Pfarrer in Kiew: "Es kann nur eine friedliche Lösung geben"

Pfarrer Ralf Haska zwischen den Fronten

Foto: dpa/Sergey Dolzhenko

Pfarrer Ralf Haska zwischen den Fronten

Die Kirche der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde St. Katharina in Kiew steht mitten im Stadtzentrum, direkt gegenüber dem Präsidentenpalast. Hier prallten Demonstranten und Regierungstrupps aufeinander. Die Katharinengemeinde hat beide Seiten mit Getränken und Wärme versorgt. Pfarrer Haska versucht, Hoffnung zu vermitteln und betet um Frieden.

Was passiert in diesen Tagen rund um Ihre Kirche?

Ralf Haska: Heute sieht es um die Kirche sehr ruhig aus. Es sind im Moment keine Demonstranten hier. Unsere Kirche liegt nur 200 Meter dem Präsidentenpalast gegenüber, und genau zwischen der Kirche und dem Präsidentenpalast standen bis heute Nacht noch ein Zeltlager und Barrikaden der Demonstrierenden. Heute Nacht gegen 3.30 Uhr ist das Zeltlager durch Einsatzkräfte geräumt worden. Das war eine sehr heikle Situation. Die Demonstranten sind alle runter zum Maidan Nesaleschnosti gedrängt worden, man wollte sie anscheinend dort konzentrieren.

Was können Sie als Kirchengemeinde tun in dieser Situation?

Haska: Im Grunde genommen können wir nur das tun, was wir eigentlich immer machen, nämlich die Türen öffnen für alle Menschen, die Hilfe benötigen. Die einfach kommen wollen um Ruhe zu genießen, um mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, die kommen wollen um zu beten und mit Gott ins Gespräch zu  kommen. Genau das haben wir getan: Wir haben vorige Woche beschlossen, die Türen auch länger in der Nacht offen zu halten. Wir haben an Menschen, die draußen in der Kälte standen, Tee und Kaffee ausgegeben, haben warmes Essen gekocht. Wir haben ihnen warme Räume zur Verfügung gestellt und ihnen die Möglichkeit gegeben, ihre Handys aufzuladen und miteinander hier im Warmen zu sitzen und an unseren Gebeten teilzunehmen - an unseren Abendgebeten, die wir an jedem Abend um 18 Uhr anbieten, und insbesondere am ökumenischen Friedensgebet, das wir vorige Woche Montag veranstaltet haben.

Können Sie als deutscher Pfarrer etwas zu einem friedlichen Verlauf der Demonstrationen beitragen?

Die Barrikaden der Regierungsgegner vor der Kirche St. Katharina in Kiew wurden in der vergangenen Nacht weggeräumt.

Haska: Ich weiß nicht, ob ich wirklich etwas dazu beitragen kann. Was ich machen kann und was wir als Gemeinde machen können, ist, dass wir wiegesagt die Kirche offenhalten – für beide Seiten! Wir hatten nicht nur Demonstrierende in unserer Kirche, sondern hier waren auch Einsatzkräfte der Miliz, hier kamen vorige Woche auch Berkut-Leute, die in unserer Kirche Tee getrunken haben und sich hingesetzt und aufgewärmt haben. Um zu zeigen, dass Gott alle Menschen liebt, können wir einfach jedem in einer menschlichen und christlichen Art und Weise gegenüber treten und sie als Menschen mit Bedürfnissen wahrnehmen. Nicht nur die Demonstranten benötigen das, was wir anbieten können, sondern eben auch die Spezialeinsatzkräfte. Deswegen hat unsere Jugend vorige Woche warme Getränke in die Busse gebracht, hat versucht mit den Einsatzkräften zu sprechen. Die Busse standen ja direkt vor unserer Kirche, voll mit jungen Leuten. Wir haben versucht, auch ihnen etwas Gutes zu tun.

Sind die Kirchen in Kiew untereinander vernetzt, so dass sie sich gemeinsam für Frieden und Gewaltlosigkeit einsetzen können?

Haska: Es hat, glaube ich, jede Kirche – soweit, wie ich das überblickt habe – einen Aufruf herausgegeben, in dem dringend gebeten wird, den Frieden im Land einzuhalten und das Recht der Menschen zu schützen, ihre freie Meinung zu sagen und auch zu demonstrieren. Ich glaube, das hat jede Kirche jetzt unterstützt. Wir haben vorige Woche Montag ein ökumenisches Friedensgebet angeboten in unserer Kirche, zu dem auch ein griechisch-katholischer Geistlicher gekommen ist. Das, was wir in erster Linie machen, ist, den Menschen Hoffnung zu geben - und zwar Hoffnung durch das Wort Gottes. "Die Herrscher dieser Welt kommen und gehen, aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit." Das ist eine Sache, die wir den Menschen nahebringen, und damit bringen wir auch ein wenig Licht in diese orientierungslose Zeit hinein.

Was vermuten Sie, wie das ganze weitergehen wird in Kiew?

Haska: Ich kann das überhaupt nicht beurteilen, weil die Situation für meine Begriffe ziemlich undurchsichtig ist. Niemand weiß, glaube ich, so richtig, wohin es gehen kann und soll. Zu hoffen ist einfach nur, und ich wünsche mir, dass es so kommen möge, dass die Kräfte, die da jetzt politisch aktiv sind, sowohl auf Seiten der Opposition als auch auf Seiten der Regierung, sich zusammensetzen, miteinander reden und dann zu einer Lösung kommen, die nicht für sie selber gut ist, sondern für das Volk, dessen legitimierte Vertreter sie sind - denen gegenüber müssen sie verantwortlich handeln. Wenn sie das nämlich beherzigen, verantwortlich für ihr Volk zu sein, dann kann eigentlich nur eine friedliche Lösung in Betracht kommen und dann muss ein Kompromiss gefunden werden. Das wünschte ich mir eben sehr.