Wenn die Fortsetzung besser ist als das Original
Im Kino ist es häufig so, dass eine Fortsetzung den Charme, die Originalität, die Genialität und den Erfolg des Erstlinswerks nicht wiederholen kann. Manchmal gelingt es, durch neue Ideen das Debut zu übertreffen – Shrek und Shrek II fallen mir da ein. Aber oft ist es so, dass die Idee des ersten Filmes nicht weiter trägt und dass der erste immer noch der beste ist – insbesondere bei Actionfilmen, siehe Rambo, Stirb Langsam, aber auch Fluch der Karibik, Spiderman, Terminator oder Transformers. Manchmal wünscht man sich sogar, man hätte den zweiten und dritten Teil nie gesehen – Matrix Reloaded und Revolutions stehen da ganz oben auf der Liste.
Bei Videospielen ist das anders. Der zweite Teil ist meistens besser als der erste. Der Grund ist einfach: Beim ersten Mal muss einfach mehr entwickelt werden als beim zweiten. Der erste Titel ist in der Regel voller guter Ideen, aber nicht so aufpoliert wie der zweite. Nur: Wenn der erste Titel nicht gut genug war, verkauft er sich nicht oft genug, um einen zweiten zu ermöglichen.
Link und Zelda auf neuer alter Mission
Zweite Teile dominieren auch die letzten Monate von 2009 und die ersten von 2010: Uncharted 2, Modern Warfare 2, Assassin's Creed 2, Mass Effect 2, BioShock 2, Battlefield: Bad Company 2 – die ersten drei waren alle Kandidaten für das Spiel des Jahres 2009, die anderen drei gehören zu den meisterwarteten Spielen dieses Jahres. Und alle bauen auf den Qualitäten ihrer Vorgänger auf. Das gilt auch für "The Legend of Zelda: Spirit Tracks" für Nintendos DS, den Nachfolger von "The Legend of Zelda: Phantom Hourglass".
Das Spiel ist ein perfektes Beispiel, warum solche Fortsetzungen erfolgreich sind. Die Grafik ist identisch zum Vorgänger, nicht einmal deutlich aufgehübscht. Die Steuerung ist ebenfalls gleich, so dass jeder, der Phantom Hourglass kennt, direkt in Spirit Tracks einsteigen kann. Nur diesmal steuert man einen Zug statt eines Raddampfers.
Trotz der unübersehbaren Ähnlichkeiten ist Spirit Tracks aber so innovativ, dass man nicht denkt, das gleiche Spiel vor sich zu haben. Das DS-Mikrofon spielt diesmal eine wesentliche Rolle. Während in Phantom Hourglass nur ab und an mal eine Windmühle an- oder eine Kerze ausgeblasen werden musste, sind gleich die ersten beiden Gegenstände, die Link in Spirit Tracks erhält, zum Reinpusten gedacht. (Das funktioniert übrigens problemlos, außer man sitzt im Zug oder im Flugzeug. Da ist der Umgebungslärm einfach zu hoch, so dass das Mikrofon dauerhaft reagiert.)
Alte Elemente + neue Ideen = Spielspaß
Also bläst man fröhlich in das Mikrofon des DS und freut sich, dass der gewünschte Effekt direkt passiert. Mit den neuen Gegenständen werden auch die Puzzle-Elemente, die die Zelda-Spiele ausmachen, neu und frisch. Auch weil die Designer es erfolgreich geschafft haben, altbekannte Werkzeuge kreativ einzusetzen. Mit dem Bumerang zum Beispiel schafft man sich in einem der Tempel nicht nur Feinde vom Hals, sondern auch Eisflächen zum Drüberlaufen. Das gab es in Phantom Hourglass noch nicht.
Das Spiel ist einfach die perfekte Re-Kombination aus alten Elementen und neuen Ideen, zugleich bekannt und neu, zugänglich und überraschend. Die deutsche Übersetzung ist übrigens nicht immer ganz präzise, so dass die Hinweise auf des Rätsels Lösung im englischen Originaltext einfacher zu entschlüsseln sind. Aber das tut dem Spaß nur an einer Stelle Abbruch, und die muss man dann eben im Internet nachschauen.
Die nervigen Elemente aus dem ersten Spiel – vornehmlich immer den gleichen Tempel durchqueren zu müssen, um weiterzukommen – sind verschwunden. Zwischen den Hauptmissionen kann man nun noch mehr verschiedene Dinge machen, zum Beispiel die Bewohner der Welt mit der eigenen Hilfsbereitschaft beglücken. Das schaltet neue Schienen zum Befahren mit dem Zug frei und gibt einem noch mehr zu tun – eine tolle Belohnung für Hilfsbereitschaft. Dadurch verlängert sich auch die Spielzeit auf gut 15-20 Stunden, ohne dass Langeweile aufkommt. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, die ganze Zeit nur Nebenmissionen zu erledigen.
Klare Empfehlung für jeden DS-Besitzer
Ist Spirit Tracks damit besser als Phantom Hourglass? Ich sage: Ja. Das Grundkonzept ist zwar gleich, aber in den Details schlägt Spirit Tracks seinen Vorgänger - zumindest wenn man Bahnfahren mag. Die nervigen Elemente aus dem ersten Spiel zugunsten einer größeren Vielfalt in den Nebenmissionen zu ersetzen ist übrigens ein Handgriff, den sowohl Assassin's Creed 2 als auch Mass Effect 2 beherrschen. Mass Effect 2 ist gerade erst erschienen, aber Assassin's Creed 2 ist noch aus dem vergangenen Jahr. Und genau wie Spirit Tracks lockert es die Spielwelt auf, gibt neue Anreize und ist nur schwer aus der Hand zu legen.
Assassin's Creed 2 ist so gut gemacht, dass es mich keinerlei Überwindung gekostet hat, volle 1000 Achievement-Punkte zu erreichen. Aber die sind ein anderes Thema. Die Sammelstempel in Spirit Tracks jedenfalls geben mir nicht ansatzweise so viel Spielanreiz wie die Achievements in Assassin's Creed 2 – aber das ist ein Thema für ein anderes Mal. Bis dahin empfehle ich jedem mit einem DS, sich die Zeit mit "The Legend of Zelda: Spirit Tracks" zu vertreiben.
The Legend of Zelda: Spirit Tracks, Nintendo DS, Publisher: Nintendo, etwa 35 Euro.
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