Denkschriften - Die Evangelische Kirche Deutschlands versteht es als ihre Aufgabe, zu gesellschaftlichen Themen auch über den kirchlichen Bereich hinaus Position zu beziehen. Als Kirche mitten im Leben will sie deutliche Standpunkte vertreten, Werte vermitteln und Orientierung bieten in schwierigen Fragen. Darum entstehen jeweils zu aktuellen Anlässen und auf der Grundlage der evangelischen Bekenntnisse die Denkschriften und Orientierungshilfen der EKD, die in der Regel vom Rat der EKD verantwortet werden. Einige der wichtigsten Titel werden hier vorgestellt.
Alle Denkschriften der EKD sind als Internet-Version, als PDF-Dokumente oder als gedruckte Texte über die Webseite der EKD zu bekommen.
Klimawandel
Aus der Denkschrift "Umkehr zum Leben. Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels" des Rates der EKD (2009):
Es geht im Kern um die Frage, wie wirtschaftliche Interessen, die grundlegenden Lebensbedürfnisse einer wachsenden Zahl von Menschen, die Rechte künftiger Generationen und die Erhaltung der natürlichen Ressourcen miteinander in Einklang gebracht werden können. Bei der Beantwortung dieser Frage ist mit zahlreichen Zielkonfl ikten zu rechnen; denn auf vielfältige Weise kommen dabei Interessengegensätze ins Spiel. Einfache Lösungen, bei denen alle unmittelbar gewinnen und keiner verliert, sind unwahrscheinlich. Umso wichtiger ist eine breite gesellschaftliche Debatte über die Umsteuerung der bisher vorherrschenden Nutzung natürlicher Ressourcen und über die Verteilung der Kosten, die bei der notwendigen Begrenzung des Klimawandels und der Anpassung aller Menschen an die schon jetzt nicht mehr abwendbare Klimaveränderung anfallen.
http://www.ekd.de/download/klimawandel.pdf
Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive
Aus dem Vorwort zur Denkschrift über unternehmerisches Handeln (2008):
Die evangelische Gestalt des christlichen Glaubens hat zu unternehmerischem Handeln ein positives Verhältnis. Verantwortungsbereitschaft, Weltgestaltung, Unternehmergeist und das Engagement für das Gemeinwohl sind als Tugenden in der evangelischen Tradition fest verankert. Dennoch ist das Verhältnis von Protestantismus und Unternehmertum in Deutschland von Spannungen durchzogen. [...]
Häufig beruhen solche Spannungen auf Missverständnissen. Eine Verständigung über ethische Maßstäbe unternehmerischen Handelns ist aber nur möglich, wenn solche Missverständnisse überwunden werden. Deshalb laden wir mit dieser Denkschrift zu einem neuen Dialog zwischen evangelischer Kirche und Unternehmertum ein.
http://www.ekd.de/download/ekd_unternehmer(1).pdf
Sterbehilfe
Aus dem Vorwort zu "Wenn Menschen sterben wollen - Eine Orientierungshilfe zum Problem der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung" (2008):
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist dem Schutz des menschlichen Lebens und der menschlichen Würde verpflichtet. Dies gilt für das menschliche Leben in all seinen Phasen; es gilt deshalb auch und in besonderer Weise an den Grenzen und Rändern des Lebens. Wenn Menschen ins Leben treten, wenn ihr Leben gefährdet ist und wenn es sich seinem Ende zuneigt – in all solchen Fällen stehen Lebensschutz und Menschenwürde in besonderer Weise auf dem Spiel. [...] So gehört es zu den besonderen Aufgaben der christlichen Kirchen, die Würde der Sterbenden zu achten, die Unverfügbarkeit des Lebens anderer Menschen zu wahren, zum Leben Mut zu machen, beim Sterben zu begleiten. Die „Tötung auf Verlangen“ (auch als „aktive Sterbehilfe“ bezeichnet) ist auch bei einem todkranken Menschen ethisch nicht zu vertreten. Immer kommt es vielmehr darauf an, Sterbende zu trösten, ihr Leiden zu lindern und ihnen die Gewissheit zuzusprechen, dass ihr Leben von Gott gewollt und gesegnet ist.
