Religion für Einsteiger - Diese Bibel muss man einfach lieben - nicht zuletzt wegen der Gelassenheit, mit der ihre Hauptakteure die penetranten Störungen ihrer öffentlichen Auftritte ertragen. Nehmen wir Jesus von Nazareth. Er ist nicht nur fortgesetzt den verqueren Fragen der Pharisäer ausgesetzt, sondern stößt sogar auf die massiven Zweifel der eigenen Anhänger.
Und die Bibel transportiert diese Zweifel haarklein. Da hatte Jesus sich selbst in der Synagoge von Kapernaum wortreich als „Brot des Lebens" angepriesen, dessen Genuss Unsterblichkeit schenke. Das ging den anwesenden Zuhörern und auch den meisten seiner Anhänger entschieden zu weit. Die Bibel vermerkt ungerührt: „Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm" (Johannes 6, 66).
Sätze wie dieser lassen einen besonderen Grundzug der Bibel erkennen: Sie rechnet allenthalben mit den Zweifeln der Menschen, selbst bei zentralen Glaubensinhalten. Wenn man so will: Die Religionsfreiheit ist in der Bibel, anders als zum Beispiel im Koran, bereits zugrunde gelegt. Gerade darin zeigen sich Stärke und Menschennähe der Bibel: Sie kleistert Fragen und Vorbehalte nicht mit unhinterfragbaren Weisheiten zu. Ohne die Freiheit des Menschen, sich auf das Angebot Gottes einzulassen, wäre der Glaube eine reine Gehorsamsfrage.
Fragen muss erlaubt sein
Wo sich Menschen auf ein ganzes Lebenskonzept einlassen, müssen sie auch Fragen stellen dürfen. Immerhin geht es ja nicht nur um den Wahrheitsgehalt einzelner Aussagen, mit denen man sich geistig auseinandersetzt, sondern um den Sinn des eigenen Lebens. Dazu gehören so weitreichende Haltungen wie die Bereitschaft, sich selbst ganz und gar als Geschenk anzusehen (und eben nicht als Produkt der eigenen Fähigkeiten und Leistungen); das Vertrauen, dass gute Mächte die Hand über einen halten (und hektische Sorgen um das eigene Wohlergehen damit überflüssig werden); die Zuversicht, dass die Liebe Gottes auch grobe Fehlleistungen der Menschen noch zu heilen vermag (und diese nicht das endgültige eigene Scheitern bedeuten).
Versteht man den Glauben in diesem umfassenden Sinn als Lebenseinstellung und eben nicht als Summe von Katechismusweisheiten, dann verändert sich auch die Zielrichtung der Frage: „Wie viel Zweifel verträgt der Glauben?" Zweifel an einzelnen theologischen Glaubenssätzen können und müssen sein; sie haben geringeres Gewicht als Vorbehalte gegenüber der Hoffnung, dass man in Gottes Hand geborgen sei. Das eine sind intellektuelle Anfragen, das andere grundsätzliche Zweifel daran, was dem eigenen Leben Sinn und Richtung geben kann. Oft genug kommen hinter einzelnen Sachfragen auch grundsätzliche Lebensfragen zum Vorschein. Da gilt es, klar zu unterscheiden.
Das protestantische Prinzip
Paul Tillich, einer der bedeutendsten evangelischen Theologen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sprach vom „protestantischen Prinzip", wenn er auf die notwendige Kritik an kirchlichen Institutionen und Traditionen, an festgefahrenen Denk- und Verhaltensmustern zu sprechen kam. Gerade, weil er die lutherische Rechtfertigungslehre und damit den Vorrang göttlicher Gnade vor aller Leistung betonte, kritisierte er jede Überbetonung von Strukturen und Denkweisen, sei es in Bezug auf Staats- oder Gesellschaftsformen, sei es selbst der Kirchen, Konfessionen oder Dogmen. „Das protestantische Prinzip", so erklärte einmal Heinz Zahrnt, der evangelische Theologe und Journalist, „greift alle geheiligten Autoritäten, Mächte, Überlieferungen, Lehren und Institutionen an und unterwirft sie der Kritik. Es kämpft gegen jede Vergegenständlichung Gottes, es duldet keine heiligen Orte, Personen, Handlungen und Stunden: Niemand kann das Göttliche an Raum und Zeit binden."
Dieser Zweifel als innerstes evangelisches Prinzip ist zwar etwas anderes als die Religionsskepsis moderner Menschen, aber beides hat auch wieder miteinander zu tun. Denn gerade dadurch, dass der Protestantismus jeden menschlichen Anspruch auf unbedingte Autorität infrage stellt, trifft sich sein Anliegen mit der Skepsis derer, die der Kirche kritisch gegenüberstehen.
