Ökumenikerin Krause-Vilmar: "Endlich Lagerdenken ablegen!"

Elisabeth Krause-Vilmar
Foto: Martin Rothe
Elisabeth Krause-Vilmar in der Christuskirche in Fulda, wo sie ihr Vikariat absolviert hat.
Ökumenikerin Krause-Vilmar: "Endlich Lagerdenken ablegen!"
Wir haben keine Zeit mehr für innerkirchliches Lagerdenken, sagt Elisabeth Krause-Vilmar vom Netzwerk "MEET – Junge Ökumene". Im Interview berichtet die 31-jährige von bewegenden Erlebnissen auf der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Südkorea. Dieser habe dort endlich seine lange Identitätskrise überwunden. Auch in der deutschen Ökumene beobachtet die junge hessische Theologin ermutigende neue Aufbrüche.

Elisabeth, du hast Anfang November an der Vollversammlung des Weltkirchenrates (ÖRK) im südkoreanischen Busan teilgenommen. Solche Versammlungen gibt es nur alle sieben Jahre. Dort sind Christen aus allen Konfessionen und Nationen vertreten. Wie hast d dieses Ereignis erlebt?

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Elisabeth Krause-Vilmar: So eine ÖRK-Vollversammlung hat etwas von einem weltweiten Kirchentag – nur mit einer Tagesordnung wie bei einem Parlament: Es werden Beschlüsse gefasst, Resolutionen verabschiedet. Aber wenn ich an Busan zurückdenke, erinnere ich mich in erster Linie an die Menschen aus der ganzen Welt, denen ich begegnet bin – und an ihre Geschichten!

Zum Beispiel?

Krause-Vilmar: Ich denke an die 19-jährige Südafrikanerin, die allen Delegierten ins Gesicht gesagt hat: "Ich bin HIV-positiv und will Euch und der ganzen Welt sagen: HIV ist eine Krankheit und keine Strafe Gottes! Ich möchte, dass Ihr das allen weitererzählt!" Da war es ganz still im Saal. Das war der bewegendste Moment der Vollversammlung. Das haben alle gespürt.

Ein anderes Erlebnis hatte ich in einer Bibelarbeit zur Frage, welche Ungerechtigkeiten wir in unseren jeweiligen Kontexten wahrnehmen. Da ist ein junger Mann von einer Pazifik-Insel aufgestanden und hat gesagt: "Ihr meint, der Klimawandel sei noch weit weg. Aber meine Insel sinkt – schon jetzt! Unser höchster Punkt sind fünf Meter über dem Meeresspiegel. Mein Volk wird so nicht weiter existieren."

Wer die ÖRK-Vollversammlung in Busan aus der Ferne mitverfolgt hat, erfuhr meist nur etwas über verabschiedete Papiere – zumeist zu sozialethischen Themen. Wie siehst du die Ergebnisse von Busan? Hat diese "Deklarations-Ökumene" Zukunft?

Krause-Vilmar: Der Schatz des ÖRK ist ja, dass dort der Dialog über unsere unterschiedlichen Kirchenverständnisse zusammengedacht wird mit unserer gemeinsamen Weltverantwortung. Und wenn man miteinander theologisch diskutiert und sich einigt, entstehen eben Papiere. Natürlich dürfen die nicht überhandnehmen – die Basis sind immer die menschlichen Begegnungen und der gemeinsame Glaube!

"Wir alle – die vernetzten Mitgliedskirchen – sind der ÖRK! Wir können viel mitgestalten"

Der Weltkirchenrat erlebte nach den beiden Weltkriegen einen enormen Bedeutungszuwachs, bis in die 1980er Jahre. Er hat damals auch politisch eine große Rolle gespielt, zum Beispiel beim Boykott des Apartheidregimes in Südafrika. Heute meinen Beobachter, der ÖRK habe sich überlebt. Wie siehst du das?

Krause-Vilmar: Mein Eindruck ist: Der Weltkirchenrat hat sich seit Ende der 1990er in einem Selbstfindungsprozess befunden. Und dieser Prozess ist jetzt abgeschlossen. In Busan war mit Händen zu greifen, dass es jetzt ein neues Selbstverständnis gibt: Es ist jetzt nicht mehr so, dass die ÖRK-Zentrale in Genf die Richtung weist und das wird dann überall einfach umgesetzt. Sondern es gibt jetzt das Bewusstsein: Wir alle – die vernetzten Mitgliedskirchen – sind der ÖRK! Wir können viel mitgestalten.

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Was heißt das für die Basis, fern der internationalen Kirchenkonferenzen?

Krause-Vilmar: Das gilt dort genauso! Ökumene ereignet sich immer auch vor Ort. Ich habe gemerkt, dass es mir leichter fällt, zu evangelikalen Gottesdiensten in Afrika zu gehen als hier bei uns. Und das geht nicht! Wenn ich mich der Ökumene verbunden fühle, muss das auch heißen, dass ich hier vor Ort – in Fulda oder Kassel – die ökumenische Vielfalt wahrnehme: die Freikirchen, die Orthodoxen, die römisch-katholischen Geschwister und die Gemeinden anderer Sprache und Herkunft, z. B. aus afrikanischen Ländern!

Was können die deutschen Kirchen von den anderen Christen lernen, die dir in Busan begegnet sind?

