Evangelischer Bischof in Ukraine: "Die Kirche bleibt Tag und Nacht offen"

Ralf Haska

Foto: Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Kiew

Ralf Haska zwischen den Fronten. Uhland Spahlinger, Bischof der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine, würdigt das Engagement des Pfarrers.

Die Proteste in der Ukraine halten Europa in Atem. Einer, der die Lage in dem Land einschätzen kann, ist der bayerische Pfarrer Uland Spahlinger, der noch bis Februar Bischof der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine ist.

Demos, Straßenschlachten, Barrikaden: Was passiert da gerade in der Ukraine und wie hat sich die kleine evangelische Kirche im Land positioniert?

Spahlinger: Es ist der dramatischste Ausdruck bürgerlicher Opposition seit der Orangenen Revolution von 2004. Die Unzufriedenheit ist groß, vor allem in den westlichen Landesteilen und in der Hauptstadt Kiew. Der Osten der Ukraine sieht alles ganz anders, da haben die Leute vor allem Angst um ihre Arbeitsplätze, die großteils von Russland abhängig sind.

Unsere Kirche ist mehrheitlich eher prowestlich ausgerichtet, dort findet die Protestbewegung viel Zustimmung. Am meisten betroffen ist die Gemeinde in Kiew, die ihre Kirche Tag und Nacht offen hält und Tee kocht, sowohl für Demonstranten als auch für Polizisten. Auf einem Foto, das in westlichen Medien erschien, sieht man Ralf Haska, den Pfarrer der Katharinengemeinde, wie er sich beschwichtigend im Talar zwischen Polizisten und Demonstranten stellt.

Uns ist wichtig, dass Gewaltlosigkeit und Frieden, so weit irgend möglich, gewahrt bleiben. Ich habe daher ein Friedensgebet formuliert und an alle Gemeinden geschickt.

Der Westen scheint große Hoffnungen auf den Profiboxer Witali Klitschko zu setzen.

Klitschko ist ein großer Sympathieträger. Er gilt als nicht korrupt und ist nicht in die einschlägigen Netzwerke der ukrainischen Politik verstrickt. Außerdem scheint er sich mit klugen Beratern zu umgeben. Ob das ausreicht? Ich weiß es nicht.

Wenn Präsident Viktor Janukowitsch abgewählt würde, würde die inhaftierte Ex-Regierungschefin Julija Timoschenko sicher freikommen und medizinisch behandelt werden. Ob sich daran ein politisches Comeback anknüpft: keine Ahnung. Im Augenblick herrscht wohl eher die Meinung vor: Wenn einer, dann Klitschko.

Könnte die Ukraine einen Bruch mit Russland denn politisch und ökonomisch überhaupt überleben?

Dieser Bruch wäre nur denkbar, wenn die Europäische Union ihre Unterstützung für das Land deutlich erhöht. Es müsste klare Signale aus dem Westen geben, dass man bereit ist, in eine prowestliche Ukraine zu investieren. Bisher beschränkt sich das auf allgemeine Appelle. Da muss mehr kommen.