Tacheles - Religion und Meinungsfreiheit: Schluss mit lustig? Darum stritten bei Tacheles – Talk am roten Tisch in der überfüllten hannoverschen Marktkirche Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats, Prof. Bascha Mika, ehemals Chefredakteurin der Tageszeitung taz, die Bundesvorsitzende der Grünen, Claudia Roth und der Kabarettist Kerim Pamuk. Hier die Dokumentation der Debatte.
Weltweit kam es zu blutigen Protesten, als westliche Zeitungen, allen voran die dänische Zeitung Jylandsposten, Karikaturen von Mohammed abdruckte, etwa jene, die Mohammed mit einer Bombe im Turban zeigt. Auch die Tageszeitung taz druckte sie ab, warum?
Bascha Mika: Weil es um Fragen der Pressefreiheit ging. Die Reaktionen darauf machten es nötig, diese Karikaturen zu zeigen und deutlich zu machen, worum der Streit geht.
Ali Kizilkaya: Wollen wir in einer Gesellschaft leben, wo jeder jeden beleidigen darf oder brauchen wir nicht auch eine Kultur des Respekts? Auch im Alltag gehe ich nicht im Namen der Meinungsfreiheit mit meinen Nachbarn nach Belieben um. Es geht um Respekt.
Margot Käßmann: Kunstfreiheit und Religionsfreiheit sind Wahlverwandte. Ich würde die Kunstfreiheit immer verteidigen, aber es geht - da gebe ich Ihnen Recht – zugleich um Respekt und Verantwortung. Kunst kann etwas aufdecken: Georg Grosz hat 1926 Jesus mit der Gasmaske gezeichnet. Damals gab es einen Aufschrei, doch über die Jahrzehnte wurde das Bild zu einem Symbol dafür, wie Menschen im ersten Weltkrieg sinnlos ihr Leben lassen mussten. Auf der anderen Seite haben wir in den 30er-Jahren erlebt, wie Juden etwa mit dem Film „Jud Süß“ karikiert wurden. Dieses Zerrbild eines Menschen jüdischen Glaubens hat als Bild tief gewirkt und die Würde von Menschen angegriffen. Jemand, der eine Karikatur zeichnet, muss wissen, wie tief Bilder wirken und dass Respekt und Verantwortung Grenzen setzen.
Wie hätten Sie als Chefredakteurin entschieden – die Mohammed-Karikaturen abdrucken oder nicht?
Claudia Roth: Ich mache seit vielen Jahren Menschenrechtspolitik und kenne viele Länder, in denen Presse- und Meinungsfreiheit mit Füßen getreten werden. Daher weiß ich, wie reich wir an Freiheit sind. Trotzdem muss deswegen nicht alles gedruckt werden. Vermutlich hätte ich die Karikaturen beschrieben, aber nicht abgedruckt. Denn es war eine Zeit, in der Muslime unter Generalverdacht standen und viele Signale dafür sahen: Ihr gehört eigentlich nicht hier her.
Kerim Pamuk: Solche Karikaturen sind durch die Meinungsfreiheit abgedeckt, aber ich hätte sie auch nicht abgedruckt. Wenn eine Situation prekär ist und die Hysterie überhand nimmt, kann man über solche Probleme auch diskutieren, ohne die Karikaturen nochmals zu zeigen.
Mika: Man kann doch nicht so von oben herab mit einem Lese- und Medienpublikum umgehen und zu sagen: Das Publikum darf die Bilder nicht sehen, die sind böse, und ich als Journalistin entscheide, wie ich sie beschreibe. Wo leben wir denn? Wir diskutieren hier ja merkwürdigerweise gar nicht über Religion, sondern über Politik. Die Begründung war ja, weil die politische Situation so ist, verzichtet man besser auf den Abdruck. Respekt vor anders Denkenden und anders Glaubenden ist die eine Sache, aber man verletzt doch nicht den Respekt, wenn man ein kontroverses Thema öffentlich diskutiert.
Kizilkaya: Keine Freiheit ist grenzenlos. Nicht nur beleidigte Menschen ziehen die Grenze, sondern auch die Ethik und die Gesetze. Man darf nichts Jugendgefährdendes verbreiten, keine volksverhetzenden Karikaturen, es gibt Grenzen. Und deshalb darf man nicht im Namen der Freiheit die Freiheit und die Gefühle anderer verletzen, schon gar nicht mutwillig.
