Das Gorlebener Gebet: Für das stetige Wachen

Gorlebener Gebet

Foto: Cornelia Kurth

Unter den Gorlebener Kreuzen treffen sich seit 25 Jahren Menschen zum Widerstand gegen die Atomkraft.

Das Gorlebener Gebet: 25 Jahre lang, jeden Sonntag bei Wind und Wetter, mal zu Hunderten und mal nur Zweien oder Dreien, wird im Wald beim geplanten Endlager für Atommüll dafür gewacht und gebetet, dass verantwortungslos erscheinende Energiepolitik nicht die Zukunft der Schöpfung gefährdet. Was eint die Menschen an, was lässt sie wiederkommen? Eine Reportage aus dem Wendland.

"Wir sind furchtlos, ja!" Das sagt Hans-Dieter Kuhl, einst Bewährungshelfer, 78 Jahre alt, und seine 75jährige Frau Christa, pensionierte Lehrerin, nickt ihm lächelnd zu. Die beiden sind alte Kämpfer, erfahren im Demonstrieren und Diskutieren, längst gelassen im Umgang mit wehrhafter Polizei und ausgesprochen stoisch, wenn es darum geht, in Wind und Wetter protestierend auszuharren. Ziemlich außergewöhnliche Bürger, und doch heute nur ein Paar unter so vielen anderen Menschen, deren Leben von dem geprägt ist, was sie "Widerstand" nennen, Widerstand gegen den Einsatz der Atomkraft und vor allem Widerstand gegen das geplante Endlager für den strahlenden Müll im Erkundungsbergwerk Gorleben.

Wegweiser zum Gorlebener Gebet 2014.

"Fast alle, die sich an diesem Sonntag im Wald vor dem Erkundungsbergwerk zusammenfinden, haben "Kampf-Geschichten" zu erzählen, standen schon vermummten Hundertschaften der Polizei gegenüber, saßen in Straßenblockaden, flohen vor Wasserwerfern oder unterstützten diejenigen Castor-Gegner mit Speis, Trank und Ermutigung, die sich an den Transportgleisen zum Zwischenlager festgekettet hatten. Heute aber feiern sie den 25. Geburtstag eines meist eher stillen und gerade deshalb fast um so beeindruckenderen Protestes, das "Gorlebener Gebet", und sie feiern die Tatsache, dass sich wirklich ein Vierteljahrhundert lang jeden einzelnen Sonntag, sommers wie winters Menschen fanden, die eine Andacht hielten an diesem Ende der Welt, manches Mal zu Vielen und von der Presse begleitet, meistens aber nur mit einer Handvoll Betender und ohne einen anderen Zeugen als Gott.

"Was hast Du gemacht, damals?"

In einer Waldschneise treffen sich die Teilnehmer des "Gorlebener Gebetes", 300 Meter vom Eingang des Bergwerkes entfernt, mit Blick auf den Bohrturm, der sich bedrohlich wie der Turm einer feindlichen Burg erhebt, dort, wo drei große Holzkreuze stehen, das erste von ihnen 1988 aus dem bayrischen Wackersdorf 1113 Kilometer quer durch Deutschland bis ins abgelegene Wendland auf dem Rücken von Demonstranten angeschleppt.

Marianne Fritzen (rechts) und Evelyn Stendel wollen nachfolgenden Generationen eine saubere Welt hinterlassen

Marianne Fritzen war damals dabei, jetzt 90 Jahre alt, ebenso wie ihre Freundin, die fast 80jährige Evelyn Stendel, die das Holzkreuz ebenfalls trug, "aber nur kurz", sagt die zierliche Frau, "man will die Sache ja schließlich gesund überleben." Was sie eint, spricht Christa Kuhl aus: Das Bedürfnis, nicht beschämt und sprachlos dazustehen, wenn Kinder und Kindeskinder fragen: "Was hast Du gemacht, damals, als sie bereit waren, die Zukunft zu verraten?"

Nicht nur die Veteranen kommen an diesem Sonntag zur traditionellen Gebetszeit um 14 Uhr, auch jüngere Leute sind unter den wackeren Betern, darunter die Kinder und Enkelkinder des Ehepaars Kuhl, chorsingende Studenten aus Oldenburg, die Gäste aus Namibia mitbringen, die beiden jüdischen Künstlerinnen Jalda Redling und Anna Adam aus Berlin, die dafür sorgen, dass sich ein Band aus 1000 bunten Gebetsfahnen entlang der Bäume rund um das Erkundungsbergwerk zieht.

Zeitreise mit "Atomkraft - Nein Danke"-Schildchen

Bevor man sich nämlich bei den drei Holzkreuzen trifft, startet ein "Widerstands-Marathon", der einmal um das mit Nato-Draht abgeschirmte Bergwerk führt, von dessen Mauern Wachleute betont gleichgültig herabschauen.

