Was können Gemeinden für Flüchtlinge tun? - Teil 2

...und wie lernen die Flüchtlinge nun Deutsch?

Foto: Anika Kempf/evangelisch.de

...und wie lernen die Flüchtlinge nun Deutsch?

Viele Kirchengemeinden, etwa in Hamburg, Frankfurt am Main oder im nordrhein-westfälischen Burbach, haben obdachlose Menschen aufgenommen oder unterstützen Flüchtlinge auf andere Weise. Wie können Gemeinden aus den bisherigen Erfahrungen lernen? Ein Leitfaden.

"Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen." (3 Mose 19,33)

Deutschunterricht

In der Frankfurter Wichern-Gemeinde, die zwei Flüchtlinge bei sich aufgenommen hat, geben zwei pensonierte Lehrer den Gästen Deutschunterricht. Zwei- bis dreimal pro Woche treffen sie sich, um zu lernen. Das Problem sei, sagt Klaus Weißbecker, dass die beiden Flüchtlinge - 20 und 30 Jahre alt - kaum Lesen und Schreiben können, "wir müssen bei Null anfangen". Weißbecker und seine Frau nutzen für den Unterricht ihr persönliches Material.

In der Gutleutkirche unterrichten Uli Tomaschowski und andere ehrenamtliche Lehrer und Sozialarbeiterinnen von der Initiative Teachers on the Raod die Männer aus Afrika in unterschiedlichen Gruppen: Alphabetisierung, Anfänger und Fortgeschrittene. Die Männer wollen vor allem Sätze lernen, die sie im Alltag brauchen, Tomaschowski beginnt mit Fragen wie "Wie spät ist es?" und versucht, den Schülern die korrekte Aussprache des Deutschen beizubringen. Teachers on the Road stellt darüber hinaus Arbeitsblätter im Internet bereitgestellt, mit denen Flüchtlinge selbst lernen oder das im Kurs Gelernte vertiefen können.

Rechtliche Aspekte

Zunächst müssen die Gemeinden auf den Status der Flüchtlinge achten: Wenn die Flüchtlinge von Abschiebung bedroht sind, handelt es sich bei ihrer Aufnahme um Kirchenasyl. Doch sowohl die in Frankfurt aufgenommenen 22 Flüchtlinge als auch die in der Hamburger St. Pauli-Gemeinde sind nicht von Abschiebung bedroht, insofern haben die Gemeinden dort - rechtlich gesehen - nicht Kirchenasyl gewährt, denn die Flüchtlinge sind legal in Deutschland. Sie dürfen sich drei Monate lang im Schengen-Raum aufhalten. Doch arbeiten dürfen sie in dieser Zeit nicht. Nach dem sogenannten Dublin-Verfahren müssten die meisten einen Asylantrag in Italien oder Spanien stellen - in dem Land, in dem sie zum ersten Mal europäischen Boden betreten haben.

Gewährt eine Gemeinde Kirchenasyl, kann erreicht werden, dass das Schutzbegehren der Flüchtlinge erneut geprüft wird. Die Kirchengemeinde tritt somit zwischen die Behörden und die betroffenen Flüchtlinge, um Zeit zu gewinnen. Der Staat kann dabei jederzeit von seinem Zugriffsrecht Gebrauch machen, um eine Abschiebung zu vollziehen. Vereinzelt gab es Verfahren wegen Beihilfe zum illegalen Aufenthalt (gemäß § 95 Abs. 1 Nr. 2 des Aufenthaltsgesetzes). Bislang wurden diese Ermittlungsverfahren jedoch eingestellt. Die Landeskirchen und Bundesländer haben in ihren Staatskirchenverträgen die "Freundschaftsklausel" vereinbart - sie sind also verpflichtet, mögliche Konflikte auf freundschaftlicher Basis zu klären.

Ein Kirchenasyl ist kein verbrieftes Rechtsinstitut, worauf sich die Gemeinden berufen könnten. Es kann also passieren, dass die Gemeindemitglieder im Widerspruch zu staatlichen Regelungen handeln oder gegen gesetzliche Bestimmungen verstoßen. Das unterscheidet sich von Fall zu Fall, und die in der Gemeinde zuständigen Personen müssen entsprechend bereit sein, auch strafrechtlich Verantwortung zu übernehmen.