Haben Sie damals Angst gehabt in der Redaktion?
Mika: Nein, aber das liegt daran, dass wir in der taz eine Tradition im Umgang mit prekären Situationen haben, was die Meinungsfreiheit angeht. Wir waren die einzige Zeitung in Deutschland, die damals die satanischen Verse von Salman Rushdie abgedruckt hat. Dafür haben uns andere deutsche Medien auch kritisiert.
Roth: Es geht immer um die Frage: Was ist der Mehrwert für das Publikum? Was war der Mehrwert für das taz-Publikum, diese Karikaturen zu drucken, in einer Zeit, als der damalige US-Präsident Bush vom bösen Islam gesprochen hat?
Käßmann: Wenn ich eine Karikatur aus Angst vor Gewalt nicht veröffentliche, dann ist die Freiheit in der Tat bedroht.
Die taz hat ja anscheinend ein Faible für religiöse Grenzverletzung. Ostern 2009 bildete sie auf der Titelseite Klinsmann am Kreuz ab.
Käßmann: Das war geschmacklos. Ich bedauere, dass Jürgen Klinsmann seine Klage dagegen verloren hat. Als Christin und Theologin sage ich aber auch, dass Jesus am Kreuz die erste Karikatur ist. Gott selbst wird so erniedrigt, dass am Kreuz steht: Jesus von Nazareth König der Juden. Das ist bereits eine tiefe Verletzung der religiösen Gefühle derer, die an ihn geglaubt haben. Aber dieses Kreuz selbst dafür zu nutzen, einen anderen bildlich ans Kreuz zu nageln, eine Art öffentliche Hinrichtung, das geht zu weit, ich fand es schlicht geschmacklos.
Mika: Es ging nicht darum, Klinsmann herabzuwürdigen, indem man ihn bildlich ans Kreuz hängt, sondern deutlich zu machen, dass Klinsmann ein Opfer seines Vereins geworden ist. Die Abbildung war von Empathie für Klinsmann getragen.
Pamuk: Die Empathie kam nicht ganz rüber, Frau Mika.
Mika: Darüber kann man ja streiten. Wenn man weiß, dass die Originalszene in Monty Pythons Film "Das Leben des Brian" wirklich lustig und nicht gemein und nicht eklig ist, versteht man das.
Käßmann: Vielleicht die taz-Leser.
Pamuk: Ich ziehe Grenzen eher aus meinem persönlichen Geschmack heraus, und nicht wegen möglicher Reaktionen - die sind mir herzlich egal. Ich halte sehr wohl für legitim, sich darüber lustig zu machen, wie Leute Religion leben - gleich, ob es um Christen oder Muslime geht. Aber ich hätte nicht das Bedürfnis, die Bibel oder auch den Koran zu verunglimpfen, und zwar aus einem einfachen Grund - es ist alles Interpretationssache. Sie können sich Stellen aus dem Koran heraussuchen und feststellen, dass er reaktionär und frauenfeindlich ist. Das Gleiche können Sie auch mit der Bibel machen. Aber das Bedürfnis habe ich nicht. Ich möchte aber sehr wohl aufgreifen, wie Menschen Religion benutzen, um bestimmte Strukturen aufrecht zu erhalten, besonders zwischen Mann und Frau. Über das religiöse Leben kann man sich lustig machen.
Roth: Was nicht sein darf, dass eine Zeitung etwas nicht abdruckt, weil es Druck und Androhung von Gewalt gibt. Das gilt auch für Satire und Kunst - wo kämen wir denn hin, wenn wir in einem Land mit unserer Geschichte anfangen würden, die Kunstfreiheit einzuschränken? Trotzdem hat jeder Anspruch darauf, dass seine Würde respektiert wird.
Die komplette Dokumentation finden Sie unter www.tacheles.tv.


Kommentare
Tacheles - Schluss mit lustig
Die Debatte in "Tacheles" hat mich sehr gefreut. Margot Käßmann hat gut gesprochen. Differenziert und doch eindeutig. Dazu fällt mir heute auch ein Text aus dem TeDeum ins Auge, in welchem es im Buch Könige, 11.24 ff darum geht, das man nur dem einen G'tt folgen soll. Dass dies damals nicht geschah, führte zu Folgen, die bis heute wirken. Es lohnt, dies zu lesen.