Religion für Einsteiger - Christentum bedeutet auch Gemeinschaft. Alleine glauben war nicht einmal in Luthers Sinne, auch wenn er gegen die katholische Ritualisierung des Glaubens schrieb.
„Es kann nicht Gott zum Vater haben, wer die Kirche nicht zur Mutter hat", sagte einst Bischof Cyprian, ein großer Lehrer der Alten Kirche im dritten Jahrhundert. Damit meinte er, dass nur derjenige wirklich Christ sein könne, der sich ohne Wenn und Aber der Lehre und Moral der Kirche unterwerfe.
Schon hundert Jahre vor Cyprian prägte der römische Kirchenvater Tertullian den Satz: Extra ecclesiam nulla salus - zu Deutsch: Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil. Dieser Satz erscheint vielen Menschen heute nicht nur alt, sondern auch altmodisch, denn sie sind genau vom Gegenteil überzeugt.
Eigener Glaube statt Gehorsam
Der Anspruch der Kirche, verbindlich zu bestimmen, was zu glauben ist, blieb jahrhundertelang gültig. Sie bestimmte, was „immer, überall und von allen" zu glauben war (so Vinzenz von Lerinum, um 450). Dann beförderte die Renaissance im Abendland eine neue Sicht der Dinge. Das Individuum erfuhr eine ungeahnte Aufwertung, und aus dem Schoß der Kirche kroch ein Augustinermönch namens Martin Luther. Der beharrte nicht nur darauf, dass sich auch der Papst und kirchliche Konzilien irren können, sondern behauptete sogar, wirklich entscheidend sei, wie der Einzelne seinen Weg zu Gott finde. Auf den eigenen Glauben, die innere Überzeugung und die persönliche Gottesbeziehung komme es an und nicht auf das gehorsame Befolgen kirchlicher Riten und Verpflichtungen.
Heute, fast 500 Jahre später, ist das Nebeneinander verschiedener Glaubens- und Lebensformen Kennzeichen unserer Gesellschaft, und vieles spricht dafür, dass der Endpunkt des Pluralismus noch nicht erreicht ist. Es gilt mehr denn je die Formel vom „Zwang zur Häresie", die der Religionssoziologe Peter L. Berger bereits vor Jahrzehnten prägte. Diese Formel bringt auf den Punkt, dass jeder Mensch heutzutage nicht nur in großer Freiheit lebt, sondern auch und gerade deshalb dazu genötigt ist, sein eigenes weltanschauliches und religiöses Profil zu entwerfen.
Vielfältige geistige Quellen außer der Kirche
Was soll da noch die Kirche? Schließlich finden viele Menschen auch an ganz anderen geistigen Quellen Nahrung. Esoterik und Naturgläubigkeit erleben in den Zeiten der Öko-Diskussion einen neuen Boom. Auch der Buddhismus gilt in vielen europäischen Kreisen als chic. Wer aber die biblische Tradition ernst nimmt, kommt an der Kirche nicht vorbei. Zwar offenbart sich der biblische Gott auch regelmäßig einzelnen Menschen, doch immer steht die Gemeinschaft im Mittelpunkt der Beziehung zwischen Gott und Mensch.
Zunächst ist da der Weg Gottes mit seinem Volk Israel. Auch die christliche Kirche, die sich zwar in einem schmerzhaften Prozess vom Judentum lossagte, hat ihre Beziehung zu Gott immer an der Beziehung Gottes zu Israel orientiert. Die beiden grundlegenden Sakramente des Christentums verweisen auf die Gemeinschaft. Mit der Taufe wird jeder Mensch in den Kreis der Glaubenden, die Kirche, aufgenommen.
Ein sinnfälligeres Symbol für die Gemeinschaft im Glauben ist das Abendmahl. Und außerdem heißt es im wichtigen apostolischen Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an die heilige christliche Kirche." Damit ist ausgedrückt, dass Kirche und christlicher Glaube nicht nur organisatorisch-praktisch, sondern wesentlich zusammengehören.
Nachsprechen, was man halb glauben kann
Den christlichen Glauben können Menschen nicht nur allein leben. Um ihn zu bekennen und zu festigen, benötigen sie, wenn auch nicht immer, die Gemeinschaft. Die Erfahrung zeigt: Nur das zu tun, zu denken und zu glauben, was einem selbst in den Sinn kommt, ist vielleicht eine Zeit lang, aber nicht ein Leben lang befriedigend. Eine „Erschöpfung von der Liebesaffäre mit sich selbst" diagnostiziert der evangelische Theologe Fulbert Steffensky beim modernen Menschen.
Allen Lebenssinn aus sich selbst zu ziehen, das macht unglücklich. Deshalb plädiert er für einen Glauben mit der Kirche. Er ist überzeugt: „Man lernt seinen Glauben, seine Lebenshoffnung und das Vertrauen auf die Güte des Lebens, indem man nachsprechen lernt, was man erst halb glauben kann." Glaube braucht eben Vorbilder und gemeinsame Erfahrungen.
