Bauer kämpft gegen Verstopfung

Im Bauer-Verlag hat nun eine Frau das Ruder übernommen, die gegen Verstopfung kämpft. Das ZDF entrümpelt sein Programm und "Bild" will bestimmte Deutsche häufiger im TV sehen.

Da ist man mal zehn Tage im Urlaub und alles ist anders: Leslie Nielsen und Maria Hellwig sind tot, in Hamburg wird neu gewählt und Wikileaks veröffentlicht Botschaftsdepeschen aus denen hervorgeht, dass Guido Westerwelle manchmal aggressiv ist. Das reicht eigentlich schon für eine volle Rückblickssendung im deutschen Fernsehen. Im Studio: Margot Hellwig zum Tod ihrer Mutter, Liveschalte in den Knast zu O.J. Simpson, um über alte Nackte-Kanone-Filme zu reden, Ole von Beust darf – wenn er will - Sylt und junge Männer preisen und dann gibt es noch ein Interview mit Helmut M. zum Thema Maulwürfe in der FDP.

Nicht ganz so, aber schon so ähnlich, hat es Johannes Baptist Kerner gemacht, der bei Sat.1 den Jahresrückblicksreigen 2010 eröffnet hat, was FAZ.net eine Schnellkritik (Bei sueddeutsche.de heißt das "Eine kleine Nachtkritik", bei FAZ.net "Frühkritik". Merke: In Frankfurt steht man früh auf, in München geht man spät schlafen.) aus der stets flotten Feder von Peer Schader wert ist, der uns einen Einblick in die Geheimnisse des Rückblickswesens spendiert:

Es gehört zu den größten Missverständnissen, von "Jahresrückblicken" im deutschen Fernsehen tatsächlich ein Abbild relevanter Geschehnisse zu erwarten - zumindest eines, das mehr ist als bloß eine vertonte Bildergalerie. Eigentlich geht es den Fernsehmachern um Schicksale; um Menschen, denen man auf die ein oder andere Weise einen "Schutzengel" andichten kann; und um Anekdoten, die das Publikum zum Staunen bringen. Den Rest kennt es ja schon.

Stimmt! Was man eigentlich auch schon kennt sind TV-Auftritte von Stephanie zu Guttenberg, Hape Kerkeling, Thilo Sarrazin oder Peter Zwegat. Das hindert "Bild" aber nicht daran, diese und andere Promis in die Riege der 30 Deutschen aufzunehmen, die "wir" öfter im TV sehen wollen. Wobei allerdings nicht ganz klar ist, ob mit "wir" die "Bild"-Redaktion gemeint ist oder womöglich der Fernsehzuschauer. Eine repräsentative Umfrage liegt der Liste allerdings erkennbar nicht zu Grunde, weshalb es auch nicht wundert, warum "Bild" nun ausgerechnet die Leute öfter im TV sehen will, über die es ohnehin ständig schreibt.

Spannend an der Liste sind aber nicht nur die Auslassungen, sondern auch die Tatsache, wie mit 30 Namen Meinung transportiert wird. Mehr im TV verlangt wird Thilo Sarrazin, weil er die "Bibel der politisch Inkorrekten" geschrieben habe. Und SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky soll häufiger auf die Mattscheibe, weil er ausspricht, was ihm in Berlin-Neukölln bei Ausländern und Deutschen nicht passt. Kaja Yanar wiederum soll auf den Schirm, weil keiner seine Landsleute mit so viel Herz "verarscht" wie er. Da wundert es nicht, dass "Bild" mehr "Urmel aus dem Eis" fordert und nicht etwa "Jim Knopf".

Der dollste Einstiegssatz des Tages findet sich heute im TSP und stammt von Sonja Pohlmann:

Manche Psychologen sagen, dass Vater-Tochter-Beziehungen harmonischer sind als Vater-Sohn-Beziehungen – eine Mutmaßung, die zwei der größten deutschen Verlagshäuser derzeit bestätigen.

Schon gekonnt, wie hier die Führungspersonalie Yvonne Bauer mit der causa Neven DuMont völlig sinnfrei verknüpft wird. Das hat nur der Tagesspiegel hinbekommen, die anderen (FAZ Seite 35, FR seite 37, SZ Seite 17) schreiben – wie der TSP dann schließlich auch - eher über Bauers Angriff auf das Presse-Grosso. Besonders schön illustriert hat das die FAZ, die ein Plakat der jüngsten Bauer-Kampagne mit der schönen Zeile "Leiden Sie auch unter Regalverstopfung?" abdruckt (Beim Bauer-Verlag denkt man offenbar, dass man Verstopfung am besten mit Dünnpfiff beikommt). Ansonsten gleichen sich die Texte der verschiedenen Blätter im Kern. Im TSP heißt es etwa:

Drei der größten Medienhäuser Europas sind jetzt fest in Frauenhand: Liz Mohn regiert in Gütersloh das Bertelsmann-Reich mit Beteiligungen am Verlag Gruner + Jahr und der RTL Group, Friede Springer wacht über Europas größten Zeitungsverlag Axel Springer („Bild“, „Welt“), Yvonne Bauer ist die jüngste Powerfrau in ihrer Riege. 

