Volker Jung: "Homosexualität ist ein Teil der Schöpfung"

Beim Verleih der "Kompassnadel" treffen sich Kirche und CSD - mit Applaus
Volker Jung

Foto: Stephan Krebs/EKHN

Volker Jung nimmt in Köln die "Kompassnadel" entgegen.

EKHN-Kirchenpräsident Volker Jung erhält beim CSD-Empfang in Köln die "Kompassnadel" für seinen Einsatz für die Rechte von Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuellen. Es ist eine Auszeichnung, die die Gegenwart würdigt, aber auch in die Zukunft weisen kann und soll.

Warum uns das 2014 wichtig war: Homosexualität und Kirche! Für viele war das lange Zeit ein gelebter Widerspruch oder führte zum Bruch, auch in der evangelischen Kirche. Noch vor nicht allzu langer Zeit wandten sich viele Lesben und Schwule von ihrer Kirche ab, weil sie ausgeschlossen wurden oder sich zumindest nicht willkommen fühlten. Heute ist es immer mehr Homosexuellen, auch mir, wichtig, auch als Christen wahrgenommen zu werden, die aus dem Glauben an den befreienden Gott Kraft schöpfen. Menschen, die trotz mancher Verletzungen sich wieder mit der Kirche verbunden fühlen und christliche Gemeinschaft gestalten und leben wollen. Die Verleihung der Kompassnadel an EKHN-Kirchenpräsident Volker Jung auf dem Kölner CSD war für mich symbolisch ein Brückenschlag zwischen der kirchlichen und der queeren Gemeinschaft. Das war spürbar! Die knisternde Anspannung im Saal löste sich auf in Erleichterung. Statt fröstelnder Stille klang zustimmender und fröhlicher Applaus durch den Raum.

Markus Bechtold, Redakteur bei evangelisch.de


 

Manchmal ist die Stimmung in Räumen als Atmosphäre zu greifen. Volker Jung, EKHN-Kirchenpräsident, betritt während des CSD-Empfangs im repräsentativen Gürzenich, der guten Stube Kölns, die Bühne. Er nimmt vor rund 700 Gästen den Preis "Kompassnadel" des Schwulen Netzwerks NRW und der Aidshilfe NRW entgegen.

Die Laudatio hatte Pfarrer Markus Herzberg von der AntoniterCityKirche in Köln gehalten. Herzberg zitierte den anglikanischen Altbischof Desmond Tutu aus Südafrika: "Wenn die Kirche so viel Zeit in Liebe und Gerechtigkeit investiert hätte wie in die Abwehr der Homosexualität, dann sähe unsre Welt anders aus." Auch aus diesem Grund sagte der Pfarrer: "Ich bin mir bewusst, dass nicht wenige innerhalb der LGBTI-Szene die Stirn in Falten legten, als bekanntgegeben wurde, dass einem Kirchenmann die diesjährige Kompassnadel verliehen wird und ausgerechnet auch noch ein anderer Geistlicher die Laudatio halten wird." Viele brächten zu Recht das Thema Kirche und lesbisch-schwule Bewegung nicht so  ganz unter einen Hut.

Auch Volker Jung, der Preisträger, weiß um die Bedeutung der Auszeichnung an ihn.  "Ich hatte das Gefühl, dass man mir sehr genau zuhört. Dass man sehr genau darauf achtet, was ich sage," erzählt er im Anschluss gegenüber evangelisch.de. Ihm schien, als hätten die Zuhörer genau heraushören wollen, ob er eine ehrliche Position mit dem Ziel der Akzeptanz einnehme oder diese nur aus politischer Korrektheit verfolge.

Volker Jung beim CSD-Empfang.

Im Saal lässt sich diese Skepsis in mancher Körperhaltung ablesen. Nach den ersten Sätzen löst sich die Anspannung, verschränkte Arme öffnen sich, es wird viel applaudiert. Diese Erfahrung macht der Kirchenpräsident während der gesamten Veranstaltung der Preisverleihung. Volker Jung fühlte sich sehr freundlich aufgenommen: "Man hat sich wohl auch sehr gefreut, dass ich den Preis angenommen habe, weil das auch bedeutet, dass man weiterhin öffentlich für das Thema einsteht."

Sein Eintreten ist Volker Jung wichtig. "Ich habe den Preis aus Überzeugung  entgegengenommen, weil ich das Engagement des Schwulen Netzwerks NRW und der Aidshilfe NRW sehr schätze." Der Preis ist für Jung auch ein Zeichen nach außen, welches Engagement sich Homosexuelle von den kirchlichen Institutionen auch in Zukunft wünschen. In Bezug auf die Kirche strahlt die Auszeichnung nach außen wie innen. Für homosexuelle Kirchenmitarbeiter, so der Kirchenpräsident, bedeute die Vergabe der "Kompassnadel" auch eine öffentliche Anerkennung  der gleichgeschlechtlichen Lebensweise innerhalb der Kirche.

