Tacheles - Endet die Meinungsfreiheit bei religiösen Gefühlen? In ihrer Kolumne für www.tacheles.tv fordert die Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Dr. Margot Käßmann, religiöse Gefühle zu achten. "Leider gehen Satiren, Theaterstücke und Veröffentlichungen vielfach über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus", bedauert Käßmann.
Die evangelische Kirche tritt für Freiheit ein, für Meinungsfreiheit ebenso wie für Religionsfreiheit. Ich kann verstehen, dass sich viele Muslime durch die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen verletzt gefühlt haben. Leider gehen Satiren, Theaterstücke und Veröffentlichungen vielfach über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus. Dies erschwert den Dialog der Religionen, statt ihn zu fördern.
Wenn beispielsweise die Popmusikerin Madonna sich auf ihrer Tournee mit Dornenkrone an einem Kreuz präsentiert, ist das eine Selbstüberschätzung ungeheuren Ausmaßes, ein Missbrauch des Kreuzes, das für uns Christen eine tiefe existenzielle Bedeutung hat, letztlich allein der Selbstvermarktung wegen.
Niemals aber rechtfertigt die Verletzung religiöser Gefühle Gewalt. Eine Resonanz wie die auf die Mohammed-Karikaturen ist nicht zu rechtfertigen. In einer Demokratie kann öffentlich darüber gestritten werden, wo die Grenzen guten Geschmacks und schließlich auch der Meinungsfreiheit liegen. Gewalt und Religion sind für mich völlig unvereinbar.
Wir müssen damit leben, dass Religion hinterfragt wird bis hin zur Karikatur. Das Verhältnis von Kunst und Religion, Theater und Glaube hat bei allen Konflikten, die es immer wieder gibt, eine hilfreich-konstruktive Seite. Sie dient dazu, die Fragen nach dem Glauben, dem Leben und der Liebe zu stellen und zu eigenen Antworten anzuregen. Fest steht aber: Dies kann nur in Respekt vor religiösen Gefühlen gelingen, nicht aus purer Lust an der Provokation.

