Mit dem Hintern ins Gesicht: Das Altpapier vom Freitag

In Hessen spricht der Ministerpräsident den Verkehrsfunk und Giovanni di Lorenzo hat keine Lust auf Fanpost. Außerdem war früher alles besser.

Zu viele junge kriminelle Ausländer, will er gesehen haben. "Der ist ausländerfeindlich", schallte es ihm entgegen. Nun ist er weg: Roland Koch (CDU). Der hessische Ministerpräsident hat sein Amt bereits am Dienstag abgegeben. Sein Nachfolger, Volker Bouffier (CDU), backt schon deutlich kleinere Brötchen.

Wo Koch mal eben einen ZDF-Chefredakteur aus dem Amt fegte und sich als letzten Skalp seines Wirkens sozusagen den von Nikolaus Brender anheften konnte, verdrängt Bouffier gerade mal den Sprecher der Verkehrsnachrichten bei der Radiowelle HR1. Von wegen staatsfern! Beim Hessischen Rundfunk verkündet der MP höchst selbst die Staus des Tages (nachzuhören hier, rechte Spalte) und warnt die lieben Bürger vor Metallteilen auf der A 661 bei Preungesheim. Ein Frankfurter Stadtteil, der auch für Bewohner wie Birgit Hogefeld (RAF) bekannt ist.

Was die Staasferne des neuen MPs angeht sei noch erwähnt, dass beim HR gemunkelt wird, Bouffier habe als Innenminister dereinst eine Reihe über die Arbeit der hessischen Polizei "angestoßen", die senderintern unter dem Namen "Bouffis Bullen" firmierte. Auf weitere Programmhighlights mit dem neuen Ministerpräsidenten darf Hessen gespannt sein.

"Nett" ist es bei der Talkshow "3 nach 9" findet Marc Felix Serrao bei der Süddeutschen auf Seite 15. Früher hingegen sei es "mal wild und unberechenbar" gewesen:

Das war mal eine der interessantesten, weil unberechenbarsten deutschen Talkshows. Von Folgen wie dem "Thai-Mädchen-Eklat", in der sich die spätere Justizministerin Herta Däubler-Gmelin mit männlichen Prostitutionsfreunden anbrüllte und am Ende volle Gläser durchs Studio flogen, hat fast jeder schon gehört. Oder vom linksradikalen Krawallzottel Fritz Teufel, der den Bundesjustizminister Hans Matthöfer in der Show mit Zaubertinte beschoss.

Bei sueddeutsche.de findet "3 nach 9"-Moderator Giovanni di Lorenzo, solche Kritik ziemlich Käse:

Die alten Sendungen waren vor allem alt. Die Gäste waren fast alle alt. Und die Moderatoren, Gert von Paczensky oder Wolfgang Menge, waren es auch; die wunderbare Marianne Koch musste erst mal um den Nachweis kämpfen, dass sie als schöne Frau nicht geistig minderbemittelt ist. Sicher, das waren Gespräche, die von Meistern geführt wurden, die ich nach wie vor verehre. Aber unser aller Seh- und Hörgewohnheiten haben sich seitdem dramatisch verändert - Ihre auch. Wenn Sie sich diese Sendungen heute in voller Länge anschauen, Sie halten es nicht aus. […] Fernsehen ist unser kollektives Gedächtnis. Wenn Sie immer nur auf diese Ausschnitte schauen, ist das so, als ob Sie aus dem Leben alle langweiligen Stellen rausschneiden.

Ja, Herr Lorenzo, deshalb macht Youtube ja soviel Spaß, weil da eben alles Langweilige rausgeschnitten ist. Der Nachteil: Nach ein paar Jahren Youtube stellt man irgendwie fest, dass ohne die ganze Langeweile im TV ziemlich wenig Programm übrigbleibt, das sich zu verschnipseln lohnte. Alles was lustig und interessant ist, hat man irgendwie schon gesehen: Siggi den Schluckspecht, den DJ der guten Laune, den kleinen Jungen, der Lady Gaga singt und natürlich Herta die Furie.

Dass die "Zeit", die di Lorenzo leitet, keine Medienseite mehr hat und wohl auch so schnell keine bekommt, könnte daran liegen, dass er Medienjournalisten irgendwie nicht so richtig leiden kann. Jedenfalls sei bei diesen das "Früher war alles besser"-Mantra ausgeprägt. Und die Lorenzo wundert sich:

…wie wenig viele Medienjournalisten vom Fernsehen verstehen. Es muss ja einen Grund geben, dass sämtliche deutschen Talkshows dem Gast nicht mit dem Hintern ins Gesicht springen.