http://www.ekd.de/EKD-Texte/ekdtext_97.html
Evolution und Kreationismus
Aus der Orientierungshilfe "Weltentstehung, Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube in der Schule" des Rates der EKD (2008):
Die aktuelle Auseinandersetzung um "Schöpfung und Evolution in der Schule" hat sehr deutlich gezeigt, wie wenig die entsprechenden Fragen im Verhältnis zwischen Glaube und Naturwissenschaften tatsächlich geklärt sind. Zum Teil werden längst überwunden geglaubte Vorurteile erneut ins Feld geführt - sei es gegen die Evolutionstheorie und die Wissenschaftlichkeit der Biologie oder gegen die Theologie sowie gegen Kirche und Religionsunterricht. Es wäre jedoch ebenso unangemessen, die Erforschung von Evolutionsprozessen als Bekenntnis zum Atheismus zu verstehen, wie es umgekehrt verfehlt wäre, den in den USA verbreiteten Kreationismus einfach mit dem christlichen Schöpfungsglauben gleichzusetzen. Der Kreationismus ist vielmehr eine Verkehrung des Glaubens an den Schöpfer in eine Form der Welterklärung, die letztlich dazu führt, dass das Bündnis von Glaube und Vernunft aufgekündigt wird.
http://www.ekd.de/ekdtext_94_vorwort.html
Frieden
Aus dem Vorwort zur Friedensdenkschrift "Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen" (2007):
Nach dem 11. September 2001 mehrten sich in der kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit die Stimmen, die von der EKD einen neuen grundlegenden Beitrag zur friedensethischen und friedenspolitischen Orientierung erwarteten. Daher beauftragte der Rat der EKD im Jahr 2004 die Kammer für Öffentliche Verantwortung, eine solche neue Friedensschrift zu entwerfen. Die Kammer widmete sich dieser Aufgab-e mit großem Engagement, mit Sorgfalt und Sachkunde. Dabei entstand ein Text, den sich der Rat der EKD in seiner nüchternen Analyse, seiner fundierten biblisch-theologischen Argumentation und seinem durchgängigen Bezug auf den Leitgedanken des gerechten Friedens gern zu Eigen gemacht hat.
http://www.ekd.de/download/ekd_friedensdenkschrift.pdf
Kirche in der Stadt
Aus dem EKD-Text "Gott in der Stadt - Perspektiven evangelischer Kirche in der Stadt" (2007):
„Kirche und Stadt“, das ist die Beschreibung einer Beziehung. Das Christentum ist durch zwei Jahrtausende eng mit der Entwicklung von Städten verknüpft. Die Ausbreitung des Evangeliums wird seit der Gründung der ersten christlichen Gemeinden in den Stadtgesellschaften forciert und schon die Mitglieder dieser Gemeinden nutzten urbane Bedingungen, um von der verwandelnden Kraft des Glaubens an Jesus Christus zu erzählen. Sie nahmen Charakterzüge städtischer Gesellschaften positiv auf, die bis heute gleich geblieben sind. Städtische Orte sind gekennzeichnet von einem Pluralismus der Lebensformen und Werthaltungen auf engstem Raum, verbunden mit einem großen Maß an individueller Freiheit. Diese Voraussetzungen dienen bis heute allen Religionsgemeinschaften, um für die je eigenen Überzeugungen zu werben. Das Christentum stellt darin keine Ausnahme dar.[...]
Dieser Text will die evangelische Kirche zu neuen Konzepten in der Stadt ermutigen. Dabei bilden die vielfältigen, unterschiedlichsten Voraussetzungen deutscher Städte – mit einer gesonderten Perspektive Ost-West – eine besondere Herausforderung. Der Entwicklung der Städte in Deutschland gilt es in den nächsten Jahren besondere Aufmerksamkeit zu schenken. In ihnen können wir lernen, wie der Auftrag der Kirche in unserer Gesellschaft auch zukünftig zeitgemäß zu formulieren ist.
http://www.ekd.de/EKD-Texte/57061.html
Kirche auf dem Land
Aus dem EKD-Text "Wandeln und Gestalten - Missionarische Chancen und Aufgaben der evangelischen Kirche in ländlichen Räumen" (2007):
Die vorliegende Schrift versucht der Frage nachzugehen, wie die Kirche heute diesem Missionsauftrag in ländlichen Räumen gerecht werden kann. Welches sind die missionarischen Zukunftsaufgaben und -chancen von „Kirche auf dem Lande“ angesichts der schnellen und tiefgreifenden Veränderungen in verschiedenen ländlichen Räumen? Wie kann eine kirchliche Arbeit aussehen, die sich - bei rückläufigen Finanzen und Ressourcen - nicht selbstgenügsam auf eine bloße Bestandswahrung zurückzieht, sondern bewusst wachsen will? Eine Antwort auf diese Fragen muss der Verschiedenheit ländlicher Räume in Deutschland ebenso gerecht werden wie den unterschiedlichen Konzeptionen von Mission in den evangelischen Landeskirchen. Daher wird im Folgenden bewusst von ländlichen Räumen und missionarischen Zukunftsaufgaben und -chancen im Plural gesprochen.[...]
