Wer von euch ohne Schuld ist...

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Monatsandacht - Andacht zum Monatsspruch August 2010: "Jesus Christus spricht: Ihr urteilt, wie Menschen urteilen, ich urteile über keinen.“ (Johannes 8,15 [E]) - von Udo Bußmann, Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirchen in Westfalen -

Von Udo Bußmann

Kennt ihr das Gefühl des eigenen Versagens? Egal, ob aus Nachlässigkeit, Dummheit, Eitelkeit oder Unwissenheit? Versucht ihr dann auch, das einfach wegzudrücken? Und werdet ihr dann in der Nacht wach, weil euch das doch immer wieder plagt: Warum habe ich Idiot das so gemacht und nicht anders, besser gemacht? Warum habe ich so dumm daher geredet, andere schlecht gemacht, Eltern oder Freunde gnadenlos verletzt?

Wir kennen solche Situationen. Da lästert man über die Hauptschüler oder auch die Streberin, über den Leistungsschwächling oder die aufgeplusterte Göre; Eltern beschimpfen ihre Kinder als Versager, Kinder antworten mit dem Vorwurf Spießer. Menschen verletzen einander, indem sie sich gegenseitig verurteilen. In der Schule wird gestichelt, ausgegrenzt und gemobbt. Erwachsene erleben das im Beruf nicht anders. Im Straßenverkehr wird Rücksichtslosigkeit zum Markenzeichen von Tüchtigkeit. Durchsetzungsfähigkeit, die ja an sich nichts Schlechtes ist, wird schnell zum Plattmachen anderer. Wir verhalten uns schnell herablassend über andere. Besonders schlimm empfinde ich es immer, wenn ich mich dabei erwische, einen an sich blöden Spruch anzuwenden: „Jeder darf dumm sein, jeder darf faul sein, jeder darf dreist sein - aber bitte nicht alles drei auf einmal!“ Warum vernichte ich den anderen oder die andere?

All dies ist in der Regel ziemlich harmlos. Ich denke, wenn man sich dies bewusst macht, könnte man vieles abstellen und nicht mehr tun. Aber da gibt es auch Dinge in meinem Leben, die ich kaum weg bekomme. Bei vielen Dingen, die ich tun muss, übersehe ich die Folgen gar nicht. Erst später wird mir klar: Es war alles ganz anders. Und was das Schlimmste ist: Wenn ich ehrlich auf mich selbst schaue, dann bin ich mir bewusst, dass ich immer wieder scheitern werde.

Aber mit diesen Brüchen in meinem Leben muss ich leben. Ich kann damit leben, weil ich weiß, dass Gott um meine Situation weiß. Die Bibel erzählt davon auf vielfältige Art und Weise. Unter anderem gibt es da eine Geschichte im Johannesevangelium. Als Pharisäer und Schriftgelehrte eine Frau zu Jesus bringen, um sie auch von ihm verurteilen zu lassen, senkt er sein Haupt und schreibt mit dem Finger in den Sand. Jesus will nicht verurteilen: Eine Verurteilung ist keine Lösung. Es hilft nicht, jemanden zu töten, mit Steinen zu bewerfen, auf ihn Dreck zu schleudern oder Gift und Galle zu spritzen. Aber die Pharisäer und Schriftgelehrten wollen das nicht hören. Da sagt Jesus: Wer von euch ohne Schuld ist, der soll den ersten Stein auf sie werfen. Jesus stellt die Zuhörerinnen und Zuhörer vor die Frage nach der eigenen Selbsterkenntnis. Er stellt sie dahin, wo wir alle stehen: auf diese Erde fernab vom Paradies, auf der sich keine und keiner zum Richter über andere aufschwingen soll. Vor dieser Frage ziehen sich alle zurück. Jesus bleibt mit der Frau allein zurück. Jesus richtet sie auf, auch im übertragenen Sinn: denn indem sie sagen darf, dass niemand sie verurteilt hat, erkennt sie den Freispruch. Freispruch ist aber nicht gleich Freibrief: Ich verurteile dich auch nicht. Geh! Aber tue von jetzt kein Unrecht mehr.

„Ihr verurteilt nach menschlichen Maßstäben. Ich verurteile niemanden.“ So heißt der Monatsspruch für diesen Monat. Diese Zusage Gottes macht uns stark, mit den Brüchen in unserem Leben zu leben, nicht die Augen vor ihnen zu verschließen, aus ihnen zu lernen in dem Bewusstsein, nicht nur ich bin verletzlich, sondern alle anderen auch. Schuldig und gleichzeitig gerechtfertigt, das ist unsere Existenz auf dieser Welt vor Gott. So sind wir von ihm geliebt.

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