In der FR knapper:

Nach Springer und Bertelsmann ist mit Bauer nun der dritte deutsche Medienkonzern in der Hand einer Frau.

Ansonsten ist wohl noch wichtig, dass Heinz Bauer seiner Tochter quasi als Ko-Pilot weiter zur Seite stehen will und dass Yvonne Bauer der Meinung ist, dass man im Internet schnell Geld verlieren, aber nur langsam verdienen kann. Kurz und knapp auch die Bauer-Hausmitteilung.

Angesichts dieser Meldungslage hat es die taz in Sachen Bauer deshalb auch bei einer knappen Meldung belassen und macht auf ihrer Medienseite (Seite 17) deshalb konträr zur "Bild" mit einem Artikel zum Thema, "ein Deutscher, den wir weniger auf dem Bildschirm sehen wollen" auf. Gemeint ist Norbert Lehmann, der ZDF.reporter moderiert. Aber nicht mehr lange, weil die Sendung dem neuen Programmschema zum Opfer fällt, das sich das ZDF erdacht hat und von der taz gelobt wird:

Zusammengenommen ist diese kleine Reform ein echter Gewinn – für den Sender, aber vor allem für das gebührenzahlende Publikum.

Der Gewinn ergibt sich laute taz unter anderem daraus, dass das ZDF künftig donnerstags Kinofilme senden kann und das Frauenmagazin "Mona Lisa" künftig samstags läuft statt sonntags, wo nun "Abenteuer Wissen" gesendet werden soll. Was den Gewinn beim Publikum angeht, wäre vielleicht auch etwas mit einer Liste von Deutschen zu erreichen, die "wir" (hier ebenfalls nicht repräsentativ verwendet, eher als "pluralis majestatis") weniger im TV sehen wollen. Auf den ersten drei Plätzen: Veronika Ferres.


Altpapierkorb

+++Irgendwie geht es deftig zu. Während Bauer sich über Verstopfung ärgert, macht die taz (Seite 17) einen "Scheißesturm über NRW" aus. Grund: Die Grünen im Landtag müssen wohl dem Staatsvertrag zum Jugendmedienschutz zustimmen. Das wiederum finden diverse Blogger unlustig. Die Grünen wollen jetzt nochmal mit der SPD reden.+++ Ebenfalls in der taz findet sich eine Meldung zu der Forderung, Kurt Beck als Vorsitzenden der Rundfunkkommission der Länder abzuberufen. Mit seiner Klage gegen den ZDF-Staatsvertrag habe Beck sich aus der medienpolitischen Solidargemeinschaft verabschiedet, findet ein CDU-Mann aus Schleswig-Holstein.+++

+++Daniel Haas sieht in der FAZ (Seite 35) Wikileaks auch als Fall für "literarische Ausleger". Er stellt eine These auf, von der man behaupten mag, sie sei mehr als eine These, sondern die Realität: "Vielleicht ist bei eingehender Recherche festzustellen, dass die Sarkozy-Invektiven oder die Merkel-Häme nur Variationen des journalistischen Geplappers der letzten Monate waren."+++

+++Hörspielkritiken sind auf den Medienseiten eher selten, die SZ (Seite 17) macht heute eine rühmliche Ausnahme und schreibt über "Planetenfeuer", ein Roman aus dem Jahr 1899, der nun vom Bayerischen Rundfunk als Hörspiel inszeniert wird.+++In Berlin hat ein SpeedLab Journalism stattgefunden. Die SZ schreibt darüber, wobei nicht klar wird, was das SpeedLab von anderen Journalismustagungen unterscheidet.+++

Das Altpapier meldet sich am Montag zurück

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Kommentare

Verfasst von HenrikSchmitz am 3. Dezember 2010 - 11:20.

Wie ich soeben aus erster

Wie ich soeben aus erster Hand erfahren habe, ist die Frühkritik bei FAZ....

Wie ich soeben aus erster Hand erfahren habe, ist die Frühkritik bei FAZ.net eigentlich auch eine Nachtkritik, abgeschickt um ca. 1.39 Uhr. Merke: In Berlin geht man spät ins Bett UND steht früh wieder auf!

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