Die Kirchen verlangen keinen bedingungslosen Gehorsam mehr. Sie haben gelernt, die Individualität des modernen Menschen zu achten und zu respektieren. Zum Glück kann heute jeder Mensch selbst bestimmen, wie viel Nähe oder Distanz zur Kirche er will. Das gibt ihm die Möglichkeit, sich in aller Freiheit dem Schatz der kirchlichen Tradition zu nähern. Ob nur auf Sichtweite oder ganz nah dran - das bleibt jedem selbst überlassen.
So gilt immer noch, was Cyprian von der Kirche sagte: Sie ist die Mutter, die den Glauben nährt, stützt und ihm Raum gibt. Aber sie ist keine strenge, strafende und klammernde Mutter mehr, sondern eine freundliche, helfende und bergende Mutter.
Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.





Kommentare
keinen bedingungslosen Gehorsam mehr.... hahahaha
Die Kirchen verlangen keinen bedingungslosen Gehorsam mehr. Sie haben gelernt, die Individualität des modernen Menschen zu achten und zu respektieren.
Ach ja???? Warum muessen dann in Afrika so viele Menschen an AIDS sterben? Warum wird heute noch das Zoelibat verlangt, dass so viel Leid fuer so viele Menschen bringt?
30 Millionen Euro fuer den Besuch des Papstes in Deutschland. Mein Gott, wieviele Menschen haette man damit vor dem Hungertod retten koennen.
Nein, tut mir leid. Aber Kirche hat schon seit langem nichts mehr mit Gott oder Jesus zu tun.
Ich kann fuer mich sagen, dass ich an Gott glaube, auf meine Art und Weise. Ich versuche zu helfen, wo ich sehe, dass Hilfe benoetigt wird. DAS ist fuer mich Gott dienen.
Aber Kirche? Nein DANKE!!!
Glaube?
Mir wurde in den ersten Jahren meiner Schulzeit der kristliche Glaube nahegebracht.Auch in meiner Jugend habe ich die Junge Gemeinde besucht.Dann kam mir die Kirche als ein teurer Verein vor (Kirchensteuer).Viele Ereignisse haben in mir den Zweifel geweckt:Gibt es einen Gott?Ich glaube :Nein!
Da bin ich aus der Kirche ausgetreten.
Trotzdem finde ich die Moralvorstellungen bzw. die 10 Gebote als Richtschnur in meinem Leben gut!
Jesaja sagt da etwas anderes...
...Kirchen brauche ich nicht, damit ich eine christliche Gemeinschaft zusammenführen kann. Auch die Bibel verlangt nicht danach, im gegenteil.
Jesaja 66, 1-3 (Lutherbibel von 1912)
Diese Frage ist sehr wichtig
Diese Frage ist sehr wichtig und vorallem auch richtig, sie hier vorzustellen / einzustellen.
Jedoch wird erst einmal jedem klar sein, dass wenn solch ein Thema auf einer Internetseite wie "evangelisch.de" erörtert wird, garantiert nicht mit der Antwort "Ja, es ist auch ohne Kirche möglich, an - den biblischen - Gott zu glauben bzw. biblischkorrekt zu leben."
Natürlich liegt die Tradition der Kirchen in der Gemeinschaft (den Brüdern und Schwestern, wenn man so will), aber das muss nicht zwangsläufig heißen, dass man ohne die Gemeinschaft kein "richtiger Christ" ist.
"Zum Glück kann heute jeder Mensch selbst bestimmen, wie viel Nähe oder Distanz zur Kirche er will. Das gibt ihm die Möglichkeit, sich in aller Freiheit dem Schatz der kirchlichen Tradition zu nähern. Ob nur auf Sichtweite oder ganz nah dran - das bleibt jedem selbst überlassen."In meinen Augen widerspricht sich diese Aussage, mit dem was als "richtiger Christ" von den Kirchen / Gemeinden gefordert wird - schließlich soll man an Gottesdiensten / Messen ja regelmäßig teilnehmen.
Inwieweit ist "auf Sichtweite" gemeint?
Das kann ziemlich weitläufig ausgelegt werden.
Erst soll dem modernen Menschen mehr Freiheit zugesprochen / gelassen werden, aber dass kann zwangsläufig dazu führen, dass geschäftliche oder andere soziale Ereignisse simultan stattfinden - somit ein Kirchenbesuch ausfallen oder nur teilweise wahrgenommen werden kann.
Über dieses Thema ließe sich noch lange philosophieren, was wenig Sinn machen würde.
Ansonsten finde ich die evangelische Kirche interessant und würde mich selbst eher als ein Befürworter sehen, jedoch gibt es vielen Diskussionsstoff bzw. viele Themen die genauer analysiert und auch selbstkritisch beurteilt werden sollten.
RE: Glaube ohne Kirche - kann das gehen?
