Interview - Eine Ehe oder Partnerschaft muss im Alltag vielen Belastungen standhalten. Honeymoon war gestern, heißt es da schnell, wenn die ersten Krisen anstehen. Patentrezepte gibt es nicht, aber viele Paare stehen irgendwann vor den Fragen: Wie übersteht die Liebe den Alltag, wann sollte man sich zusammenreißen, wo ist wirklich Schluss? Und welchen Unterschied macht es, zu heiraten? evangelisch.de hat bei der Pfarrerin und Eheberaterin Christiane Vetter nachgefragt.
evangelisch.de: Hochzeitsplaner sind in Mode - aber nach dem rauschenden Fest beginnt der Alltag. Was kann man dafür tun, dass das gemeinsame Leben gelingt?
Christiane Vetter: Im Trubel des Alltagslebens wird die Partnerin, der Partner oft für selbstverständlich erachtet - und damit aus den Augen verloren. Um das zu vermeiden, ist es wichtig, bewusst Zeit miteinander zu verbringen und zu gestalten, gemeinsame Projekte zu planen und in Angriff zu nehmen, achtsam miteinander umzugehen und dankbar wahrzunehmen, was der Partner für einen tut. Essenziell ist es, miteinander im Gespräch zu bleiben, immer wieder Lebenserfahrungen, Gedanken und Gefühle einander mitzuteilen. Kaum ein Paar wird an Krisen vorbeikommen. Hier gilt es beharrlich zu bleiben im Bemühen, einander zu verstehen. In manchen Fällen kann Beratung oder Therapie hier weiterhelfen, wenn man zu zweit in einer Sackgasse steckt. Was nun den aktuellen Fall des Glamourpaares Jolie/Pitt angeht: Ich vermute - soviel lässt sich aus Außenansicht sagen - dass sie sich übernommen haben: mit anspruchsvollen Karrieren, einem Leben auf dem Präsentierteller, der Verantwortung für drei Adoptivkinder aus unterschiedlichen Kulturkreisen und für drei eigene kleine Kinder. Auch ein Heer von Nannys kann diese vielen emotionalen Ansprüche nicht wegfiltern.
Die "apokalyptischen Reiter"
evangelisch.de: Angenommen, man kommt mit seinem Partner nicht mehr klar. Wann ist es besser sich zu trennen? Wann sollte man sich zusammenraufen und es noch einmal miteinander probieren?
Vetter: Solange beide Partner noch positive Gefühle und ein bisschen Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft haben, sollten sie sich engagieren, um ihre Ehe zu retten. Es gibt aber Signale, der amerikanische Psychologe John Gottmann spricht von "apokalyptischen Reitern", die das Scheitern einer Beziehung wahrscheinlich machen. Er nennt anhaltende "Kritik und Verteidigung, Verachtung, Rückzug, Machtdemonstration". Das Beziehungsende wird eingeläutet, wenn nur noch gestritten und nicht mehr miteinander gelacht wird, wenn wesentliche Bedürfnisse (zum Beispiel nach Zärtlichkeit, Sexualität, Loyalität) über Jahre chronisch unbefriedigt bleiben, wenn Konflikte und Beziehungsstress krank machen, wenn Zweifel an Selbstwert und Lebenstüchtigkeit überhandnehmen und das Leben außerhalb der Ehemisere nicht mehr wahrgenommen wird.
evangelisch.de: Wer nicht verheiratet ist, braucht sich bei einer Trennung auch nicht scheiden zu lassen. Ist eine Trennung bei unverheirateten Paaren einfacher als die Scheidung bei Ehepartnern?
Vetter: Mit der Eheschließung wird die Verbindlichkeit der Partnerschaft öffentlich gemacht, eine Scheidung hat rechtliche und finanzielle Konsequenzen. Trotzdem kann die Trennung eines unverheirateten Paares ebenso schmerzlich und schwierig verlaufen. Das hängt im Einzelfall von der Dauer und Qualität einer Beziehung ab.
"Wegen der Kinder zusammenzubleiben - nicht der schlechteste Grund"
evangelisch.de: Ist die Trennung bei kinderlosen Paaren leichter als bei Paaren, die Kinder haben? Was sagen Sie, wenn ein Paar nur um der Kinder willen zusammenbleibt?
