Seit 2.000 Jahren in den Charts: Halleluja!

Halleluja: Osterjubel und Charthit

Foto: Getty Images/Hemera/Helder Almeida

Es ist ein bisschen wie Fasten für Stimme und Ohren: Neun Wochen lang wird nicht gejubelt in der Kirche. Das Halleluja, fester Bestandteil des Sonntagsgottesdienstes, verstummt in der Passionszeit. Wenn es in der Osternacht umso festlicher wieder gesungen wird, dann kommt damit ein Fossil des liturgischen Gesanges zum Klingen. Das Halleluja der alttestamentlichen Psalmen erklingt durch die Jahrtausende bis heute als Gotteslob. Es ist der Refrain des österlichen Jubels über die Auferstehung. Und auch außerhalb kirchlicher Gemäuer stürmt das Halleluja in Arien, Gospeln und Pop-Songs immer wieder die Charts.

In diversen Interviews spricht der kanadische Komponist und Sänger Leonard Cohen davon, dass er mehr als zwei Jahre an seinem Titel "Hallelujah" schrieb und ursprünglich mehr als 80 Strophen verfasste. "Ich hatte zwei Notizbücher vollgeschrieben und ich weiß noch, dass ich im Royalton Hotel in Unterwäsche auf dem Teppich lag, meinen Kopf auf den Boden schlug und stöhnte: 'Ich kann diesen Song nicht beenden'." Unter Qualen hat Cohen die hymnische Ballade auf sechs Strophen gekürzt, mit denen der Titel 1984 auf seinem Album "Various Postitions" erschien. Die Plattenfirma hielt die gesamte Auswahl des Albums für nicht gut genug und wollte es zunächst nicht veröffentlichen.

Heute gibt es mehr als 100 offizielle Cover-Versionen von Cohens "Hallelujah", darunter auch mehrere Varianten von Cohen selbst. Der Song untermalt Filmszenen, erklingt zu Hochzeiten und Beerdigungen und ist damit wohl die berühmteste moderne Adaption eines Stückes jüdischer wie auch christlicher Liturgie. Denn für das Halleluja, das Menschen seit Jahrtausenden anstimmen, um ihren Gott zu loben, ist Cohens künstlerische Blockade nur ein Wimpernschlag seiner langen Tradition. Für Christen hat der Gesang seit der ersten Osternacht seinen festlichen Einsatz nach der Verkündigung der Osterbotschaft. Sie intonieren damit ihren österlichen Jubel über das Heilsgeschehen um Jesu Tod und Auferstehung.

Vor Freude schreien

"Ich hörte von einer geheimnisvollen Melodie, David spielte sie, und sie gefiel dem Herrn", so beginnt die erste Strophe von Cohens Klassiker in deutscher Übersetzung. Mit seinen rätselhaften Versen voller biblischer Motive spielt der Sänger historisch korrekt an auf die Wurzeln des Halleluja im Kultus des alten Israel. "Halleluja" ist eine Transkription des hebräischen Verbes הָלַל (halal) für loben, verherrlichen, und einer Kurzform des Gottesnamens in der hebräischen Bibel.

"Wahrscheinlich handelt es sich um ein lautmalendes Wort", heißt es im Theologischen Wörterbuch des Alten Testaments, das aus den verwandten altorientalischen Sprachen der Zeit auch die Bedeutung "vor Freude schreien" für den gleichen Wortstamm angibt. Wörtlich übersetzt appelliert der Ausruf an die Gläubigen: Lobpreiset Gott! – und das bereits seit den Zeiten König Davids, um 1000 vor Christi. Dem ersten biblischen Buch der Chronik zufolge war es der zweite König Israels, der 4.000 Leviten, damalige Kultdiener, einsetzte zu Lobsängern des Herrn "mit den Instrumenten, die David zum Lobgesang hatte machen lassen" (1 Chronik 23,4).

In mehr als 20 Psalmen, dem Liedgut des Alten Testaments, findet sich der Ausruf "Halleluja" und einzelne der Verse und Lieder aus den Jahrhunderten 1000 bis 500 vor Christus lassen erkennen, dass es schon damals gesungen wurde. Auch wenn heute niemand mehr weiß, wie diese Verse geklungen haben, so hat sich kein anderes Element des israelitischen Kultes derartig als tausendjähriger Ohrwurm in den religiösen Gesängen erhalten. Auch heute noch wird das Halleluja im Gottesdienst in der Regel gesungen und nicht gesprochen.

Die frühen christlichen Gemeinden sind von Anfang an als singende Gemeinden aktenkundig: Das erste nichtchristliche Zeugnis, der sogenannte Pliniusbrief an Kaiser Trajan, berichtet von Wechselgesängen in den urchristlichen Gottesdiensten. Der Psalter war zunächst das selbstverständliche – und einzige – Gebet- und Gesangbuch der christlichen Kirche, so ging auch das Halleluja über in ihren Liederkanon.

