"Die Nachfolge Jesu hat viel mit Anarchie zu tun"

Rupert Neudeck über Mut, Pazifismus und eine Eisenbahn im Sudan
Rupert Neudeck

Foto: dpa/Britta Pedersen

Der Theologe und Journalist Rupert Neudeck wird an diesem Mittwoch (14. Mai) 75 Jahre alt. Sein neues Buch "Radikal leben" erschien am 24. März. Karin Vorländer hat den vielfach ausgezeichneten Querdenker nach den Quellen und Zielen seiner humanitären Arbeit gefragt.

Rupert und Christel Neudeck engagieren sich seit über 35 Jahren weltweit mit humanitären Hilfsaktionen in Kriegs- und Krisengebieten. 1979 gründeten sie das deutsche Not-Ärzte-Komitee Cap Anamur, das 11.488 Flüchtlinge aus dem südchinesischen Meer rettete. Einsätze in Somalia, Uganda, Äthiopien, Sudan, Eritrea, Afghanistan, Vietnam, Nordkorea, Nordirak und Tschetschenien folgten. 2003 gründeten beide die internationale Hilfsorganisation Grünhelme, die unter anderem in Afghanistan, Pakistan und Kaschmir als unabhängige "humanitäre Feuerwehr" Hilfe leistet.

In seinem neuen Buch "Radikal leben", das am 24. März erschienen ist, beschwört Rupert Neudeck die Tugenden des unabhängigen Denkens und Handels: Weg mit Bürokratie, Sicherheitswahn und faulen Kompromissen - hin zu einer Religiosität, in der humanitäre Aktionen und Gottesdienst zusammen gehören. So lautet die Vision des promovierten Theologen und Journalisten, der am 14. Mai seinen 75. Geburtstag feiert.

Ihr neuestes Buch liest sich wie eine Illustration zur diesjährigen evangelischen Fastenaktion "Selber denken!" Was ist der Motor ihres Denkens und Handelns?

Rupert Neudeck: Da stellen Sie mir gleich die schwerste Frage. Es gibt kein einzelnes Hauptmotiv. Mit Sicherheit spielt eine große Rolle, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, in der das Evangelium, die Bergpredigt, das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, wichtig war. Das Gleichnis stellt für mich immer wieder eine Herausforderung dar, weil ich mir immer wieder überlege, was Jesus getan hätte. Ich habe daraus die Konsequenz gezogen, dass wir heute, wo wir in einem unglaublichen Wohlstand leben, versuchen müssen, etwas davon abzugeben. Ohne selbst in einer Religion beheimatet zu sein, wäre mir meine Arbeit so wahrscheinlich gar nicht möglich.

Zweifellos hat mein Einsatz aber auch mit einem dramatischen Kindheitserlebnis zu tun. Am 30. Januar 1945 befand ich mich mit Mutter, Großmutter, Tante und drei Geschwistern – von den Vätern wussten wir nicht, wo sie abgeblieben waren – auf der Flucht aus meiner Geburtsstadt Danzig nach Gdingen. Das Schiff, die Wilhelm Gustloff, die uns in Sicherheit bringen sollte, verließ bei unserer Ankunft vor unseren Augen den Hafen. Wir kamen auf einem Kohledampfer unter und hörten später, dass die Gustloff torpediert worden war. So etwas "vergisst sich nicht", wie Immanuel Kant sagen würde.

Jemand hat Sie und ihre Frau einmal beschrieben "Wir haben es mit Idealisten zu tun, die sich einen Dreck um bestehende Vorschriften kümmern. Vielmehr sind sie überzeugt, die Welt bewegen zu können". Fühlen Sie sich da zutreffend charakterisiert?

Neudeck: (Lacht.) Nein, gar nicht. Das Wort "Idealist" kam von einem zuständigen Ministerialen, der sich gar nicht vorstellen konnte, welchen Spaß es macht, so zu leben. Das Wort "Idealist" ist ein typisch preußisches Wort, das uns einreden will, dass man sich furchtbar anstrengen muss, wenn man das tut, was ich für das Selbstverständliche halte. Es passt überhaupt nicht zu dem, was wir tun. Ich kann das mit großer Überzeugtheit sagen: Wenn man das Glück hat, so eine humanitäre Arbeit zu tun, dann hat man in seinem Leben wahrscheinlich die größte Freude und das schönste Abenteuer für sich selbst erobert.

"Die humanitäre Aktion muss immer bereit sein, schnurstracks das Ziel der Lebensrettung anzupacken"

Dann haben Sie also keinen "Preis" für ihr "radikales Leben" bezahlt, in dem Sie sich selbst oft in Gefahr begeben haben und in dem Urlaub fast ein Fremdwort ist?

Neudeck: All die asketischen Worte sind falsch. Es geht nicht um ein Minus oder eine Einbuße oder darum, sich am Riemen zu reißen. Ich habe die größte Zeit meines Lebens mit Menschen zusammengelebt, die dasselbe getan haben wie ich. Das ist ein großes Glück. Radikal zu leben bedeutet, in der Freude zu leben. Deshalb wünsche ich mir, dass junge Menschen einmal in ihrem Leben die Gelegenheit haben, an so einer Erfahrung wenigstens zu nippen.

Sie warnen in ihrem Buch davor, bei humanitären Aktionen auf "Zuständige" zu vertrauen. Gehört ein Schuss Anarchismus und Misstrauen gegen die Bürokratie und vermeintliche Experten zur humanitären Arbeit dazu?