Zum Hüter, Förderer, zugleich aber auch zum Vergewaltiger der Lehre Christi war die Kirche bereits in den ersten Jahrhunderten ihrer Entwicklung geworden und als eine Institution mit allen menschlichen Schwächen behaftet. Ihr anfängliches Bemühen, das Evangelium Jesu in alle Welt hinauszutragen, wich nach ihrer Erhebung zur Staatsreligion (380) durch Kaiser Theodosius, dem Streben nach Macht nicht nur auf religiösem Gebiet, um einen Gottes-Staat, das Reich Gottes auf Erden, zu errichten und zu festigen, sondern auch auf weltlichem Gebiet, um möglichst eine Art Oberherrschaft über alle Königreiche der Erde zu gewinnen.
Dieses Streben nach Macht, und wenn es sich zur Zeit da und dort in der Mehrung der Mitgliederzahl darstellt, da ja der derzeitige Schwund wieder wettzumachen ist, war bis heute nicht allein der katholischen Kirche, sondern allen Kirchen als organisierten Glaubensgesellschaften zueigen. Die christliche Kirche ist zu einem politischen Machtfaktor in der ganzen Welt geworden und hat erst in neuester Zeit von dieser angemaßten Machtbefugnis eingebüßt. Sie findet ihre realen und ideellen Gegenspieler nicht nur im heutigen Materialismus, sondern ebenso in den stark zunehmenden geistigen Strömungen auf religiösen Gebiet außerhalb und auch innerhalb ihres organisierten Arbeitskreises.
Das haben die infolge der argen Zersplitterung geschwächten protestantischen Kirchen schon seit Jahrzehnten erkannt und versucht, durch jetzt sogar interkonvessionelle Zusammenschlüsse aufzuhalten. Eine solche ökumenische Bewegung bleibt trotz ihrer ideellen Zielstrebigkeit in Glaubensdingen und neuerdings auch auf sozialen und völkerrechtlichem Gebiet eine Organisation. Jede Organisation trägt aber den Stempel der Machtfrage auf ihrer Stirn, wobei sich die Machtausübung auf verschiedene Ebenen erstrecken kann. Das zur Selbsterhaltung der Organisation notwendige Kapital ist Basis und bietet Entfaltungsmöglichkeit. Im Endeffekt ist hier die Suche nach gemeinsamkeit nur eine taktische Variante der Machterhaltung, bzw. der Machtausübung der Kirchen insgesamt.
In der Sicht auf das Wesen der Römisch-Katholischen Kirche deuten Bezeichnungen wie Regierungsgewalt, Priestergewalt, Lehrgewalt auf derartige Machtansprüche des Klerus innerhalb ihres eigenen Gefüges hin unter Berufung auf die wohl erst später in das Mathäusevangelium eingebrachten Worte Jesu an die Jünger (18,18) und speziell an Petrus (16,18), dessen Machtbefugnisse sich die Kirche des Mittelalters voll anmaßte. Aber Macht ist der größte Feind der Religion, und um der Macht willen wird immer die Liebe verletzt. Allein die Liebe ist die Großmacht die alles bewegt und beherrscht, der auch alles bewußt oder unbewußt dient.
Jesu Weg war nicht der Weg der Macht und des Reichtums, sondern des hingebenden Dienstes. Macht ist nur demjenigen Dienst eingeordnet, der durch das Gutsein Gottes bestimmt wird. Deshalb war und bleibt Jesu Angebot an die Menschen im Namen und Auftrag dessen, de er "Vater" nennt, und dessen Gutsein er bekennt, ein Dienen. An seinem eigenen Gutsein können die Menschen auch heute noch das Gutsein Gottes ablesen. Für Jesus gehören der Glaube, der sich auf das Gutsein Gottes gründet, und Liebe, die Gestalt des Einander-gut-Seins, zusammen.
Das Evangelium Christi, die Botschaft von der Liebe Gottes und dem Herannahen des Friedensreiches, war und ist jeglicher Machtentfaltung zuwieder. Jersu Ruf zur Nachfolge galt und gilt dem einzelnen Menschen. Ist dies vollzogen, ist sie in Tausenden wahrhafter Christen sichtbar geworden, dann steht die civitas Dei, das Reich Gottes, ohne jegliche Organisation fest gegründet auf Erden.
Das mal soweit zum Thema "Glaube ohne Kirche"
LG
RE: Glaube ohne Kirche - kann das gehen?
Nun ja. Ich denke, die Kirche gibt den Menschen heute nicht mehr die Antworten auf die zentralen Fragen und Nöte des Lebens. Sie ist nicht mehr wie in früherer Zeit Stütze in schweren Zeiten. Wer heute Probleme hat, geht zum Amt oder zum Arzt. Aber nicht in die Kirche.
Seiten wie evangelisch.de stützen auch den Eindruck, daß es sich bei der Kirche mehr und mehr um eine politische Gruppierung oder eine Nachrichtenseite handelt. Ich glaube daher, daß die Kirche immer mehr marginalisiert wird, wenn sie nicht wieder den Glauben und die Botschaft Christi in den Mittelpunkt stellt.