Vor allem in den Ostergottesdiensten, in denen man sich an die unterschiedlichen Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus erinnerte, hatte das Halleluja bald seinen festen Platz und wurde häufig gesungen, schreibt der Theologe Karl-Heinz Bieritz in seinem Buch "Das Kirchenjahr". Und da die christlichen Gemeinden diesen Auferstehungstag in jedem Sonntagsgottesdienst nachfeiern, gehört es dort auch heute noch zur festen Liturgie. Mit dem Halleluja antwortet die protestantische Gemeinde auf die Lesung der Epistel und stimmt sich ein auf das darauf folgende Evangelium.

Das Halleluja ist aber auch das erste der schmückenden und feierlichen Elemente, die im Laufe der Passionszeit nach und nach aus dem Gottesdienst entfernt werden. Bereits zwei Wochen vor Beginn der Fastenzeit, vom Sonntag Septuagesimae an, wird das Halleluja nicht mehr gesungen. Mancherorts wird es regelrecht mit einem Begräbnisritual verabschiedet, schreibt Bieritz. Später verstummt auch das Gloria, Bilder im Kirchenraum werden verhüllt, Blumenschmuck fehlt und nach der Todesstunde Jesu, am Karfreitag um 15 Uhr, schweigen traditionell Orgel und Glocken. Erst wenn in den frühen Morgenstunden der Osternacht die Botschaft von der Auferstehung des Gekreuzigten verkündet wird und die dunkle Kirche nach und nach im Licht der Osterkerze erstrahlt, stimmt die Gemeinde es wieder an: ein feierliches, ein österliches Halleluja, das zu diesem Anlass dreifach wiederholt wird.

"Aller Lieder singt man sich mit der Zeit müde"

Und auch kaum ein Refrain der Osterlieder in christlichen Gesangbüchern verklingt ohne Halleluja. Der Reformator Martin Luther hat das liturgische Halleluja in seinen wenigen Schriften zur Gottesdienstordnung zwar nicht erwähnt. In den Ostergesängen aber schätzt er es umso deutlicher. Er verfasste nicht nur selbst das Osterlied "Christ lag in Todesbanden", dessen Strophen allesamt auf mehrfaches Halleluja enden. In seiner Hauspostille bemerkt er zum Lied "Christ ist erstanden", einem festen Bestandteil der evangelischen Osternacht: "Aller Lieder singt man sich mit der Zeit müde, aber das 'Christ ist erstanden' muss man alle Jahre wieder singen". Die dritte Strophe besteht fast nur aus Halleluja.

Doch so sehr das Halleluja für Christen heute verknüpft ist mit der zentralen christlichen Botschaft von Tod und Auferstehung Jesu Christi und von der Wiederkehr des Messias: Charakteristisch bleibt seine Wandlungsfähigkeit und Transparenz für unterschiedliche Interpreten des Gotteslobes. Auch in der jüdischen Liturgie spielt das sogenannte "Große Halleluja", die Rezitation der Hallel-Psalmen 113 bis 118, nach wie vor eine wichtige Rolle an hohen Feiertagen. Und in der christlichen Tradition erwies sich der lautmalerische Singsang der hebräischen Formel schon früh als populäres Stück kirchlicher Gesänge, indem er eine besondere musikalische Dynamik entfaltete.

"Mit dem Schlussvokal des Halleluja wurden 'Lieder ohne Worte' gesungen; wo die Sprache nicht mehr ausreicht, jubiliert das Herz in Lauten, die über das verstandesmäßig Erfassbare hinausgehen", so beschreibt der Theologe und Kirchenmusiker Christoph Albrecht die Entstehung der sogenannten Sequenzen. Schon der Kirchenvater Augustin kannte diesen Halleluja-Jubilus, der im Altertum von Christen auch gern außerhalb des Gottesdienstes, beispielsweise bei der Arbeit gesungen wurde, vermerkt Rupert Berger im Pastoralliturgischen Handlexikon. Bis ins Mittelalter hinein entwickelten sich daraus eine Fülle an Hymnen und Versen, Berger zufolge der Ursprung volkssprachlicher Gesänge zwischen den lateinischen Elementen der Liturgie.