Vetter: Ja, Paare ohne Kinder können sich unproblematischer trennen. Wenn sie nicht wollen, brauchen sie sich niemals wieder zu sehen. Paare mit Kindern dagegen haben lebenslänglich als Eltern miteinander zu tun. Bevor die Kinder volljährig sind, tragen sie beide Verantwortung für das Kind und müssen sich absprechen. Auch bei erwachsenen Kindern werden sie immer wieder voneinander hören, einander treffen oder sich bewusst aus dem Weg gehen müssen, zum Beispiel bei Familienfeiern. "Wegen der Kinder zusammenzubleiben" ist vielleicht nicht der schlechteste Grund. Wenn es allerdings der einzige ist, und nur noch Streit, Verachtung oder gar Gewalt das Familienklima prägen, ist auch für Kinder die Trennung die bessere Option.
evangelisch.de: Wer kirchlich heiratet, verspricht bis zum Lebensende mit dem Partner zusammenzuleben. Darf man sich als Christ oder Christin eigentlich scheiden lassen?
Vetter: Nach evangelischem Verständnis geben Christen bei der kirchlichen Trauung das Versprechen "in guten wie in schlechten Tagen" zusammenzuleben "bis dass der Tod sie scheidet" mit voller Überzeugung, ohne Vorbehalt. Es gehört aber zum Menschsein, dass wir trotz aller guten Absichten scheitern können, dass wir in Beziehungen zu anderen Menschen Fehler machen, schuldig werden. Dem trägt Jesus Rechnung, wenn er im Matthäusevangelium, Kapitel 19 die Ehescheidung zwar nicht gut heißt, aber einräumt, dass Scheidebriefe ausgestellt werden dürfen "wegen der Herzenshärtigkeit der Menschen". Er räumt - so könnte man mit heutigen Worten formulieren - die Scheidung aus seelsorglichen Gründen ein. Darüber hinaus gibt es aus biblischer Sicht kein Ehesakrament. Luther nennt die Ehe eine weltliche Angelegenheit.
Schwarz-Weiß-Zeichnungen vom "Täter" und "Opfer" helfen nicht
evangelisch.de: Gibt es auch gelungene Trennungen? Wie lässt sich ein Ehekrieg bei einer Scheidung vermeiden?
Vetter: Ein wichtiges Stichwort ist hier die "Ambiguitätstoleranz". Das heißt, im Rückblick muss es möglich sein, gute und schlechte Erfahrungen aus der gemeinsamen Lebenszeit nebeneinander stehen lassen zu können und nicht die ganze Beziehung und den Ex-Partner nur verteufeln zu müssen. Es gehört zu einer gelungenen Trennung, den eigenen Anteilen am Scheitern offen und selbstkritisch ins Auge zu schauen. Schwarz-Weiß-Zeichnungen vom "Täter" und "Opfer" helfen hier nicht. Sind Kinder beteiligt, so ist es ganz wichtig, die Paar- und die Elternebene deutlich zu trennen: "Als Paar können wir nicht mehr zusammen leben, aber wir bleiben beide für das Wohl des Kindes verantwortliche Eltern." Eine Trennungsberatung oder Mediation kann helfen, eine Trennung gut zu bewältigen.
evangelisch.de: Einige Kirchen bieten auch Scheidungsrituale an. Halten Sie diese für sinnvoll?
Vetter: Es gibt schöne und durchdachte Scheidungsliturgien und -rituale. Ich denke aber, dass die nur für relativ wenige Paare geeignet und hilfreich sind. Die Partner müssen schon sehr abgeklärt sein und einvernehmlich miteinander umgehen können, um das Ende ihrer Ehe auf diese Weise zu besiegeln.
Christiane Vetter ist Pfarrerin, Ehe- und Lebensberaterin. Sie arbeitet bei der Evangelischen Hauptstelle für Familien- und Lebensberatung, Düsseldorf.







Kommentare
RE: Ehe, Krise, Scheidung - Bis hierher und doch weiter?
Ich unterscheide zwischen einer staatlichen Eheschließung und einer christlichen. Wenn jemand "nur" staatlich verheiratet ist, dann ist für mich eine Scheidung ein rein formaler Verwaltungsakt. (Von der zwischenmenschlichen Misere mal abgesehen.) Ich musste da selbst durch.