Die Zielsetzung des Textes ist es dabei, sehen zu lernen, beurteilen zu können, zu wagen, sich zu entscheiden und mutig zu handeln. Für jeden dieser vier Schritte bedarf es des Zusammenspiels von allen genannten Gaben Gottes.
http://www.ekd.de/EKD-Texte/ekdtext_87.html
Christen und Muslime in Deutschland
Aus dem Vorwort zur Handreichung "Klarheit und gute Nachbarschaft" (2006):
Hiermit legt der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland eine neue Handreichung zu Grundfragen des Zusammenlebens mit Muslimen vor. Sie schließt sich an die im Jahr 2000 veröffentlichte Handreichung „Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland. Gestaltung der christlichen Begegnung mit Muslimen" an. Diese neue Ausarbeitung soll den Mitgliedern der evangelischen Kirche und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit zur Orientierung dienen. Sie versteht sich auch als ein Beitrag zum Gespräch mit Muslimen in Deutschland. Neue Entwicklungen und Fragestellungen haben die erneute Beschäftigung mit diesem Thema notwendig gemacht. [...]
Manche dieser Entwicklungen konnten in der Handreichung von 2000 noch gar nicht oder nicht mit dem heute nötigen Gewicht behandelt werden. Deshalb haben wir uns zu einer erneuten Aufnahme dieser Fragen entschlossen. Denn viele Menschen erwarten von der evangelischen Kirche Klärung und Orientierung.
http://www.ekd.de/download/ekd_texte_86.pdf
Armut in Deutschland
Aus der Denkschrift "Gerechte Teilhabe - Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität" des Rates der EKD (2006):
Auch in unserem reichen Land gibt es materielle Armut, viel häufiger aber gibt es mangelnde Teilhabe in einem Bereich, der besser als »Armutsrisiko« bezeichnet wird. Den davon betroffenen Menschen ist am wirkungsvollsten mit einer Integration in den Arbeitsprozess geholfen; wichtigste Bedingungen dafür sind gute Bildung und gute Ausbildung. Für eine Verbesserung der Teilhabemöglichkeiten müssen aber auch die materiellen Voraussetzungen geschaffen werden, sodass die bisher vielfach behauptete Kontroverse zwischen Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit zu Gunsten einer differenzierten Verschränkung beider Blickrichtungen überwunden wird. Ohne materielle Verteilungsgerechtigkeit läuft Chancengleichheit ins Leere. Aber ohne die Schaffung von Teilhabegerechtigkeit – insbesondere im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt – ist der traditionelle Verteilungsstaat unvollkommen. Diese differenzierte Erkenntnis wird der Rat der EKD zum Ausgangspunkt seines weiteren Engagements in diesen Fragen machen.
http://www.ekd.de/EKD-Texte/denkschrift_gerechte_teilhabe.html
Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis Deutschlands zu seinen ostdeutschen Nachbarn
Aus dem Vorwort zur sogenannten "Ostdenkschrift" (1965):
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die als kirchliche Gemeinschaft in das politische Spannungsfeld zwischen Ost und West gestellt ist, beobachtet mit wachsender Sorge, daß die Wunden, die der Zweite Weltkrieg im Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn geschlagen hat, bis heute, 20 Jahre nach seinem Ende, noch kaum angefangen haben zu verheilen. Ein wesentlicher Grund dafür ist auf deutscher Seite, daß die Besetzung der deutschen Ostgebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie durch Sowjetrußland und Polen und die Vertreibung von Millionen deutscher Menschen aus diesen Gebieten und aus den alten deutschen Siedlungsgebieten in der Tschechoslowakei sowie im übrigen Osten und Südosten Europas Probleme aufgeworfen haben, die bisher nicht zureichend gelöst worden sind. [...]
Die Kirche ist von dieser Unruhe und Ungewißheit unter den Vertriebenen stark mitbetroffen. Auch in ihren Reihen wird Lebhaft, oft mit Erbitterung, in Diskussionen und Erklärungen kirchlicher Gruppen über die theologischen und ethischen Fragen des Vertreibungsproblems und die daraus zu ziehenden politischen Folgerungen gestritten. Sie hält es daher um ihrer Verantwortung für diese Menschen willen, aber auch im Blick auf den ihr an ihrem Ort aufgetragenen Dienst für den Frieden zwischen den Völkern für ihre Pflicht, diesen Problemen und den Wegen zu ihrer Lösung nachzugehen.