Von "Sing Hallelujah" bis zum "Hard Rock Hallelujah"

Hier liegt vielleicht die Wurzel der weiten Verbreitung des Jubelrufes auch in profanen Kontexten, den man sich weder müde zu singen, noch zu hören scheint. Klassisch orchestral entfaltet es seine hymnische Wucht im Messias von Georg Friedrich Händel, verspielter und weniger bekannt vertont ist der Part in Mozarts Exultate Jubilate. Unter den modernen Liedern, die in die Kirchengesangbücher Eingang gefunden haben, hört man vor allem das Halleluja heraus, das den Traditionen um die ökumenische Bruderschaft in Taizé zugeschrieben wird. Auch wenn das möglicherweise eine Legende ist, so begleitet das als Kanon arrangierte Halleluja seit Jahren jeden Deutschen Evangelischen Kirchentag wie ein Soundtrack. Der Titel Sing Hallelujah aus der Hitschmiede des schwedisch-nigerianischen Pop-Musikers Dr. Alban wiederum interpretiert den alttestamentlichen Appell zum Gotteslob unter – nicht nur musikalisch – anderen Vorzeichen, mehr als Party-Ruf.

Und auch an der großen Schlagerparty, dem "Eurovision Song Contest"i, st der jubelnde Gotteslob-Ruf nicht spurlos vorübergegangen. Unvergessen der strahlende Sieger des Lied-Wettbewerbs von 1979 in Jerusalem: "Hallelujah" von Gali Atari und Milk & Honey aus Israel. Die Ohrwurm-Hymne im Stile der Carpenters wurde in ihrer deutschen Übersetzung hierzulande zu einem veritablen Hit, mit Zeilen wie "Und jeder Vogel am Himmelszelt, alle singen dieses Lied: Hallelujah. Hallelujah, Lied der Welt, das die Wege des Lebens erhellt..."

Fast noch bekannter wurde viele Jahre später dann die ironische Wiederaufnahme dieses Songs durch die finnischen Kostüm-Rocker von Lordi. Ihr Song "Hard Rock Hallelujah" war gespickt mit Wortspielen, die biblische Bezüge aufweisen. So heißt es dort unter anderem: "It's The Arockalypse" oder "On the day of Rockoning" und "Rock 'n' roll angels bring that Hard Rock Hallelujah". Auch dieses Stück trug den Sieg beim Wettbewerb davon und wurde ein europaweiter Charterfolg.

Halleluja-Demonstration am Trafalgar Square

Und schließlich ist auch ein Ende der Neubearbeitungen von Leonard Cohens Hallelujah nicht abzusehen. Immer mehr Musiker reihen sich ein auf der langen Liste bekannter Interpreten in der Nachfolge von John Cale oder Jeff Buckley, Bono (U2), Bob Dylan, Allison Crowe, Jon Bongiovi oder Rufus Wainwright. Die kanadische Sängerin K.D. Lang beispielsweise gewann zahlreiche Fans, als sie den Titel zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Vancouver 2010 vortrug.

Die Version des US-amerikanischen Sängers Jeff Buckley hat für viele Hallelujah-Fans nahezu Bekenntnis-Status und wurde vom Musik-Magazin "Rolling Stone" zu einem der "500 Greatest Songs of All Time" gekürt (nicht aber Cohens eigene Interpretation). Der Gitarrist und Sänger versetzte mit seinem Gesang Stadien voller Menschen in andächtiges Schweigen, zu Lebzeiten landete der 1997 jung verunglückte Musiker jedoch nie einen Hit. Als die Britin Alexandra Burke Ende 2008 mit dem Titel "Hallelujah" als gekürter Star aus der englischen Casting-Show "The X-Factor" hervorging, da machten Buckleys Fans mobil.

Halleluja 2.0

Über eine Internet-Kampagne riefen sie dazu auf, Buckleys Hallelujah als die authentischere Version des Titels in den britischen Charts zu pushen. Damit entfesselten sie einen Wettlauf der beiden Coverversionen, der unter anderem in einer schwach besuchten Pro-Buckley-Hallelujah-Demonstration auf dem Londoner Trafalgar Square gipfelte. Alexandra Burkes Single erreichte einen erwartbaren Platz eins. Und Jeff Buckleys "Hallelujah" landete 14 Jahre nach der Veröffentlichung und sieben Jahre nach seinem Tod auf einem historischen Platz zwei der britischen Single-Charts. Auch Leonard Cohens Original geriet in den Sog des Kulturkampfes und kam unter die Top 40.

Eine der jüngsten Episoden seiner ungewöhnlichen Erfolgsgeschichte schließlich erlebte das Halleluja, als der irische Priester Ray Kelly ein Hochzeitspaar in der Trauung mit der Live-Darbietung einer umgedichteten Coverversion des Cohen-Klassikers überraschte. Irgendjemand filmte mit und machte den Ausschnitt über die Videoplattform YouTube im Netz zugänglich. In kürzester Zeit wurde das Filmchen über 40 Millionen mal aufgerufen und Kelly zu einem weltweiten Internet-Star. Einmal mehr erwies das Halleluja eine besondere Kraft, Menschen in seinen Bann zu ziehen und schrieb ein weiteres kurioses Kapitel seiner langen Geschichte. Es wird nicht das letzte gewesen sein.

Dieser Artikel erschien erstmal im April 2015 auf evangelisch.de.

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