Sarrazin als Kohlhaas
Es ist Heiligabend, die letzten Geschenke wollen gekauft, der Baum geschmückt und die Gans in den Ofen geschoben werden. Fassen wir uns also kurz.
Meinung statt Fakten, so lautet in den Feuilletons die Kernthese über den Zustand des Journalismus.
Heute sind Journalisten wieder zu Propagandisten geworden, wieder unter dem Vorwand des Patriotismus.
Schreibt die Süddeutsche (Seite 23) über den Journalismus in den USA. Und stellt fest:
Die Polarisierung der Medien kann man sich gar nicht extrem genug vorstellen.
Fox News rechts, MSNCB und Huffington Post links: So sieht sie aus, die amerikanische Medienwirklichkeit, die unter anderem folgendes Problem mit sich bringt:
Ein Aktivist der Tea-Party und ein Obama-Wähler haben sich nichts zu sagen, im Wortsinne: Es fehlt ihnen die gemeinsame Faktenbasis, über die sie sich austauschen könnten.
Gar nicht extrem genug kann man sich wohl auch nicht die Polarisierung über das Sachbuch des Jahres, "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin, vorstellen. Das findet jedenfalls der Autor selbst, der heute in der FAZ nochmals auf einer ganzen Seite (nämlich Seite 33) seine Sicht der Dinge darlegen darf. Allein wegen des Fotos - Sarrazin mit Weihnachtsmütze und Sonnenbrille vor einem Glühweinstand - lohnt es sich, den Text einmal anzuschauen. Eine fehlende gemeinsame Faktenbasis bemängelt auch Sarrazin:
"…mit der von mir zitierten Literatur hat sich,..., kaum einer auseinandergesetzt... ."
Das hat nun dazu geführt, dass sich in Thilo Sarrazin Verachtung breit gemacht hat.
"Diese Verachtung sitzt mittlerweile tief. In Politik und Medien gibt es nach meiner Überzeugung heute keineswegs mehr, sondern eher weniger Zivilcourage und wirklich unabhängiges Denken als in der Weimarer Republik oder in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik.“
Wohin das unabhängige Denken in der Weimarer Republik geführt hat, wissen wir allerdings. Und das unabhängige Denken in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik bestand nach Ansicht verschiedener Historiker ja in Verdrängung. Aber Sarrazins These vom "überbordenden Opportunismus" und "kriecherischer Feigheit rings um uns" wollen wir uns aufgrund eigener Lebenserfahrung dennoch anschließen.
Jedoch erlauben wir uns die Frage, warum Sarrazin zwar viel von seinen Kritikern in Medien und Politik erwähnt, aber die mediale Unterstützung unter anderem der "Bild", jenem freidenkenden Organ der denkenden Masse, geradezu unerwähnt lässt. Liest er "Bild" so wenig wie die Kanzlerin sein Buch? Wenn ja, dann möchte man ihm zu diesem Teil selektiver Wahrnehmung durchaus gratulieren. Ebenso wie zu den vielen positiven Begegnungen mit Menschen, die sein Buch gelesen haben und von denen er in der FAZ ebenfalls ausgiebig berichtet:
"Und im Duisburger Taxifunk wünscht man den Taxifahrern mittlerweise alles Gute zum Opferfest anstatt zu den Weihnachtstagen."
Nur ein einziger "türkisch- oder arabischstämmiger" Achtzehnjähriger, habe ihm einen Stinkefinger gezeigt, berichtet Sarrazin weiter, was dann wiederum dafür spricht, dass es in dem sich abschaffenden Deutschland weitgehend gesittet zugeht und man auf Bahnsteigen und in Innenstädten lauter nette Leute trifft, die Zuspruch leisten.
Was Sarrazins Text fehlt, ist Bescheidenheit:
Mit ein bisschen Michael Kohlhaas im Blut hätte ich eine Staatskrise herbeiführen können.
