Die Geschichte der Lutherkirche Stockerau

Die Lutherkirche Stockerau/Österreich. Foto: Evangelische Pfarrgemeinde A.u.H.B. Stockerau

Die Lutherkirche Stockerau/Österreich. Foto: Evangelische Pfarrgemeinde A.u.H.B. Stockerau

01.11.2009, 9.30-10. - Am 9. November 2001 enthüllten wir vor der Lutherkirche in Stockerau einen Gedenkstein, der folgende Aufschrift trägt: "Dieses Gotteshaus erinnert an die furchtbare Geschichte der gezielten Vernichtung der Juden. 1908 als Synagoge erbaut, 1938 unter der Unrechtsherrschaft des Nationalsozialismus enteignet – zur evangelischen Kirche umgebaut. 1953 durch die Evangelische Pfarrgemeinde von der Israelitischen Kultusgemeinde rechtmäßig erworben. Der gemeinsame Glaube an den einen Gott verbindet Juden und Christen."

Tatsächlich war unsere Kirche ursprünglich vor dem Nationalsozialismus eine von Leopold Holdaus entworfene Synagoge, das Zentrum einer lebendigen jüdischen Gemeinde. 1938 nutzte die damals kirchenlose Evangelische Pfarrgemeinde Stockerau die Gelegenheit aus und erwarb die zwangsenteignete Synagoge von der Stadt Stockerau im Tauschwege gegen ein Baugrundstück. Nach der grausamen Unrechtsherrschaft des Nationalsozialismus gab es in Stockerau keine Juden mehr, und die Synagoge war arisiert. Von der prachtvollen Fassade des ursprünglichen Baus sind nur mehr Reste übrig. Stattdessen thront ein kleiner Glockenturm auf der Kirche. Innen kann man anhand der Emporen links und rechts noch die Trennung von Mann und Frau im jüdischen Tempel nachfühlen. Die Luster und Leuchten sind ebenfalls noch von der Synagoge erhalten geblieben.

Im Zuge der für 2010 geplanten (dringend notwendigen) Sanierungsmaßnahmen wollen wir auch die in die Holzvertäfelung eingeschnitzten Davidsterne und die hinter Holzverkleidungen versteckten verzierten Metallsäulen wieder sichtbar machen. Ganz im Sinne des Pauluswortes „Nicht du trägst die Wurzel, die Wurzel trägt dich“ (Römer 11,18) wollen wir uns besonders in Stockerau der jüdischen Wurzeln des Christentums besinnen und nicht vergessen, dass auch Jesus Jude war. Wir suchen daher als Christen auch den interreligiösen Dialog mit einer liberalen jüdischen Gemeinde und wollen so unseren eigenen Glaubens- und Wissenshorizont erweitern.

Heute ist die Lutherkirche in Stockerau also nicht nur ein lebendiges Gotteshaus, sondern auch ein besonderes Mahnmal für ein Leben in gegenseitigem Respekt, konfessioneller Toleranz und Frieden.
 

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