Simonis: „Die Welt schlägt manchmal Purzelbäume“

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Gott, Allah und die Frauen: Diskriminierung im Namen des Herrn?

Tacheles - Im Katholizismus dürfen nur Männer Priester werden. Das Kopftuch gilt manchen als Symbol der unterdrückten Frau im Islam. Und auch in der evangelischen Kirche sind Frauen in Spitzenpositionen rar. Sind Religionen frauenfeindlich? Oder meint es Gott besser mit den Frauen als die Kirchen von heute? Darüber stritten bei Tacheles – Talk am roten Tisch die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Dr. Ellen Ueberschär, die frühere Ministerpräsidentin Heide Simonis, die katholische Publizistin Gabriele Kuby, die Islamwissenschaftlerin und Autorin Lamya Kaddor („Muslimisch – weiblich – deutsch“) und Dr. Michael Schmidt-Salomon, „Deutschlands Chef-Atheist“, wie ihn der Spiegel nennt.

Die Werbung hat die moderne Muslima entdeckt, selbstbewusst im Business-Jackett, die zugleich lässig ihr Kopftuch trägt. Hat die Emanzipation die muslimischen Frauen in Deutschland erreicht?

Michael Schmidt-Salomon: Es gibt viele Muslima, die hier in Deutschland emanzipiert sind, auch weltweit, selbst im Iran. Und die wehren sich sehr entschieden gegen das Kopftuch. Es ist ja kein Zufall, dass Khomeini kurz nach der islamischen Revolution den Kopftuchzwang eingeführt hat, denn damit konnte man emanzipierte Frauen unter die Knute des Regimes drücken.

Jan Dieckmann: Ist das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung?

Lamya Kaddor: Entschieden nein. Ich trage zwar selbst keines und begründe das theologisch für mich. Das Kopftuch hatte mal eine Schutzfunktion, und dafür brauche ich es nicht mehr, dafür reicht mir, angemessene Kleidung zu tragen. Ich lebe den Islam für mich zeitgemäß. Aber einer Frau, die das anders sieht und aus freien Stücken Kopftuch trägt, darf man nicht unterstellen, dass sie unterdrückt ist.

Gabriele Kuby: Das Kopftuch ist ein Ausdruck von einer religiösen Haltung. Und wir sind eine pluralistische Gesellschaft – wenn jemand aus religiösen Gründen Kopftuch tragen will, stört uns das nicht. Eben so wenig wie die Kleidung von Mönchen und Nonnen. Es ist nur etwas anderes bei der Burka, die die Identität verhüllt.

In Hannover wurde Deutschlands erste muslimische Ministerin vereidigt. Wäre sie Ministerin geworden, wenn sie ein Kopftuch tragen würde? 

Ellen Ueberschär: Es wäre wahrscheinlich schwieriger gewesen. Aber das Kopftuch sollte im Grunde kein Hindernis sein.

Heide Simonis: Nein, unvorstellbar. Was glauben Sie, wäre dann in den Zeitungen losgewesen? Wenn ich Mönch oder Nonne werde, weiß ich, was ich tue, dann gehört dazu natürlich auch der Gehorsam dazu. Aber das Tragen des Kopftuchs zur Pflicht für alle Mädchen und Frauen zu machen, das kann ja wohl nicht wahr sein. Ich gehe schon wieder ganz langsam hoch. Das ist eine Machtfrage. Ich war drei Mal in Afghanistan. Und die Frauen haben gesagt, wenn sie kein Kopftuch tragen, wird es gefährlich für sie.

Gabriele Kuby: Das finde ich genauso problematisch wie Sie.

Heide Simonis:
Nun habe ich auch junge Muslima kennengelernt, die sagen, sie tragen es gern, und sie sehen auch ein bisschen kokett und nett damit aus. Aber sie müssen wissen was sie tun. Sie bringen etwas zum Ausdruck und wissen, die ganze Gesellschaft reagiert. Was bei uns früher die Jeans waren, sind bei denen hoffentlich nur die Tücher, die sie eines Tages noch ablegen.

Gabriele Kuby: Sie müssten unbedingt die Freiheit haben, Kopftuch zu tragen. Und wenn sie unter massivem Druck stehen, das Kopftuch zu tragen, ist das wieder eine andere Sache.

Heide Simonis: Sie dürfen in der Schule und im Büro kein SPD-Schild oder CDU-Schild tragen, damit es nicht zu einseitig wird. Aber ein Kopftuch darf man tragen!

Lamya Kaddor: Sie vergleichen den Islam mit einer Partei?

Heide Simonis: Ja, es ist auch eine Organisation.

Lamya Kaddor: Da wäre ich aber sehr vorsichtig mit diesem Vergleich, eine Religion gleichzusetzen mit der Politik.

Michael Schmidt-Salomon: Es gibt auf jeden Fall einen sozialen Druck von sehr orthodoxen Muslimen dahingehend, dass Kinder Kopftuch tragen müssen. Und ich weiß aus Erfahrung, dass gerade liberale Muslime ein Kopftuch-Verbot an Schulen wünschen – damit Kinder einen Freiraum erfahren. Uns schreiben Muslimen, die sagen „führt das Kopftuchverbot doch bitte ein, denn der Druck bei uns in der Straße ist so stark, dass wir, obwohl wir es gar nicht wollen, unser Kind verschleiern müssen.“ Ich sehe das Kopftuch auch als ein Instrument zur Verhinderung von Integration. Es wird von muslimischer Seite nicht gewollt, dass eine muslimische Frau einen nicht-muslimischen Mann heiratet. Das gilt für sehr viele Rechtsauslegungen des Islam und für viele der deutschen Islamverbände. Durch das Kopftuch zeigt die Frau an, dass sie eben nur für den innermuslimischen Heiratsmarkt verfügbar ist. Und das ist ein Problem in unserer Gesellschaft.

Lamya Kaddor: Ihr Verständnis von Integration wundert mich sehr. Integration bedeutet, dass beide Seiten aufeinander zu gehen. Wenn Sie behaupten, Frauen zeigten mit dem Kopftuch, sie wollten sich nicht integrieren, muss man doch sagen: Welche Gesellschaft integriert sie aufgrund ihres Kopftuchs nicht?

Michael Schmidt-Salomon: Als säkular denkender Mensch stimme ich Ihnen zu, dass die Probleme auch auf der anderen Seite liegen. Dennoch ist es vielen muslimischen Frauen verboten, nicht-muslimische Männer zu heiraten. Und das ist ein Problem für die Integration.

Heide Simonis: Das ist jetzt zu zugespitzt. Meine Mutter war katholisch, mein Vater war evangelisch, die beiden heirateten. Und sie flog aus der Kirche raus und ließ ihre Kinder evangelisch taufen.

Ellen Ueberschär: Aber das Problem hat sich doch nicht dadurch gelöst, dass alle aus der Kirche ausgetreten sind.

Heide Simonis:
Doch, wir sind alle ausgetreten.

Ellen Ueberschär: Viele anderen sind nicht ausgetreten, sondern haben gesagt, wir wollen miteinander leben und wir wollen auch, dass es von unseren Kirchen akzeptiert wird. Und in ökumenischer Hinsicht ist sehr viel passiert. Es ist Unsinn zu glauben, dass die Probleme der Integration gelöst sind, wenn die muslimischen Frauen das Kopftuch absetzen.

Lesen Sie die gesamte Dokumentation unter www.tacheles.tv und diskutieren Sie mit unter mitreden.

Phoenix strahlt die Debatte am 2. Mai um 22.30 Uhr und am 9. Mai um 13 Uhr aus.

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