Michael Kohlhaas wurde 1540 in Berlin öffentlich gerädert. Im Vergleich zu einem drohenden Ausschluss aus der SPD ist das natürlich harmlos. "Michael Kolhaas" ist zugleich der Titel einer Novelle von Heinrich von Kleist, über dessen journalistisches Wirken als Herausgeber und Redakteur der „Berliner Abendblätter“ die SZ (Seite 23) heute berichtet, weil die "Abendblätter" von der Universität Würzburg als Faksimiles im Netz veröffentlicht werden. Man sollte sich beim Lesen nicht zu viel erhoffen:
Kleist schrieb die Beiträge zum größten Teil selber und ging dabei, wie die Literaturwissenschaft lange glaubte tadeln zu müssen, weit unter sein Niveau.
Aber schon Kleist hatte im frühen 19. Jahrhundert Gedanken, die man durchaus zeitlos nennen könnte und die nicht nur für den aktuellen Journalismus in den USA gelten dürften:
"Das Volk ist", wie der Volksbildner Kleist einmal seufzend bemerkt, "immer wie ein Kind." Es lässt sich nicht erziehen, ewig lüstet es nach Sensationen.
Oder wie Sarrazin festellt:
Viele Politiker warten darauf, dass die durch das Buch ausgelöste Resonanz im Windschatten der nächsten Aufregung verschwindet.
Das Publikum will also immer wieder Sensation – und vielleicht auch Vereinfachung? Nikolaus Piper schreibt über den Journalismus in den USA:
In der Unübersichtlichkeit, die Internet und Kabelfernsehen schufen, verkauft sich der am besten, der am lautesten schreit. Und Hass ist dabei der Renner. … Alle großen Probleme der gegenwart sind extrem komplex – der Klimawandel, die Sanierung der Staatsfinanzen, die Sicherung der Sozialsysteme. Wenn aus Redaktionen "War Rooms" (Glenn Beck) werden, dann wird die Komplexität zu Glaubenssätzen reduziert, dann wird Politik blockiert.
Vielleicht trifft diese Diagnose auch auf "Deutschland schafft sich ab" zu. Und vielleicht liegt ein Teil des Problems an dem Buch auch darin, dass nicht nur die Kritiker, sondern auch viele Befürworter es gar nicht gelesen haben. Wie sagt Kleist:
Wer keinen Geist besitzt, hat keinen aufzugeben.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!
Altpapierkorb
+++Christian Wulff hat laut Sarrazin wenig Ahnung vom Islam. Seine Weihnachtsbotschaft hat der Bundespräsident aber vor Publikum aufgezeichnet, was ein absolutes Novum ist. Dem Bild bei
tagesschau.de zufolge, bekam er sozusagen stehende Ovationen für seine warmen Worte, die auch zum Thema Integration fielen: "Unsere Gesellschaft ist frei und bunt: Wir leben in verschiedenen Lebenswelten, wir sind unterschiedlich, was unsere Herkunft angeht, unsere Religion, unsere Bildung und unsere Träume vom Glück"+++
+++Stephanie zu Guttenberg will eine neue Aufgabe übernehmen. Ab 2011 wird sie Botschafterin von Springers Hilfsorganisation "Ein Herz für Kinder". Die Bindung zu "Bild" wird also noch enger. (Bild Seite 1)+++
++Die TV-Kritik des Tages handelt vom "Tatort" aus Kiel (FR Seite 37, taz Seite 12). Das Exposé zu dem Streifen lieferte Henning Mankell, was die Sache aber offenbar keinesfalls besser macht. „Das Ergebnis wirkt kurios zusammengestöpselt, aber es wirkt“, urteilt noch gnädig die FR. Die taz fragt angesichts diverser Mankell-Filme in der ARD: „Nimmt das denn kein Ende?“
+++Die FAZ (Seite 44) freut sich derweil, dass der „Grüffelo“ nun auch ins Fernsehen kommt: „Den Machern ist etwas Besonderes gelungen“.
+++In der FR darf Chef-Hostess „Beatrice“ vom „Traumschiff“ alias Heide Keller ein Interview geben. Offenbar war das Gespräch mit Antje Hindebrandt nicht völlig harmonisch: „Und wie Sie vielleicht merken bin ich lange nicht so geduldig und liebevoll wie die echte Chef-Hostess.“+++
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