Missbrauch von Jungen: "Angst, als Weichei dazustehen"

Jeder achte bis zehnte Junge wird nach Expertenmeinung irgendwann in seinem Leben einmal Opfer sexualisierter Gewalt. Hilfe holen sie sich selten. Spezialisierte Anlaufstellen gibt es kaum.

Sobald Lukas (Namen geändert) der Geruch eines bestimmten Parfüms in die Nase steigt, wird ihm schlagartig übel. Sein Magen krampft sich zusammen, er fühlt sich wieder wie der fünfjährige Junge von damals. Und dann kehren sie zurück, die schrecklichen Erinnerungen an seine Tante. Ähnlich geht es auch Michael: Kreuzt ein bestimmter Spediteur an seiner Arbeitsstelle auf, ist er stundenlang kaum noch in der Lage zu arbeiten. Zu sehr erinnert ihn das Gesicht des Mannes an seinen Peiniger - einen Lastwagenfahrer, der ihn als Kind immer wieder missbrauchte.

"Jungs reagieren anders auf sexuelle Übergriffe als Mädchen"

Experten gehen davon aus, dass jeder achte bis zehnte Junge irgendwann in seinem Leben einmal Opfer sexualisierter Gewalt wird. Von der Öffentlichkeit wird der Missbrauch von Jungen aber noch eher wenig wahrgenommen, sagt Sozialpädagoge Siegfried Rothenbucher von der Nürnberger Beratungsstelle Paroli, bei der Jungen und Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 23 Jahren Hilfe suchen. Mehr Beachtung für das Thema erhofft sich der 40-Jährige durch die vor kurzem ans Licht gekommenen Fälle in der katholischen Kirche. Deutschlandweit gibt es nach Schätzung der Berliner Beratungsstelle Tauwetter lediglich rund 20 Anlaufstellen, die allein auf sexuell missbrauchte Jungen oder Männer spezialisiert sind.

"Jungs reagieren anders auf sexuelle Übergriffe als Mädchen", erklärt Paroli-Leiterin Melitta Sluka, und ihr Kollege ergänzt: "Mann und Opfer - das ist einfach schlechter unter einen Hut zu bringen." Die Gesellschaft gehe davon aus, dass Jungen stark sind und sich selber wehren könnten - oftmals würden die Fälle deshalb gar nicht entdeckt.

"Bedürftige Jungen werden häufiger zu Opfern"

Während bei Mädchen die Täter oft aus dem familiären Umfeld stammen, sind die Peiniger von Jungen laut Bundesfamilienministerium eher im sozialen Nahbereich zu finden. "Das kann ein Lehrer oder Trainer sein, oder auch jemand, der sie am Spielplatz anspricht", erklärt Rothenbucher. Eines ist Jungen und Mädchen dabei gemein: Meist sind die Täter Männer.

Besonders oft würden Jungen zu Opfern, die in irgendeiner Weise bedürftig seien, sagt Thomas Schlingmann von Tauwetter. "Die Täter sind sehr geschickt darin herauszufinden, was die Jungen brauchen." Dafür zahle das Opfer dann einen hohen Preis. Jährlich wenden sich rund 150 Männer, die als Kind sexuell missbraucht wurden, an die Berliner Beratungsstelle.

Meist komme der Missbrauch ans Licht, wenn sich das Opfer einer Frau anvertraue, schildert der Nürnberger Experte Rothenbucher seine Erfahrungen. "Das kann die Mutter oder die eigene Freundin sein." Irgendwann sind die Betroffenen dann vielleicht soweit, dass sie sich Hilfe suchen. "Das Ziel unserer Beratungsstelle ist zunächst die Stabilisierung", erklärt der Sozialpädagoge. "Wir versuchen dem Opfer klarzumachen, dass es sich auf seine Art und Weise gewehrt hat." Zur Abwehr gehöre es zum Beispiel auch, wenn ein Kind nachts Spielzeug um das Bett herum verteilt und so versucht, den Peiniger zu vertreiben.

Das Erlebte mit sich selbst auszumachen

Jährlich wenden sich rund sechs Betroffene an die Nürnberger Einrichtung. Diese recht geringe Zahl sei unter anderem damit zu erklären, dass Jungen generell weniger Hilfe suchten, sagt Rothenbucher. "Jungs neigen auch dazu, die Beratung schnell abzubrechen." Sie versuchten, das Erlebte mit sich selbst auszumachen - bevor sie mitunter erst Jahre später einen neuen Versuch starten.

Diese Erfahrung hat auch Berater Schlingmann in den vergangenen 15 Jahren gemacht: "Die meisten, die zu uns kommen, sind schon Mitte Dreißig." Darunter gebe es Opfer, deren Leben komplett aus den Fugen geraten sei. Andere hingegen seien extrem erfolgreich im Beruf, da sie zum Ausgleich für das Erlebte einen extremen Ehrgeiz entwickeln. Doch einige dieser Männer würden von Alpträumen verfolgt. "Sie suchen dann Hilfe, weil sie sich durch ihren Erfolg nicht mehr infrage gestellt fühlen und außerdem keine Angst mehr haben, als Weichei dazustehen."

dpa