Reformationstag oder Das Pathos der Freiheit

Lutherdenkmal an der Marktkirche in Hannover

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Im Kirchenkalender behauptet das Datum stoisch seinen Platz, auch in der Geschichte genießt der Zeitpunkt große Aufmerksamkeit – was aber bedeutet dieser letzte Tag im Oktober den Menschen heute? Zum Reformationstag fragt evangelisch.de nach beim Pfarrer um die Ecke, bei den Machern der Lutherdekade und bekommt auch von der Generation Google spannende Antworten zur Aktualität des protestantischen Feiertages. Dessen angestaubte Popularität konkurriert zwar gerade mit dem Gruselspaß namens Halloween, doch profitiert es sogar vom Kommerzkick in Kürbisform: Denn den Geist, den Luther einst in den Menschen wachrief, besitzt auch heute noch große reformatorische Kraft. Bestes Beispiel – Yes, we can!

Freiheit. Das sei für ihn die vielleicht wichtigste Botschaft zum Reformationstag, sagt Pfarrer Werner Geißelbrecht aus Innsbruck. An diesem Tag wird der junge Theologe offiziell in sein Amt eingeführt, die große Gemeinde wird sich in die kleine Kirche zwängen und auf seine Worte warten. Worüber wird er sprechen? "Über den frischen Wind, den Luther in eine zutiefst verängstigte Gesellschaft getragen hat. Das hat die Menschen für die neue Lehre begeistert, der Geist des Protests war gleichzeitig auch Anstoß für die Freiheitsbewegung."

Die Historiker streiten noch

Die Historiker streiten weiter, ob überhaupt und wenn, dann wie viele Kirchentüren der Theologieprofessor Martin Luther am 31. Oktober anno 1517 in Wittenberg mit seinen 95 Thesen plakatierte. Darauf plädiert der selbstständig denkende Mönch für die Abkehr vom Ablasshandel, stellt die Person des Papstes in Frage und will daraus eigentlich keine große Sache machen. Deswegen wählt er für die erste Version auch die lateinische Sprache, wie es sich für einen ordentlichen Disput unter Gelehrten geziemte. Dann aber kommt alles ganz anders. Die Reformation steht vor der Tür.

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"Luthers Lehre hat sich bis heute weiter entwickelt und deswegen sollten wir behutsam mit jeglicher Reformationsfolklore umgehen – im Sinne Luthers allen Traditionen mit einem gesunden Misstrauen begegnen und schauen, wo heute unsere Herausforderungen liegen." Diesen Spagat zwischen gestern und heute praktiziert die lebendige Lutherstadt Wittenberg. Sie lebt vom und mit dem Luthertourismus, und an diesen Sonntag geht das grüne Großprojekt "Luthergarten" in die entscheidende Phase – die ersten Bäume sollen Wurzeln schlagen.

Die Baumidee boomt

"Für den Luthergarten am Schloss haben wir 500 Bäume geplant und die ersten 25 setzen wir morgen ein", sagt Pastor Hans Wilhelm Kasch. Er koordiniert die Aktion rund um den Festakt, hält Kontakt zu den Kirchen der Welt, die als Ausdruck ihrer Verbundenheit auch eine Linde oder Ahorn pflanzen möchten und diskutiert mit der Stadt die Nutzung weitere Grünflächen. Weil die Baumidee so boomt. Schon jetzt könnten weit mehr als die symbolischen 500 Bäume in den Himmel wachsen, denn jeder sei eingeladen, eine Baumpatenschaft zu übernehmen.

Solche und ähnliche Ideen hat auch Prälat Stephan Dorgerloh im Sinn, der vor einem Jahr in Wittenberg mit seinem Team begann, die Lutherdekade zu organisieren. Die ersten zwölf Monate standen dabei primär im Zeichen des Reformators Calvin, die Resonanz darauf sei beachtlich gewesen, sagt Dorgerloh: "Die erste Auflage unseres Calvin-Magazins war schnell ausverkauft, mittlerweile liegen wir bei rund 30.000 Exemplaren und jetzt liegt ganz druckfrisch das nächste Magazin im "chrismon"-Shop: Melanchthon."

Die Theologie Melanchthons funktioniert

Ein Ziel der Arbeit sei es, mit Projekten und Ideen die Reformationsgeschichte aufzunehmen und zu transformieren in die Fragen des 21. Jahrhunderts: "Zum Beispiel funktioniert die Theologie Melanchthons sehr systematisch – wir haben sie übersetzte in ein zeitgemäßes Format, in eine Wikipedia des Glaubens. Oder sein erstes evangelisches Bekenntnis, das haben wir verwandelt in ein Hörspiel. Es geht uns darum, die Theologie zu übersetzen in die Alltagswelt der Menschen." Dazu gehöre auch der jüngste Trend des spirituellen Pilgerns. Dabei es muss gar nicht immer Santiago de Compostela sein: Ein alter und kurzer Lutherweg existiert in Thüringen, ein noch junger und weitaus längere in Sachsen-Anhalt, und die Homepage www.pilgern-im-lutherland.de berät bis zur optimalen Schuhwahl – damit öffnet der Deutschen liebstes Hobby, das Wandern, ganz neue Horizonte.

Ebenso das Spektakel namens Halloween, welches für viele immer noch auf dem Index steht wegen des vermeintlich heidnischen Brauchs dahinter. Was einerseits falsch ist, denn die katholischen Iren haben es erfunden, und andererseits viel zu ernst. Die beste und süßeste Antwort darauf sei immer noch das Lutherbonbon, sagt Pfarrer Geißelbrecht aus Innsbruck - und seine Jugend feiert ihr eigenes, reformiertes Halloween im Gemeindehaus. Und auf den süßen evangelischen Seiten im Netz machen sich die Kinder ihre ganz eigenen Gedanken zu Martin Luther.


Stefan Becker ist freier Journalist und Fotograf. Er lebt in Innsbruck und Hamburg.