Was können Gemeinden für Flüchtlinge tun? - Teil 1

Das Bettenlager in der Hamburger St.Pauli-Gemeinde.

Foto: epd-bild / Julia Reiss

Das Bettenlager in der Hamburger St.Pauli-Gemeinde.

Viele Kirchengemeinden, etwa in Hamburg, Frankfurt am Main oder im nordrhein-westfälischen Burbach, haben obdachlose Menschen aufgenommen oder unterstützen Flüchtlinge auf andere Weise. Wie können Gemeinden aus den bisherigen Erfahrungen lernen? Ein Leitfaden.

"Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen." (3 Mose 19,33)

Organisation und Logistik

Sowohl die Hamburger St.-Pauli-Gemeinde als auch die fünf Gemeinden im Frankfurter Norden haben "ihre" Flüchtlinge aufgenommen, ohne lange zu zögern - und auch, ohne sämtliche Konsequenzen zu bedenken. "Das war ja eigentlich das Tolle, einfach zu handeln", sagt Pfarrer Ulrich Schaffert von der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in Frankfurt. Sein Ratschlag für andere Gemeinden: "Wenn man überlegt drangehen will, muss man sich fragen: Wieviele können wir aufnehmen? Welcher Raum ist geeignet?" Die Frankfurter brachten 22 Männer aus afrikanischen Ländern gemeinsam in einer Kirche unter. Ulrich Schaffert würde im Nachhinein zu einer kleineren Gruppe raten. "Auf Dauer hat eine große Gruppe ihre Gefahren – es kann ein Lagerkoller einkehren", sagt der Pfarrer.

Am Anfang war die Koordinationsarbeit in Frankfurt sehr intensiv. Geklärt werden musste, wer wann Essen kocht, was an Kleidung und Bettzeug gebraucht wird, auf welches Konto die Menschen spenden können und vieles mehr. "Wir waren froh, dass wir delegieren konnten", sagt Ulrich Schaffert. Es fanden sich Freiwillige, die einzelne Bereiche wie Essen, Kleiderspenden, Sachspenden, Kontoführung, Deutschunterricht oder Fahrradbeschaffung übernahmen, so dass nicht mehr jede Einzelfrage über die Pfarrämter laufen musste. Jedes Team - auch die Gruppe der Flüchtlinge selbst - hat einen Sprecher oder eine Sprecherin, so dass die Kommunikationswege klar geregelt sind.

Die Frankfurter Helfer nehmen sich inzwischen etwas zurück: Sie liefern weder Frühstück noch kochen sie Abendessen. "Am Anfang haben wir gedacht, wir müssen ständig da sein und gucken, dass es läuft", erzählt Ulrich Schaffert. "Inzwischen haben wir erkannt: Wir wollen den Flüchtlingen möglichst schnell mehr Selbständigkeit zutrauen." Jetzt bekommen die Männer Bargeld ausgezahlt, kaufen ein und kochen selber.

Räume

Ein großer Raum zum Schlafen ist gut - mehrere kleine sind noch besser, so die Erfahrung in Frankfurt. Zunächst waren die 22 Männer in einem Durchgangsraum in der Cantate-Domino-Kirche untergebracht - das ging nur vorübergehend. In der Kirche gibt es keine Duschen. "Wenn wir ehrlich sind", gesteht Schaffert, "sind wir räumlich an unsere Grenzen gestoßen". Nach zehn Tagen zogen die Männer in die leerstehende Gutleutkirche um, wo es mehr Platz und eine bessere Infrastruktur gibt. Holzwände wurden eingezogen, damit die Flüchtlinge je zu zweit in einem Raum wohnen können und mehr Privatsphäre haben. Duschen gibt es wenige Schritte entfernt in einem Obdachlosenzentrum. Eine Küchenzeile wurde eingebaut, damit die Männer für sich selbst Essen kochen können.

Im Kloster Weingarten in Baden-Württemberg werden ab dem Frühjahr bis zu 40 Flüchtlinge beinahe luxuriös leben: in Zimmern des Akademie-Gästehauses mit eigenen Badezimmern. Darüber hinaus werden Gemeinschaftsräume für Sprachunterricht, Therapie und Freizeitaktivitäten eingerichtet, und auch ein kleinerer Raum für Einzelgespräche mit Sozialarbeitern und Therapeuten ist vorgesehen. Die Diözese baut das Gästehaus für rund 100.000 Euro um, damit die Flüchtlinge optimale Bedingungen vorfinden. "Es geht uns nicht um Notunterkunft, sondern um Gastfreundschaft", sagt der Flüchtlingsbeauftragte der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Thomas Broch.

Finanzen

Wer Flüchtlinge aufnimmt, übernimmt Verantwortung für sie. Die fünf Kirchengemeinden im Frankfurter Norden haben schnell gemerkt, was das bedeutet: Unterkunft und Essen sind nicht alles. Was die 22 Männer aus Afrika zum Beispiel brauchen, sind U-Bahn-Fahrkarten - und die kosten Geld. Auch Fahrdienste, Umbaumaßnahmen in der Kirche, Sport- und Kulturveranstaltungen belasten den Etat.

Deswegen empfiehlt es sich, möglichst schnell ein eigenes Spendenkonto für die Flüchtlingshilfe einzurichten und die Bankverbindung im Internet, im Gemeindebrief und in der Presse bekannt zu geben. Intern muss geklärt werden, wer über die Verwendung des Geldes bestimmt. Verwalten sollte das Konto "jemand, mit dem man gut und unkompliziert zusammenarbeitet", rät Pfarrer Ulrich Schaffert. Es sollten keine langwierigen Abstimmungsprozesse nötig werden, um kurzfristig Geld abzuheben.

Sachspenden

Innerhalb von wenigen Stunden hatte die Riedberggemeinde in Frankfurt Matratzen und Decken von Gemeindegliedern eingesammelt und zur Cantate-Domino-Kirche gebracht, so dass die Flüchtlinge dort schlafen konnten. Spender brachten in den folgenden Tagen alles Mögliche vorbei - Kleidung, Sportsachen, Obstkörbe. Es wurde fast zu viel, vor allem nachdem die Flüchtlingsaktion in der Stadt bekannt geworden war. Die Koordinatorin für Sachspenden schwenkte nach kurzer Zeit die weiße Fahne, weil bereits säckeweise Sachen in der Gutleutkirche lagerten. Ähnlich sind die Erfahrungen in Burbach (NRW), wo evangelische Christen für Flüchtlinge in einer Notunterkunft gesammelt haben.

Deswegen: Sachspenden sollten angemeldet und koordiniert werden. Und niemand sollte enttäuscht sein, wenn sein Angebot freundlich abgelehnt wird. Hilfreich ist, wenn potenzielle Spender im Internet Listen finden, was die Flüchtlinge benötigen und was nicht, und wo man die Sachen abgeben kann.

Bevor Spenden gesammelt werden, muss sichergestellt sein, dass es genügend Transport- und Lagerkapazitäten gibt. In der ehemaligen Kaserne in Burbach zum Beispiel stapeln sich in einem großen Raum Kleidungsstücke bis unter die Decke. Bei der Sortierung und Weiterverteilung helfen Flüchtlinge selbst. Damit haben sie eine sinnvolle Beschäftigung während ihrer Wartezeit.