Bundeswehr in Afghanistan: Krieg für gerechten Frieden?

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Dürfen deutsche Soldaten töten? Eine der Streitfragen am roten Tisch.

Tacheles - Die internationalen Streitkräfte in Afghanistan sollten das Land befrieden, den Terror eindämmen und den unterdrückten Frauen Gerechtigkeit verschaffen. Doch acht Jahre nach dem Beginn der Intervention werden die Soldaten immer mehr als Besetzer gesehen, agieren die Taliban zunehmend selbstbewusst. Drogenhandel und Verbrechen nehmen zu. Gibt es noch Chancen auf einen Frieden am Hindukusch? Dürfen deutsche Soldaten im Kampf gegen den Terror töten? Ist der Kampf gegen die Taliban ein religiöser Konflikt? Darüber diskutierten in der überfüllten Marktkirche in Hannover der evangelische Militärbischof Martin Dutzmann, der Publizist Peter Scholl-Latour, der Europaparlamentarier Elmar Brok (CDU), Prof. Michael Wolffsohn von der Universität der Bundeswehr in München und Nadia Nashir-Karim, Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins.

Bundeswehroberst Georg Klein protokollierte nach dem Bombenangriff auf zwei entführte Tanklaster in Afghanistan, er habe den Befehl gegeben, Aufständische zu „vernichten“. Ist es die Aufgabe der Bundeswehr, gezielt zu töten?

Elmar Brok: In Afghanistan herrscht Krieg. Wenn man ein Land aufbauen will und militärische Gruppen gegen diesen Aufbau vorgehen, muss man solche Leute außer Kraft setzen – soweit man die Verhältnisse wahrt.

Martin Dutzmann: Es ist nicht die Strategie, in Afghanistan zu töten. Ich bezweifle, dass wir alles über den Militärschlag am 4. September wissen. Wenn man dabei gezielt getötet hat, bezweifele ich, ob das ethisch zu verantworten ist.

Michael Wolffsohn: Es ging hier nicht um gezieltes Töten. Die Soldaten haben eine Gefahrensituation wahrgenommen, und sie haben reagiert und nicht agiert. Die früheren Bundesregierungen, die rot-grüne und danach die Große Koalition, haben so getan, als würde die Bundeswehr bloß Schulen bauen und Brunnen graben. Dies hat auch die bundesdeutsche Gesellschaft aus mir unerfindlichen Gründen nachvollzogen. Die Diskussion, wozu wir da sind, ist längst überfällig.

Peter Scholl-Latour: Dieser sehr traurige, dramatische und tragische Zwischenfall im Kundus hat dazu geführt, dass endlich über Afghanistan geredet wird. Wenn Bischöfin Käßmann sagt, nichts sei gut in Afghanistan, nehme ich an, dass sie damit nicht die Bundeswehr meint, sondern die politische Lage im Land. Sie ist in der Tat schlecht, der Präsident hat keine Legitimität. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht. Das einzige, was floriert, ist der Handel mit Opium und Heroin, und der wird nicht nur von den Taliban, sondern auch von den Warlords betrieben. Die halten nur so lange still, wie sie Geschäfte machen können. Die militärische Lage ist ebenfalls schlecht, auch wenn das geleugnet wird.

Nashir-Karim:
Viele Hoffnungen der Bevölkerung haben sich nicht erfüllt. Die Arbeitslosigkeit beträgt 44 Prozent, gerade viele junge Menschen sind arbeitslos, die Verbrechen nehmen zu. Aber wir sollten auch den Fortschritt sehen: Von sechs Millionen eingeschulten Kindern sind 2,2 Millionen Mädchen. 13 Prozent der Studierenden sind weiblich.

Es heißt doch, du sollst nicht töten – was bedeutet dieses Gebot für die Soldaten in Afghanistan?

Dutzmann: Das ist unseren Soldatinnen und Soldaten bewusst, und darüber sind unsere Militärseelsorger mit ihnen im Gespräch. Wir haben als Evangelische Kirche in Deutschland mit unserer Friedensdenkschrift versucht, deutlich zu machen: Anzustreben ist der gerechte Friede. Trotzdem kann es Situationen geben, in denen Gewalt angedroht und ausgeübt werden muss. Das ist jeweils sehr genau abzuwägen.

Gilt es also, das Militär im Land zunächst noch aufzustocken?

Brok: Wenn es damit gelingt, druckvoll Verhandlungen mit den Taliban aufzunehmen, dass man einen friedlichen Übergang hinbekommt, könnte das einen Sinn ergeben – als Ausstiegsszenario zur Bekämpfung des Terrors.

Dutzmann: An dem Punkt bin ich sehr skeptisch. Ethisch vertretbar wäre so ein Handeln nur, wenn es ein klares Konzept gibt. Militärisches und ziviles Handeln müssen vernetzt sein. Das zivile Handeln muss Vorrang haben. All diese Bedingungen sehe ich nicht als erfüllt an.

Scholl-Latour: Um aus einem Krieg herauszukommen, muss man mit dem Gegner reden. Mit dem Gegner muss man vereinbaren: Wenn ihr an die Macht kommt, müsst ihr dafür sorgen, dass von eurem Gebiet kein internationaler Terror mehr ausgeht.

Nashir-Karim: Für die militärischen Anstrengungen werden jährlich fünf Milliarden Euro ausgegeben. Damit könnte man das Land zum Blühen bringen. Ich halte es für eine schlechte Idee, noch mehr Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Man sollte die Streitkräfte stufenweise abziehen und gleichzeitig Polizei, Armee und Justiz aufbauen, damit kein Vakuum entsteht. Übrigens, kaum noch einer redet davon, dass die Taliban anfangs von den Amerikanern unterstützt worden sind.

Margot Käßmann hat mehr Phantasie für den Frieden gefordert…


Dutzmann:
…Recht hat sie!

Die komplette Dokumentation finden Sie auf www.tacheles.tv
Tacheles – Talk am roten Tisch widmet sich am 18. Februar um 19 Uhr in der hannoverschen Marktkirche der Integration von jungen Muslimen in Schule und Beruf, mit dem Braunschweiger Bischof Friedrich Weber, der Buchautorin Necla Kelek und weiteren Gästen.

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