Kamin, Kapelle und Pflegebad – Wohnen für alt und jung

Mehrgenerationenhäuser nicht nur als Treffpunkt, sondern zum Wohnen – das wünschen sich viele. Aber wie kann das konkret aussehen? Ein besonderes Modell dafür wurde in Berlin entwickelt, aus der besonderen Mischung einer Theologie-Studentin, einer ehemaligen Bundesministerin, einem Architekten und zwei engagierten älteren Herren.

In der Berliner Dom-Gemeinde trifft die junge Theologin Anja Siebert auf Studienkollegen, die wie sie nicht gleich von der Studentenbude ins Pfarrhaus ziehen, sondern in der Hauptstadt vorerst andere Berufswege einschlagen. Da kommt die Idee eines christlichen Mehrgenerationenhauses auf, als Ort der Gemeinschaft und der ungezwungenen Begegnung und Unterstützung zwischen Alt und Jung zu. Sie spricht ihre Kirchenvorstandsvorsitzende darauf an, eine Vertreterin der älteren Generation, und stößt bei ihr nicht nur auf reges Interesse, sondern auf profunde Kenntnisse: Dr. Irmgard Schwaetzer war von 1991 bis 1994 Bundesbauministerin und hat schon damals, wie sie im Gespräch mit evangelisch.de erzählt, solche Projekte in anderen Ländern studiert, etwa in Skandinavien, Holland oder Belgien. Was gut funktioniert und was schwierig ist.

Wichtig seien abgeschlossene Wohnungen und eine Leitlinie, eine Hausordnung, die von den Erstbewohnern festgelegt wird. Menschen mit einer gemeinsamen Wertorientierung zusammenzuführen, sei besonders sinnvoll: "Man kann sich in einer sehr stark säkularisierten Welt mit Menschen zusammenfinden, denen man sein eigenes Bekenntnis zum christlichen Glauben nicht dauernd erklären muss."

Was gehört zu so einem Haus, außer Wohnungen unterschiedlicher Größe? Eine Kapelle, ein Bistro, eine Bibliothek zur geistigen Arbeit, Terrassen, Gästeappartements ... nachdem die Wunschliste fertig ist, spricht Irmgard Schwaetzer ihren Bekannten Walter Rasch an. Der ist wie sie 68 Jahre alt, war als FPD-Politiker Berliner Schulsenator und ging dann in die Immobilienwirtschaft. Heute ist er Präsident des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen.

In der Wohnung gefangen

Gut ein Jahr nach der ersten Idee liegt ein ausgefeilter Entwurf auf dem Tisch in einer zum Büro umgewandelten Altbauwohnung in der noblen Berliner Fasanenstraße. Walter Rasch präsentiert ihn gemeinsam mit seinem Partner Jürgen Kilian (63), dem das Büro gehört. "Aus unserem eigenen Alter kennen wir diese Themen, die näher rücken", erklären die beiden. Und aus geschäftlicher Sicht ist Kilian an einem Konzept interessiert, das in andere Städte übertragen werden kann.

Kilian hat als Projektmanager viele große Vorhaben realisiert, zum Beispiel das Medienhaus im Regierungsviertel in der Reinhardtstraße. Denn der Bedarf ist da, referiert Rasch: Zum einen an Wohnformen, die mehreren Generationen ein Zuhause bieten, da seit dem Wiederaufbau nach dem Krieg immer nur für eine Familie gebaut wurde, und zum anderen an barrierefreien Wohnungen für die alternde Bevölkerung. Rasch betont: "Viele sind in ihren Wohnungen gefangen. Sie kommen jahrelang nicht mehr raus und müssen deshalb ins Pflegeheim." Die alarmierenden Fakten: Nur fünf Prozent aller Seniorenhaushalte sind bisher barrierefrei oder barrierearm, wie eine aktuelle Studie im Auftrag des Bundesbauministeriums ergab. Zudem lebten zwei Drittel der Alten nicht im Ortszentrum, was die selbständige Haushaltsführung gefährde, so die Wissenschaftler.