Fanny Dethloff, Vorstandsvorsitzende der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft "Asyl in der Kirche", ruft Gemeinden dazu auf, weiterhin zu helfen und Obdach suchende Menschen zu unterstützen: "Zu tun, was Kirchen und Klöster über Jahrhunderte taten und wozu sie das Erbe Jesu verpflichtet, ist nicht nur anzudenken, sondern die einzige Möglichkeit das eigene Christsein zu bewahren." Sie weist darauf hin, dass es ordnungsrechtlich schwierg sein kann und notfalls mit einem Ordnungsgeld geahndet werden kann. Doch da es um die Menschenrechte gehe, sei diese Frage "staatsanwaltschaftlich schnell vom Tisch".

Öffentlichkeitsarbeit

Um die Hilfsangebote aus der Gemeinde und aus der Bevölkerung zu koordinieren, ist es hilfreich, eine eigene Internetseite einzurichten oder zumindest auf Facebook präsent zu sein. Die Gemeinden im Frankfurter Norden tun beides. Hier hat das Ehepaar, das die Homepage der Riedberg-Gemeinde betreut, Caroline und Frank Wornath, die Seite www.wir-fuer-22.de eingerichtet. Auf einer solchen Seite muss "all das draufstehen, was man einem Freund im Gespräch über so eine Aktion auch mitteilen würde", sagt Caroline Wornath. Das sind zunächst Hintergrundinfos und kleine Artikel über die Lage der Flüchtlinge, am besten mit Fotos, "damit die Leute sich vorstellen können, wie es da aussieht. Das schafft ein bisschen mehr Nähe."

Das wichtigste, was eine solche Homepage bieten sollte, sind die Kontakte zu Ansprechpartnern: Wer ist für Sachspenden zuständig, für Essen, für Sport oder Fahrdienste? So können sich alle, die helfen wollen, direkt bei dem zuständigen Ehrenamtlichen melden. Auch die Bankverbindung für Spenden und Presseartikel sollten auf der Homepage verlinkt sein.

Mit der Einrichtung und Pflege einer solchen Seite werden am besten die Mitarbeiter beauftragt, die sich bereits um die Internetseiten der Gemeinden kümmern. Die Frankfurter sind in der luxuriösen Situation, dass zwei ausgebildete Journalisten mit technischen Kenntnissen die Seite betreuen. "In der Anfangsphase habe ich jede Nacht da dran gesessen", erzählt Caroline Wornath, "das war fast ein zweiter Job". In den ersten drei Wochen zählte Frank Wornath rund 8000 Zugriffe - die Arbeit lohnt sich also.

Auch die zusätzliche Facebookseite hat sich bewährt. "Darüber erreicht man nochmal eine andere Klientel", sagt Caroline Wornath. Studenten und Occupy-Aktivisten haben sich in Frankfurt zur Mitarbeit gemeldet, "die hätten wir ohne Facebook nicht erreicht." Auch Ideen und Feedback von Unterstützern laufen über das soziale Netzwerk ein - so braucht die eigene Homepage nicht unbedingt interaktive Elemente. Wichtig ist, dass beide Seiten regelmäßig aktualisiert werden.

Vernetzung

Keine Gemeinde muss Einzelkämpferin bleiben, wenn es um Hilfe für Flüchtlinge geht. In Burbach und Frankfurt haben sich recht bald runde Tische gebildet, an denen zum Beispiel Vertreter von Kirchen, Kommune, Polizei, Sozialverbänden und Tafeln saßen. Auch Thomas Broch, der Flüchtlingsbeauftragte der Diözese Rottenburg-Stuttgart, empfiehlt, Netzwerke zu bilden: Die Betreuung der Flüchtlinge im ehemaligen Benedikterkloster Weingarten übernehmen die katholische, die evangelische Kirche und die Stadt gemeinsam. Thomas Broch nennt das einen "ökumenischen Schulterschluss mit den kommunalen Stellen".

Die Frankfurter Pfarrer finden es außerdem wichtig, über Stadt- und Gemeindegrenzen hinaus zu schauen. Sie haben angefangen, sich mit dem Sieghard Wilm in Hamburg auszutauschen - vor allem, um das Thema Flüchtlingshilfe politisch weiter voranzutreiben. "Wir sehen an der Gruppe exemplarisch, wie die Situation von Flüchtlingen in Europa ist", erläutert Pfarrer Ulrich Schaffert und hofft: "Durch eine Vernetzung kann mehr politischer Druck aufgebaut werden."