdeckt und nur eine Handvoll interstellare Nebenmissionen erledigt.

Schon bis jetzt lagen zahlreiche Entscheidungen auf meinem Weg, die zu fällen nicht immer einfach war. Entscheidungen über Leben und Tod, über Ehrlichkeit und Lüge, über das Wohl einzelner gegen das Wohl vieler. Entscheidungen, die mich auch nach Stunden noch beschäftigten.

Ein nichtlineares Meisterwerk

Mass Effect 2 (Metacritic-Durchschnitt: 96/100) ist ein Meisterwerk der nichtlinearen Videospiel-Erzählkunst. Mein Commander Shephard ist anders als der Commander Shephard jedes anderen Spielers. Er sieht anders aus, er hat andere Entscheidungen getroffen, er ist einzigartig - so einzigartig, wie ich ihn geschaffen habe. Spieleentwickler Bioware hat es geschafft, Shephard zu einem persönlichen Charakter werden zu lassen, zu einer Figur, an der der Spieler richtiggehend hängt. Gerade dadurch, dass der Charakter aus Mass Effect 1 mit allen seinen Entscheidungen und ihren Folgen in das zweite Spiel importiert werden kann, ist es leicht, Herzblut an den Kommandanten der Normandy zu hängen.

Kein Shephard gleicht dem nächsten. Dadurch verändert sich auch das Spiel: ME 2 hat so viel Inhalt, dass ein Spieler gar nicht mehr alles davon sehen kann. Die vielen Entscheidungen verzweigen sich bis zum Ende so sehr, dass das Spiel automatisch personalisiert wird.

Manche Kommentatoren im Internet sagen, Mass Effect 2 sei kein Rollenspiel mehr - die Shooter-Anteile überwögen, und es gebe viel zu wenige Statistiken, die man für den eigenen Charakter und die Party-Mitglieder anpassen könne. Das ist Quatsch. Rollenspiele haben in der Vergangenheit - vor allem in ihrer Papier-Ausprägung - Statistiken und Würfelwürfe genutzt, um zu simulieren, was der Spieler nicht selbst tun konnte. Im Videospiel wird das durch die grafische Aufbereitung ersetzt. Wer da seinen Feind nicht trifft, hat halt selbst daneben gezielt, unabhängig von irgendeiner Statistik.

Kein Rollenspiel? Natürlich ist es eins

Statt willkürlicher Zahlen setzt Mass Effect 2 daher auf die Möglichkeiten des Videospiels, gepaart mit technischen Anbauten, Upgrades und Varianten für die Ausrüstung, die der eigene Charakter trägt. Das eigentliche Spielen einer Rolle kommt in den unglaublich variantenreichen Dialog-Optionen zum Tragen. Das ist nicht gebunden an Statistik, nicht an Würfelwürfe oder Charakterbögen. Es ist nur das, was der Spieler in seinem Kopf daraus macht. Wer hier nicht nur sich selbst spielen will, muss den eigenen Shephard im Kopf haben, muss wissen, wie die Figur, die man sich selbst entworfen hat, in dieser Situation reagieren würde. Die Vorbild- und Abtrünnigen-Punkte, die man dabei sammelt, spielen nur eine untergeordnete Rolle, auch wenn sie neue Dialogoptionen eröffnen.

Wer keine Einbildungs- und Vorstellungskraft hat, für den ist Mass Effect 2 wirklich nur ein Shooter mit Choose-Your-Own-Adventure-Elementen. Wer sich aber auf das Spiel, auf die Charaktere und auf den eigenen Shephard einlässt, für den ist Mass Effect 2 genial.

Übrigens: Heavy Rain (Metacritic-Durchschnitt: 88/100) auf der Playstation 3 verspricht ein ähnlich starkes Erzählwerk zu sein. Ich habe noch keinen Zugriff darauf, vornehmlich aus Mangel an Playstation 3. Aber ich habe mir fest vorgenommen, auch Heavy Rain zu spielen. Gerade solchen Spielen abseits der grauen, ewiggleichen Masse muss man eine Chance geben.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.8 (5 Bewertungen)

Kommentare

Verfasst von Lukas am 11. März 2010 - 14:01.

Bioware ist mittlerweile ein

Bioware ist mittlerweile ein Synonym für qualitativ extrem tiefgehende...

Bioware ist mittlerweile ein Synonym für qualitativ extrem tiefgehende Rollenspiele geworden. Ich habe Knights of the old Republic sage und schreibe 4 mal durchgespielt, nur damit ich hinterher wenigstens einmal den entscheidenden Kuss zwischen Bastila und Revan ( sehen konnte, die 3 unterschiedlichen Endsequenzen sehen konnte. Die Kombination Carth + weiblicher Held spielt sich übrigens auch sehr witzig :D

Auf ME2 bin ich schon gespannt...aber erstmal ist der erste Teil dran ;)

><> ><> ><> ><> ><> ><> ><> ><> ><> ><> ><> ><> ><> ><>
Lebe, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist, aber lebe es!

© 2009 - 2012 evangelisch.de  |  Tel: 069 58 098 - 189  |  Fax: 069 58 098 - 418  |  Kontakt  |  Impressum  |  Presse  |  Datenschutz  |  AGB