Kommentare
RE: Deutliche Positionen statt nur Ja und Amen
Hallo,
auch ich denke, die Denkschrift "Mit Spannungen Leben" müsste umgeschrieben werden, nur m.E. eben in die andre Richtung, die nicht so sehr dem Zeitgeist hinterher hechelt. Sie müsste vielmehr die biblische Anthropologie hinischtlich der polaren Geschlechtlichkeit des Menschen als Zweichen der Gottesebenbildlichkeit und hinsichtlich der Generativität u. Fruchtbarkeit wieder ernster nehmen.
Also: die Unklarheit der Denkschriften ist nun mal auch Abbild unserer Pluralität und bei o.g. Frage haben wir wie auch andere Kirchen einfach keinen Konsens, sondern eher das Gegenteil. Das müssen wir uns schon eingestehen. Es ist auch richtig, diese Stellungnahme hier nicht aufzuführenm, denn man kann m.E. hier besonders, wie ja auch in anderen Fragen, ernsthaft begründet zu sehr unterschiedlichen Positionen kommen.
RE: Deutliche Positionen statt nur Ja und Amen
Erstmal: Hallo! Ich bin neu in dieser Community und hoffe, dass sie gut ankommen wird.
Beim Titel "Deutliche Positionen statt nur Ja und Amen" musste ich gleich an "Mit Spannungen leben" denken (ich glaube das ist von 1996. Diese Denkschrift ist alles andere als eindeutig, ist nicht mutig, fördert meiner Ansicht nach den Status Quo (unter Umständen sogar fortbestehende Diskriminierung) und gehört, wenn nicht überarbeitet, neu geschrieben, weil sie nicht mehr in die bestehende gesellschaftliche Realität hineinspricht (siehe Lebenspartnerschaftsgesetz und Lebenspartnerschaftsergänzungsgesetz).
Hier muss ein mutiger Schritt nach vorn getan werden.
-keiko
RE: RE: Deutliche Positionen statt nur Ja und Amen
Huhu keiko!
'Mit Spannungen leben' war wohl tatsächlich kein Höhepunkt in der Geschichte der Textproduktion der EKD... :-)
Und man muss auch immer sehen: Wir haben ja kein evangelisches Lehramt, das uns sagt und vorschreibt, was wir zu glauben haben. Das ist immer noch deine und meine Sache und die unseres ganz eigenen Glaubens und Denkens! Des wegen heißen die 'Großen Texte' der EKD ja auch Denkschriften. 'Mit Spannungen leben' war nur eine kleine Orientierungshilfe, wobei die Orientierung in Vielem darin bestand zu zeigen, wie man eigentlich nicht argumentieren kann oder sollte (finde ich zumindest...) :-)
Wenn du mal anschaust, wie sich die EKD zu den genannten Fragen (LPartG etc.) positioniert hat, zeigt sich da schon eine gewisse Entwicklung. Und auch in den Landeskirchen gibt es himmelweise Unterschiede und viele fortschrittliche Gemeinden.
Es besteht also durchaus noch immer Grund zu Optimismus.
Deutliche Positionen statt nur Ja und Amen
Liebe Freundinnen und Freunde ( im Glauben),
das Thema "Evolution + Kreationismus" halte ich ebenso für wichtig. Wer weltoffen bleiben will, wer die
Verbindung zur Naturforschung aufrecht erhalten will, der muss auch Konsequenzen aus der Archäologie
ziehen. Bisher umfaßt die christlich-jüdische Zeitperspektive nur einige Jahrtausende. Die Archäologie hat
ermittelt, dass die Zeit mit vergleichbarer menschlichen Intelligenz zehn mal so groß ist. So lange währt das
Glauben bzw. Nachdenken darüber, solange währen rituelle Beerdigungen, kultische Handlungen, Kunst.
Was bedeutet das für die Perspektive Himmel und Hölle? Die Lösung findet sich normaler Weise nicht schon
in einem Erdenleben. Deshalb antworteten 2005 in einer Emnidumfrage 26% der Evangelischen, sie glauben
an Reinkarnation. Das war anonym. Öffentlich wird das von fast niemanden vertreten. Weil das Konzil von
553 in Konstantinopel das verketzert hat.
Das ganze wird erörtert in: www.evangelisch.de/community/kreis/allversoehnung
Vielleicht sollte die EKD hier ihre Position schärfen?
Mit freundlichen Grüßen!
Lorenz