Vielleicht liegt es einfach daran, dass Talkshows gar nicht hüpfen können und keinen Hintern haben. Aber zugegeben: Wir dachten bislang immer, dass es daran liegt, dass Moderatoren die problemlos zwischen E und U hin- und herhüpfen irgendwie keinen Arsch in der Hose haben und lieber mit den Reichen und Schönen kuscheln als für die Armen und Entrechteten zu kämpfen. Alles falsch, klärt uns di Lorenzo auf:

In der Regel machen wir das aus drei Gründen nicht. Erstens: Wir üben ein Handwerk aus. Und wie jeder Handwerker wollen wir, dass die Arbeit gelingt. Zur Talkshow gehört, dass Sie den Gast zum Reden, nicht zum Schweigen bringen. Zweitens: Zuschauer ertragen allzu parteiische Fragesteller nicht. Wenn wir in der Sendung mal jemanden angehen, ist die Redaktion wochenlang damit beschäftigt, Protestbriefe und -Mails zu sammeln ... Sie haben keine Vorstellung: Tausende! Und drittens: Wenn das Ihr Markenzeichen wird, kommen irgendwann keine Leute mehr in die Sendung. Freche Fragen sind oft nicht mehr als die Eitelkeit des Journalisten. Ich nehme da ausdrücklich Politik- und Nachrichtenfomate aus: Da muss hart zur Sache gefragt werden.

Wir übersetzen also: Giovanni di Lorenzo springt Gästen nicht mir dem Hintern ins Gesicht, weil Schweigen doch nicht Gold ist, er keinen Bock auf Fanpost und überdies Probleme mit dem Alleinsein hat. Der Mann ist ein klarer Fall für Reinhold Beckmann!

Di Lorenzos neue Co-Moderatorin hat übrigens auch etwas gesagt in dem Interview mit sueddeutsche.de aber auch mit der Frankfurter Rundschau (Seite 35). Etwa zwei Drittel des kurzen Gesprächs mit Jan Freitag dreht sich um das Aussehen von Judith Rakers (Wenn man das Bild, das zum Thema Aussehen ja eigentlich gereicht hätte, mitrechnet, sogar 3/5). Da ist auch Frau Rakers genervt:

Als intellektuelles Blatt starten Sie mit meiner Haarfarbe? […]Reden wir nur übers Aussehen? […] Ich arbeite nicht an Gegenentwürfen, auch nicht zu Ihrem Fragestil.

Klingt so, als habe Jan Freitag gerade noch mal Glück gehabt, dass ihm Frau Rakers nicht mit dem Hintern ins Gesicht gesprungen ist.


Altpapierkorb

+++Nicht nur Koch, sondern auch Thilo Sarrazin ist demnächst vielleicht weg. Weg von der Bundesbank jedenfalls. Das haben wir vor allem den Medien zu verdanken, findet Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau (Seite 35), wenn auch ein wenig von hinten durch die Brust: Die Selbstdarstellung Sarrazins hat ihm mehr geschadet als alle unseren kritischen Artikel. Gleichwohl waren sie nötig. Sie halfen Sarrazin, seine Gedanken zu präzisieren. Und dadurch halfen sie uns. Denn je klarer Sarrazin glaubte sprechen zu müssen, desto verwirrter wurde seine Rede. Desto deutlicher wurde, dass er kein kalter Zahlenmensch, sondern ein Getriebener ist. Dass wir all das erleben konnten, ist das Verdienst der Journalisten der Zeit und der Welt, von Reinhold Beckmann, Frank Plasberg und von Michel Friedman, der Thilo Sarrazin das "Arschloch" entriss.+++

+++Zeitung lesen bildet, hat nun eine Studie herausgefunden. Das war der FAZ einen großen Artikel wert (Seite 35). Im Rahmen des Projektes erhielten 1023 Auszubildende für die Dauer eines Ausbildungsjahres eine der regionalen Tageszeitungen kostenlos zugestellt. Vorher und nachher führten die Forscher mit ihnen einen unangekündigten Allgemeinwissenstest durch [...]. Nach dem Projektjahr zeigte sich ein signifikanter Wissenszuwachs, der auf das regelmäßige Zeitungslesen zurückgeführt werden kann."+++ Hat das ARD-Nachtmagazin unzureichend recherchiert? Die FAZ bemängelt, in einem Beitrag über einen hungerstreikenden Mann vor der israelischen Botschaft in Berlin sei die Position des Botschaft nicht ausreichend dargestellt worden. Und: "Die Chefredaktion von "ARD aktuell", von der die Sendung redaktionell verantwortet wird, schafft es seit Tagen nicht zu antworten."

+++Die Verleger haben vorzeitig den Karneval eröffnet. Der VDZ schlägt eine Privatisierung oder Teilprivatisierung der öffentlich-rechtlichen Sender vor, erfahren wir bei der SZ (Seite 15). Passt nicht zum Werbeverbot, dass gelegentlich für ARD und ZDF auch gefordert wird.+++

+++Die "Welt" steht demnächst Kopf. Der Künstler Georg Baselitz gestaltet zum 1. Oktober eine ganze Ausgabe der Zeitung mit 25 Bildern zu deutsch-deutschen Themen. +++

+++Arte sendet eine Doku über "Embryos in der Milchkanne". Thema: Leihmutterschaft und Eizellenspende. Eine ausführliche Besprechung liefert die TAZ (Seite 17).+++

Das Altpapier meldet sich wieder am Montag

 

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