Wer allerdings in einer Haltung der Kritik verharrt, dem bleibt etwas Wesentliches verborgen: dass hinter den allzumenschlichen, manchmal selbstverliebten Seiten einer Kirche die eigentliche Kirche zu finden ist: die die Zweifler liebt.
Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.





Kommentare
Wie viel Zweifel verträgt der Glaube
Wie viel Zweifel verträgt der Glaube - Kommentar
Die Frage, wie viel Zweifel der Glaube denn vertrage, ist - zumindest - etwas ungeschickt, und ja, auch oberflächlich, gestellt. Beide Begriffe müssten vorab hinsichtlich ihres Bedeutungsspektrums definiert werden, nicht zuletzt, da beide Begriffe auf einer Intensitätsskala sehr unterschiedliche Ausprägungs- und damit verbunden 'Überzeugungsgrade' annehmen können.
Dazu sollte vorab ebenso auf einen gängigen Irrtum hingewiesen werden: Da Zweifel nicht der Gegenspieler des Glaubens ist (sondern der Überzeugung bzw. des Wissens), während umgekehrt der Gegenspieler des Glaubens der Unglaube ist, verhalten sich beide Begriffe zueinander nicht im Sinne einer Nullsummenfunktion, nach der die Zunahme der einen Komponente automatisch die Abnahme der anderen bedeuten würde.
Doch nun zum Thema selber:
Glaube, in seiner intensivsten Form, kann sehr wohl mit Zweifel, ebenfalls in der intensivsten Form zurechtkommen. Dazu sind allerdings bestimmte Voraussetzungen nötig.
Ebenso wie die Lebenssicherheit eines jungen Menschen das Ergebnis eines langen und liebevollen Lern- und Erfahrungsprozesses ist, in welchem über das Vertrauen in die äußeren Lehr- und Erfahrungsinstanzen das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufgebaut und gestärkt wird, so dass aus diesen Vertrauensparametern Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Eigenverantwortung usw. entstehen, ist auch der Glaube bzw. die Glaubensüberzeugung eines Menschen das Ergebnis eines langen und liebevollen Lern- und Erfahrungsprozesses. Mit dem Unterschied, dass die Letzterfahrungsinstanz in diesem Fall alleine Gott ist.
Wo Gotteserfahrung im Alltag zur gelebten und lebbaren Glaubenserfahrung wird, lässt sich der Glaube - verstanden als persönliche Gottesbeziehung - ebenso wenig erschüttern wie die eheliche Treue in einer funktionierenden liebevollen Ehegemeinschaft. Gottesgemeinschaft verträgt Zweifel jeder Art im Bewusstsein, dass Gott kein Gott wäre, würde er nicht auf jeden Zweifel eine Antwort haben - auch wenn diese Antwort für unseren begrenzten menschlichen Verstand nicht immer sofort greifbar ist.
Mehr noch: Zweifel, im positiven - d.h. skeptischen, nicht skeptizistischen - Sinn, ist als menschliche Schöpfungsanlage sicherlich Gott gewollt, führt er den Menschen doch dazu, nach Gott zu fragen und Gott und damit die Wahrheit zu suchen. Nur Menschen, die glauben im Besitz von Wahrheit zu sein, haben aufgehört zu zweifeln. Bezeichnenderweise sind dies vor allem jene, die am meisten Grund zu Zweifeln hätten. Mit Bertrand Russel gesprochen: "Es ist ein Jammer, dass die Dummköpfe und Fanatiker immer so selbstsicher sind und die klugen Leute so voller Zweifel."
Da Glauben und Wissen also keine Gegenspieler sind, sondern einander bedürfen, allein schon um jede Art von Aberglauben und Irrglauben erkennen zu können, können die Worte Gustav Flauberts durchaus auch für den Zweifel geltend gemacht werden: "Ein wenig Wissen entfernt vom Glauben. Sehr viel führt zum Glauben zurück."
Mit anderen Worten: Wer Zweifel als vom Teufel kommend oder anderweitig den Glauben schädigend immer zu unterdrücken versucht, dessen Glauben wird niemals wachsen können. Dies gilt auch und vor allem für die jüngste Atheismusliteratur (Dawkins & Co.). Statt sie zu unterdrücken, zu negieren, oder gar zu verdammen usw., sollte sie vielmehr als Gradmesser für die Wahrhaftigkeit und Überzeugungskraft des eigenen Glaubens verstanden werden, vor allem, da ein Glaube, der durch Argumente ins Wanken gerät, nicht wirklich des Vertrauens würdig ist.
R.J. Stiegelmeyr
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