Rasch und Kilian haben einen Experten für barrierefreies Bauen als Architekten gewonnen: Eckhard Feddersen, Herausgeber des im Juni 2009 erschienenen und schon vergriffenen "Entwurfsatlas Wohnen im Alter". Das Modell ist ein dreigeschossiger Block im Berliner Westend. Die zwölf Wohnungen sind großzügig geschnitten, zwischen 65 Quadratmetern bei zwei Zimmern und etwa 100 Quadratmetern bei vier Zimmern. Im Parterre liegen Kappelle und Bistro am begrünten Innenhof, auf dem Dach findet eine Sechser-Wohngemeinschaft Platz, dazu die Bibliothek, zwei Gästeappartements, Dachgarten und Terrasse.

Komfort im Alter ist einfach praktisch

Bei allen WG-Zimmern sind eigene Bäder eingeplant, daneben noch ein von außen für alle zugänglicher Raum mit einer besonderen Wanne, der auf dem Plan als "Pflegebad" und in der Erläuterung daneben als "Wellnessbad" eingezeichnet ist. Dass Pflege auch Wellness bedeutet, dass Komfort im Alter praktisch hilft, ist eine Leitidee des Plans. Rasch und Kilian erklären fast entschuldigend den gehobenen Standard, die offenen Kamine, das Parkett, das langlebiger sei als Laminat. Dafür werde das Haus als Niedrigenergiebau gefördert und spare im Unterschied zu alter Bauweise auf Dauer die Hälfte der Energiekosten ein. Und die Gästewohnungen würden wie Hotelzimmer vermietet werden, auch da hätten sie schon Erfahrung und würden als Projektmanager Partner suchen.

Wenn die Kirche für dies Modell ein Grundstück für einen symbolischen Preis in Pacht gibt, so wie es die Idee der Domgemeinde-Gruppe ist, dann kostet die Miete zwischen 10 und 13 Euro pro Quadratmeter. Im Generationenhof Landau, dem bisher einzigen Angebot in der neuen Rubrik "Mehrgenerationenwohnen" eines Internetmaklers, werden sogar in der Kleinstadt ähnliche Preise für einen vergleichbaren Standard verlangt. Und die wenigen Mehrgenerationen-Wohnprojekte in Berlin, die im Internet zu finden sind, haben lange Interessentenlisten.

Die Gelegenheit ist günstig, die Unterstützer sind prominent

Das Mietmodell hat gegenüber der Eigentumswohnung einen großen Vorteil, erläutert Irmgard Schwaetzer: Die Mieterfluktutation wird viel leichter. Und Jürgen Kilian hat seit dreißig Jahren nicht mehr so niedrige Bauzinsen erlebt, die Gelegenheit sei günstig. "Am besten ist natürlich eine Stiftung", so Kilian: "Einer, der sagt, ich habe etwas gespart und keine Erben, ich will da einziehen und stelle das Kapital zur Verfügung." Wohlweislich hat er den Bau als übertragbares Projekt geplant und nicht rein auf die Initiativgruppe zugeschnitten. Denn bis es realisiert ist, ist der eine im Pfarramt, die andere hat den Job gewechselt – wer weiß schon, was in drei Jahren sein wird?

Auch Irmgard Schwaetzer ist vor kurzem umgezogen und konnte nicht auf das Mehrgenerationenhaus warten. Wohin? "Schlicht in eine Wohnung in einer Villa im Grunewald", sagt sie. Barrierefrei? "Nein, gar nicht." Und klar, sie würde später mit einziehen, denn sie sei von der Idee nach wie vor überzeugt. Als Unterstützer hat die Initiative schon Prominenz gewonnen: Prof. Dr. Wolfgang Huber, den ehemaligen Bischof und Ratspräsidenten, dazu Pröpstin Dr. Friederike von Kirchbach, ehemalige Kirchentagsgeneralsekretärin, den Theologen Prof. Dr. Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, und Dr. Rüdiger Sachau, Direktor der Evangelischen Akademie zu Berlin. Als nächsten Schritt führt Walter Rasch konkrete Gespräche wegen eines Grundstücks. Es bleibt spannend. Vielleicht wird die Kirche in Berlin Pate einer Wohnform der Zukunft.


 

Katharina Weyandt arbeitet als freie Journalistin für evangelisch.de und betreut den Kreis "Wenn die Eltern älter werden" in unserer Community.