Wer sich jedoch bewusst für das Ja-Wort vor Gott entschieden hat, der sollte sich schon überlegen, was er sich mit einer Scheidung antut. Das belastet das Verhältnis zu Gott doch sehr, denn man hat auch Ihm ein Versprechen gegeben. Nicht nur dem Partner. Man würde dann gleich zwei Versprechen nicht halten. Jesus' Scheidebriefe sollten dann wirklich die Ausnahme sein. Und kein Hintertürchen.
Nichtsdestotrotz: Wenn es wirklich keinen Zweck hat, sollte sich niemand unnötig quälen. Wenn wirklich alle Gespräche und Gebete diesbezüglich erfolglos blieben, dann sollte es wohl so sein. Und dann hat Gott vielleicht tatsächlich andere Pläne für uns.
Yesterday's history, tomorrow's a mystery. Today is a gift. That's why it's called the present.
RE: Ehe, Krise, Scheidung - Bis hierher und doch weiter?
Ich nehme an, daß der Artikel hierher gesetzt wurde, damit grundsätzlich über das Thema gesprochen werde.
Dabei ist schon unglaublich, was gegenwärtig in der evangelischen Kirche in Bezug auf das Verständnis von Ehe und Familie los ist. Eheberatung wird offenbar gänzlich ohne den HERRN gemacht und dann kommt man zum Schluß: Wenn die Ehe scheitert, dann scheitert sie eben, da kann man nichts machen. Das ist aber auf keinen Fall ein christliches Eheverständnis.
Wir müssen da viel früher einsetzen und wieder neu erarbeiten, was die christliche Ehe ist. Jesus jedenfalls hat die Ehe von Mann und Frau als unlösbar bekräftigt. Daß es zu seiner Zeit auch Ehescheidungen gab, sah er in der Herzenshärte der Menschen begründet. Diese ist jedoch in seiner Sicht gerade kein Freibrief für Ehescheidungen.
Deshalb hat die evangelische Kirche auch kein Mandat für Ehescheidungsliturgien oder -rituale. Und wo sie trotzdem so etwas eingeführt hat, betreibt sie Götzendienst.
Worauf es ankommt ist, daß wir das (!) christliche Ehe- und Familienverständnis, die Lehre der Kirche zu diesem Thema wieder erarbeiten. Und dafür ist es nötig, daß wir die Aussagen Jesu und der Apostel dazu wieder ernstnehmen. Wenn das allerdings nicht geschieht, brauchen wir uns nicht wundern, wenn völlig unchristliche Lehren hinsichtlich des Ehe- und Familienverständnisses Verbreitung finden. Dafür werden wir aber dereinst zur Verantwortung gezogen werden, weil es dann unsere Schuld ist, daß die Menschen in die Irre gelaufen sind. Deshalb muß Schluß gemacht werden mit der Verbreitung des Unglauben in der evangelischen Kirche. Wir müssen hier wieder anfangen, mit dem HERRN des Lebens zu rechnen und das muß sich auch in unserer Lehre auswirken.
RE: RE: Ehe, Krise, Scheidung - Bis hierher und doch weiter?
Und in christlichen Ehen gibt es keine Probleme?
Oder wie soll ich das - Deinen Kommentar - verstehen?
Christliche / Nichtchristliche Ehe
Eine Ehe ist eine Ehe. Ob von Christen oder Nichtchristen. Eine Ehe gehört zur Schöpfungsordnung Gottes. Nicht die Trauung in der Kirche definiert die Ehe. Nein: Es ist das öffentliche Bekenntnis zur Ehe. In der Bibel gibts dazu auch nicht mehr. Die kirchliche Trauung segnet die christliche Ehe. Und die christliche Ehe orientiert sich in ihrer Ausübung an biblischen Maßstäben.
Was ich aber im Artikel nicht verstehe: Wie kommt Frau Vetter darauf, dass
Jesus die Möglichkeit zur Scheidung eingeräumt haben soll? Er hat darauf hingewiesen Mose die Möglichkeit der Scheidung gegeben hat: "Er sprach zu ihnen: Mose hat euch erlaubt, euch zu scheiden von euren Frauen, eures Herzens Härte wegen; von Anfang an aber ist's nicht so gewesen.
9 Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Ehebruchs, und heiratet eine andere, der bricht die Ehe."
So einfach ist es (Gott sei dank) nicht. Er schützt die Ehe. Auch vor den "Fluchtreflexen" von uns Menschen aus Krisen. Denn Jesus ist der, der
durch Krisen durchführt.