Man stärkt sich zuvor mit Bio-Limo und dem Gesang der allerersten Protestlieder ("Das Wendland bleibt frei!") und steht dabei in der Nähe eines Schiffes, ja, der Greenpeace-Beluga, die im letzten Jahr auf der Waldlichtung ihren letzten Hafen fand. Wer noch nie in Gorleben war, kann sich wirklich zurückversetzt fühlen in die 1980er Jahre, wo selbstverständlich jeder, der was auf sich hielt, ein "Atomkraft - Nein Danke"-Schildchen trug, wo die Frauen ihre langen Haare offen trugen und die Männer in bunten Hosen herumliefen. Yogalehrerin Elisabeth Hafner-Reckers aus dem benachbarten Rehbeck, Organisatorin der Gebetstermine, sie wirkt mit ihrer runden Brille, ihrem Lachen und der orangen Jacke immer noch wie das Mädchen von damals, das bei den Demos die Fahne trug.

Da stehen und sitzen nun alle nach dem "Marathon", an dessen einer Station Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) eine flammende Rede hielt, im Wald bei einem Holzunterstand, wo Berge von Obst, Brötchen und Bioaufschnitt sich türmen, und man fühlt sich wie auf einem Geburtstagsfest, dessen Höhepunkt gleich beginnen wird. Zum ungefähr 1.500. Mal versammeln sich dann alle bei den drei Holzkreuzen, und neben Vertretern der katholischen Kirche wird als besonderer Gast der hannoversche Landesbischof Ralf Meister erwartet, mit Spannung, sitzt er doch seit kurzem in der Endlager-Kommission, die entscheiden wird, wie es mit Gorleben weitergehen soll.

Bischof Ralf Meister lobt Atom-Widerstand im "Gorlebener Gebet".

"Ihr missbraucht das Kreuz!" - diesen harten Vorwurf nämlich, wie er oftmals aus Politik und auch der Kirche erhoben wurde, werden Hans-Dieter und Christa Kuhl niemals vergessen. "Ich weiß noch zu gut, wie es hieß: 'Ihr werdet doch wohl nicht in Gottes Namen eine Technik behindern wollen, die so viel Gutes für die Zukunft bringen wird", sagt Hans-Dieter Kuhl. "Dabei hatte es da den Super-Gau in Tschernobyl schon gegeben." Was also würde der Landesbischof sagen, welche Richtung seine Predigt nehmen? Propst Stephan Wichert-von Holten von der Propstei Lüchow war eher vorsichtig und sprach davon, Gott zu danken für jede "kleinste Erfüllung" von 25 Jahren Gebeten, die doch aber immer aufs Ganze gingen, nämlich, dass Schluss sein soll mit Zwischenlager und vor allem mit den zweifelhaften Endlagerplänen.

Landesbischof Meister ließ sich auf keinerlei Kompromiss ein. Er schilderte, wie er vor vier Jahren zum ersten Mal und ganz allein den geschichtsträchtigen Gebetsplatz im Abenddämmerungs-Wald besuchte und ihm klar wurde, dass das Gorlebener Anliegen zu einem der wichtigsten Anliegen auch der Landeskirche werden müsse; wie er daran dachte, dass zwei Balken und zwei Schrauben schon ausreichen, um eine Hinrichtungsstätte in Form des Kreuzes zu errichten, und dass bereits durch zunächst vielleicht harmlos erscheinende Taten Leid, Schmerz und Zerstörung entstehen kann.

Atomkraftgegner blicken zuversichtlich in die Zukunft

"Ich will nicht verschweigen, dass die Kirche diesen Ort mit Argwohn betrachtete und das Gorlebener Gebet am liebsten verhindert hätte", sagte er. Das kontinuierliche Gebet aber habe der Möglichkeit zur gesellschaftlichen Umkehr Gehör verschafft, auch in der Landeskirche.

"Wir müssen uns bewusst sein, dass zum Handlanger der Zerstörung schon werden kann, wer allein den herrschenden Ideologien vertraue", so Meister weiter. "Auch, wer den Widerspruch nicht pflegt und lieber schläft statt wacht, kann zum Mittäter werden." Das Gorlebener Gebet sei "ein entschiedener Versuch gegen die Versuchung, einfach nur dahinzudämmern". Hätte es sich nicht um eine Andacht, sondern um eine politische Rede gehalten, die über hundert Teilnehmer wären wohl alle aufgesprungen und hätten stehenden Applaus gespendet.

Hans-Dieter Kuhl ist erfahren im Kampf gegen die Atomkraft.

Statt dessen sangen sie zum Abschied das schöne "Bleibet hier, wachet und betet", und machten sich dann auf ins in der Gegend weithin berühmte "Widerstands-Gasthaus Wiese" in Nachbardorf Gedelitz, wo es Jubiläumstorte zu verspeisen galt und man sich erneut versprach, im Fall, dass Gorleben endgültig als mögliches Endlager ausscheide, Gott weitere 25 Jahre lang für den Erfolg zu danken. "Ich fange schon jetzt damit an", meinte Hans-Dieter Kuhl. "Denn ich weiß, ich weiß, dass wir Erfolg haben!"