Das Verhältnis zu Homosexuellen "grundlegend überdenken"

Volker Jung hält die theologische Debatte über Homosexualität noch nicht für abgeschlossen. Sowohl in Teilen der evangelischen als auch in der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche sei es weiterhin nötig, das Verhältnis zu schwulen und lesbischen Menschen "grundlegend zu überdenken". Zur Situation homosexueller Menschen, die in ihrer Kirche Ablehnung erfahren, sagt Jung: "Ich würde mir erhoffen, dass Menschen ihren Seelsorgern auch signalisieren, dass sie das Gespräch wünschen, nicht nur das seelsorgerische Gespräch, auch das öffentliche, theologische Gespräch in ihren Kirchen. Das muss meines Erachtens dringend geführt werden". Jung sieht zudem nicht nur die christlichen Kirchen in der Pflicht: "Es ist und muss auch ein Thema im interreligiösen Gespräch sein."

Jung stellt klar, dass für ihn Homosexualität eine mögliche Grundveranlagung von Menschen darstelle und sie deshalb zur Schöpfung gehöre. Damit gelte auch für Homosexuelle der Zuspruch der biblischen Schöpfungserzählung: "Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!" Im Saal wird kräftig applaudiert. Jung zufolge greift der Ansatz zu kurz, homosexuelle Menschen nicht diskriminieren zu wollen, gelebte Homosexualität aber nach wie vor als Sünde zu verurteilen. Die Schlussfolgerung, dass das Ziel "echte Akzeptanz" sein müsse, rief erneut großen Applaus hervor. Angesichts einer "erschreckend weit verbreiteten Homophobie" sei es wichtig, in Kirche und Gesellschaft zu einer veränderten Beurteilung der Homosexualität zu kommen. Er erhofft sich, dass in Zukunft Schwule, Lesben, Bi-, Inter- und Transsexuelle sagen können: "Die Kirchen sind kein homophober Block, sondern die Kirche Jesu Christi ist meine Kirche".

Nach den Worten des "Schwulen Netzwerks NRW" verdient Jung die Ehrung, weil er "aus einer herausragenden Position als leitender Geistlicher" an dem Familienpapier der Evangelischen Kirche in Deutschland mitwirkte, das im vergangenen Jahr für eine breite Diskussion gesorgt habe. Diese Schrift habe den Stellenwert von Lesben, Schwulen, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und Regenbogenfamilien "auf nachhaltige Weise theologisch neu definiert". "Volker Jung setzt sich dafür ein, dass ein vielfältiges Familienbild, trotz aller Kritik aus den eigenen Reihen, Einzug in das Selbstverständnis der Evangelischen Kirche in Deutschland hält", sagt Steffen Schwab, der Vorstandsvorsitzende des Schwulen Netzwerks NRW. Dies sei ein Zeichen, "das überkonfessionell eine hohe positive Symbolkraft" ausstrahle.

"Vielen Lesben und Schwulen erscheinen 'die Kirchen' und die überwältigende Mehrheit kirchlicher Repräsentantinnen und Repräsentanten bis heute als homophober Block", erklärt Schwab dem Publikum. Mit der Ehrung von Jung "würdigen wir, dass er diesem Bild mit seinem herausragenden Engagement entgegentritt". Jung gebe vielen Menschen in der evangelischen Kirche, die sich für die Emanzipation von Lesben und Schwulen einsetzen, ein Gesicht.

In der EKHN wird als erste evangelische Kirche in Deutschland seit vergangenem Jahr die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, die seit gut zehn Jahren bereits praktiziert wird, mit der Trauung weitgehend gleichgestellt. "Für uns in der evangelischen Kirche in Hessen-Nassau steht noch die Frage aus, die auf der Synode gestellt wurde, ob die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares auch als Trauung bezeichnet werden kann. Darüber denken wir noch nach, wie das theologisch zu beurteilen ist", sagt Jung. Er nimmt den Preis mit nach Darmstadt in die Kirchenverwaltung. "Das sollte auch gezeigt werden, dass dieser Preis an mich gegangen ist. Ich fühle mich zwar als Person geehrt, aber eben auch besonders das Engagement der EKHN und der vielen Menschen, die sich in dieser Kirche schon seit vielen Jahren für dieses Thema einsetzen."