Krause-Vilmar: Unsere Gemeinden machen vieles sehr gut. Aber wir können von den anderen lernen, die Gemeinschaft zu fördern. Da sind mir unsere deutschen Kirchen oft zu anonym. Klar, das liegt auch an unserer Kultur: Als Nordhessin ist für mich eine gewisse Nüchternheit völlig in Ordnung. Aber das hat auch Grenzen! Wenn wir uns als Christen versammeln, dann will ich wissen, wer im Gottesdienst neben mir sitzt – welche Ängste, Nöte oder auch Freuden mein Nachbar gerade in seinem Alltag durchlebt!

"Wir können angstfrei gemeinsam neue Wege gehen, jenseits von Ökumene-Euphorie und Ökumene-Frust"

Wie nimmst du die Ökumene in Deutschland wahr?

Krause-Vilmar: Ich sehe da ganz viele Aufbrüche! Zum Beispiel den ökumenischen Kongress "Kirche hoch zwei", der im Februar 2013 in Hannover stattgefunden hat und weiter Kreise zieht. Der war für mich so eine ökumenische Werkstatt für die Zukunft der Kirche. Der Kongress war lange vorher ausgebucht. Es waren über tausend Menschen da – vor allem auch junge Leute. Von dort ist viele Begeisterung ausgegangen!

In welche Richtung?

Krause-Vilmar: Dass wir in den verschiedenen Kirchen vor identischen Herausforderungen stehen und die gemeinsam angehen wollen! In einer Zeit, in der sich viele Menschen von den Kirchen abgewandt haben, brauchen wir neue Formen des Kircheseins. Das können zum Beispiel die "fresh expressions of church" aus England sein.

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Manchen engagierten Protestanten klingen die zu evangelikal.

Krause-Vilmar: Sind sie aber nicht unbedingt. Da müssen wir endlich unser Lagerdenken ablegen. Für solche Animositäten ist nicht die Zeit! Wir können angstfrei gemeinsam neue Wege gehen. Jenseits von Ökumene-Euphorie und Ökumene-Frust.

Was kann eine jüngere Generation in diesen interkonfessionellen Prozess einbringen?

Krause-Vilmar: Für unsere Generation sind ökumenische und  internationale Erfahrungen selbstverständlich.  Andererseits kann man heute Theologie studieren, ohne je eine ökumenische Veranstaltung besuchen zu müssen. Aber Ökumene ist nicht nur ein Surplus, sondern gehört zum Kern! Deshalb haben wir 2006 "MEET – Junge Ökumene" gegründet. Wir wollen die vielfältigen Erfahrungen, die wir aus dem Ausland mitbringen, in unsere Kirchen und theologischen Fakultäten einbringen!

Wer ist dieses "wir"? Evangelische Theologie-Studierende?

Krause-Vilmar: Bei uns sind auch Katholiken und Freikirchler, übrigens auch Leute, die andere Fächer studieren – das ist wirklich interdisziplinär. Auf Facebook sind 400 Leute bei MEET vernetzt. Zu unseren Jahrestreffen kommen meist um die 20 Leute. Da sprechen wir über interkulturelle Theologie, postkoloniale Ansätze – über Themen, die uns gerade bewegen und die an den Fakultäten zu wenig vorkommen.

"Wir werden vielleicht weniger Leute sein, aber politisch weiter auf der Seite der Armen"

Wie sähe denn für dich persönlich der ideale Endzustand von Ökumene aus?

Krause-Vilmar: Ich denke, vor unseren Konfessionen liegt ein gemeinsamer "Pilgerweg". Als dessen Ergebnis würde ich mir wünschen, dass wir einander unseren Glauben glauben. Und dass wir uns dann auch als Kirchen gegenseitig anerkennen und uns Gastfreundschaft beim Abendmahl ermöglichen. Es geht mir nicht um Uniformierung: Die Vielfalt unserer Traditionen ist ein Schatz, da können wir viel voneinander lernen!

Welche Schätze zum Beispiel?

Krause-Vilmar: Ein Jahr meines Theologiestudiums habe ich in Jerusalem verbracht. Was ich dort von katholischen Mitstudenten und Dozenten über Liturgie gelernt habe, habe ich in meinem evangelischen Studium nicht erfahren. Von Orthodoxen habe ich gelernt, wie man einen Kirchenraum betritt – das ist mir von Evangelischen nicht beigebracht worden. Von baptistischen Freunden habe ich gelernt, was bei ihnen Gemeinschaft bedeutet. Also, auf der einen Seite habe ich eine unglaubliche Weite erfahren. Aber ich habe auch klar gemerkt, warum ich evangelisch bin – anders als daheim in meinem evangelischen Umfeld.

Wie wird die Kirche in Deutschland in 30 Jahren aussehen? Was ist deine Vision?

Krause-Vilmar: Viele volkskirchliche Selbstverständlichkeiten werden nicht mehr da sein. Uns wird ganz klar sein, dass wir uns in einer missionarischen Situation befinden. Und wir werden diese Situation gemeinsam mit anderen Konfessionen gestalten. Wir werden ohne Animositäten neue Formen von Kirchesein integrieren – und trotzdem unseren Traditionsschatz bewahren. Bachs Musik wird auch weiterhin erklingen. Wir werden vielleicht weniger Leute sein, aber politisch weiter auf der Seite der Armen. Und zugleich fromm – mit Gott unterwegs.