Neudeck: Ja. Das gilt ja für auch für das Christentum. Die Nachfolge Jesu hat viel mit Anarchie zu tun. Jedenfalls hat das Johann Baptist Metz, mein theologischer Lehrer in Münster, immer behauptet. Und ich glaube, er hat Recht. Man muss gegen den Stachel löcken. Man darf sich nicht zufrieden geben mit dem, was "normal" ist oder was "nicht geht". Wenn es um Menschenleben geht, muss man energisch opponieren. Jedenfalls muss die humanitäre Aktion immer bereit sein, an den Zuständigen vorbeizugehen und schnurstracks das Ziel der Lebensrettung anzupacken.

Was nicht ausschließt, dass es unter den Zuständigen auch ganz phantastische Menschen gibt. Bei der Cap Anamur gab es unter den zehn Ministerpräsidenten der Bundesländer einen, Ernst Albrecht, der uns sehr unterstützt hat. Einer unter zehn. Aber sonst ist es das Normale, dass Zuständige eher hinderlich sind bei so einer Arbeit. Vor Zuständigen darf man nicht zu viel Respekt haben.

Welche Schleichwege empfehlen Sie, um an den Zuständigen vorbei zum Ziel zu kommen?

Neudeck: In unserer Gesellschaft muss man gar keine Schleichwege gehen. Wir haben in unserer offenen Gesellschaft die Chance, Dinge zu tun, die die Regierung manchmal nicht will. Darum beneiden uns Millionen Menschen etwa in Ägypten oder jetzt wieder in Russland. Eine Bürgerinitiative bei uns kann etwas tun, ohne die Regierung zu fragen. Man muss sich auf eigene Füße stellen ohne gleich irgendwo einen Antrag zu stellen. Sonst verliert man seine Unabhängigkeit.

Ihre humanitäre Arbeit ist vom Evangelium geprägt. Wie sieht aus Ihrer Sicht eine Kirche aus, die Zukunft hat?

Neudeck: Kleine Gemeinden werden künftig Gottesdienste auch woanders feiern. In Wohnhäusern mit Diakonen, mit Priestern, die auch verheiratet sind. Wir werden so Gottesdienst feiern, dass wir anschließend eine Suppenküche für Asylbewerber, Unterricht für Kinder aus einem Obdachlosengebiet anbieten, mit Behinderten auf den Drachenfels gehen oder die nächste Aktion mit einem LKW nach Malta oder Lampedusa starten. Das Entscheidende sind die kleinen Kreise, die wachsen können.

Wenn die Christenheit in all ihren Facetten nicht erkennt, dass man die Welt so nicht lassen kann, dass sie zu großen Ufern aufbrechen muss, dann hat sie verloren. Dann ist sie auch ihrem Auftrag nicht treu. Wir müssen zum Beispiel den alten gewaltlosen Pazifismus wieder erobern. Wir müssen den Stopp der Waffenexporte beginnen. Durch Rat und Tat und Gebet und Anstrengung. Wenn wir uns drauf einlassen, dass die Welt eben ist, wie sie ist, dann haben wir verloren.

Die Kirche muss neue Formen finden, in denen sich das Christliche und Solidarische betätigt. Meine Frau Christel arbeitet bei der Telefonseelsorge mit. Das ist eine großartige Form von Hilfe für Menschen im Alltag. Diese Form der Seelsorge, ohne geweihte Priester, tut stracks etwas gegen die größten Krankheit, die wir haben: Die Einsamkeit. Das ist eine tolle Form mit einem modernen Kommunikationsinstrument.

"Wir müssen wegkommen von Waffen und von stehenden Heeren"

Sie zählen den Wunsch, "sich einer großen Sache hinzugeben" zu den legitimen Grundbedürfnissen junger Menschen. Wo sehen sie die Hindernisse für leidenschaftliche und große Taten?

Neudeck: Das Sicherheitsdenken in der Sozialisation sorgt dafür, dass junge Menschen so geprägt sind von Karrieresicherheit und Rückversicherung, dass sie schleichend in eine Haltung hineinkommen, wo man nichts mehr riskiert. Wenn man den radikalen Einsatz für etwas Großes nicht einmal bewusst und aktiv gewollt und erlebt hat, dann fehlt etwas im Leben. Wir sind vom Evangelium aufgerufen, nicht feige zu sein. Das ist uns gesagt. Feige sein ist bequemer als mutig sein. Bequem sollten wir nicht sein.

Was sind Ihre Träume, die Sie auch mit 75 Jahren nicht aufgeben wollen?

Neudeck: Wir haben es auch hundert Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkrieges noch nicht geschafft, die Konsequenzen aus dem Versagen des Pazifismus zu ziehen. Wir müssen wegkommen von Waffen und von stehenden Heeren. Das einzige Heer weltweit, das muss dem UN-Generalsekretär unterstehen. So könnten wir eine friedliche Menschheit gewinnen, in der sich die Menschen und Völker anstrengen, für alle in Frieden einen Wohlstand zu erreichen. Und mein Land, die Bundesrepublik, müsste das erste Land sein, das der UN ein Kontingent ihrer Armee zur Verfügung stellt, damit das gar nicht mehr eine nationale Armee ist. Das ist mein Traum.

Gibt es auch ein persönliches Nahziel?

Neudeck: Ja, ich würde gerne mit jungen Leuten eine Eisenbahn im Südsudan bauen. Dort gibt es so gut wie keine Infrastruktur. Ich möchte, dass Kaliningrad in Kantgrad, besser noch Kant umbenannt wird. Und einen Marathon für die Palästinenser müssen wir schon bald veranstalten. Ich habe gestern meine Teststrecke von Bonn nach Köln am Rhein entlang gefunden. Die 29,8 km will ich mit Freunden laufen. Das ist ein Nahziel. Die anderen Ziele sind auch zu machen.