EKD-Theologe Gundlach lobt Papst-Schreiben

Thies Gundlach

Foto: epd-bild/Jens Schulze

Thies Gundlach ist in der EKD-Zentrale für kirchliche Handlungsfelder und Bildung zuständig.

In der evangelischen Kirche wird dem Reformprogramm von Papst Franziskus ein eigener "Ton des Aufbruchs" bescheinigt.

Dieser ziele in die Gegenwart, sei aber dennoch "typisch katholisch". Das Apostolische Schreiben atme einen "neuen, frischen Geist, einen Geist der Güte und der Barmherzigkeit, der Zuwendung und der Nähe zu den Menschen", ohne allerdings die Lehren der römisch-katholischen Kirche substanziell zu verändern, betont Vizepräsident Thies Gundlach vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Papst Franziskus hat eine Art Regierungsprogramm vorgelegt, das für grundlegende Reformen in der katholischen Kirche wirbt. Wie schätzen Sie das apostolische Lehrschreiben ein?

Es gehört zu den bemerkenswerten Elementen dieses Textes, dass Papst Franziskus einen ganz neuen Ton und Klang in die apostolischen Lehrschreiben einzeichnen kann, ohne eine einzige fundamentale Kategorie römisch-katholischen Denkens und Glaubens - sei es nun im Blick auf die Dogmen, sei es im Blick auf die Strukturen der Weltkirche - substanziell zu verändern oder auch nur in Frage zu stellen.

Der Text atmet einen neuen, frischen Geist, einen Geist der Güte und Barmherzigkeit, der Zuwendung und der Nähe zu den Menschen, und dies gelingt ihm ohne Änderung des dogmatischen Gesamtgerüstes der römisch-katholischen Kirche.

Der Papst plädiert für eine "permanente Mission" und "Freude an der Verkündigung". Bestehen bei der Weitergabe des Glaubens ökumenische Gemeinsamkeiten?

Das zentrale Thema der Mission wird ganz aus diesem neuen Geist der Begegnung, des Wahrnehmens und des Aufsuchens geprägt. Es ist - um eine Formulierung des evangelischen Theologen Eberhard Jüngel aufzugreifen - die "Autorität des bittenden Christus", der hier zu Glaube und Trost, Umkehr und Verwandlung einlädt.

Die großen drei D - Demut, Dialog, Dezentralität - erscheinen hier als Leitbilder für jede weitere Entwicklung - nicht nur des missionarischen Anliegens, sondern auch der Kirchenreform. Als evangelischer Christ kann man Mission in diesem Geist nur begrüßen, ja, sich selbst zum Vorbild nehmen.

In der katholischen Kirche findet der Papst-Text, der ja auch Selbstkritisches enthält, viel Lob.  Wie beurteilen sie die Chancen für die Kirchenreform?

Die Begeisterung in der reformorientierten römisch-katholische Welt über diesen Text kann man gut verstehen, die Radikalität des neuen Papstes ist ja tatsächlich atemberaubend, sie ist geradezu enthusiastisch. Der Rundumschlag gegen den Kapitalismus, dem man im Prinzip natürlich gerne zustimmt, der aber doch mehr realitätsnaher Differenzierung im Detail bedarf, wirkt ebenso liebenswert wie die Kritik an der satten, reichen und selbstverliebten Kirche - eine Kritik, die gerade in unseren Breiten der Zustimmung der säkularen Welt sicher sein kann, aber doch den Anstrengungen und dem Engagement vieler kirchlichen Mitarbeiter kaum gerecht wird.

Ob eine Kirchenreform gelingt, die darauf fußt, dass man die eigenen Leute so kritisiert, erscheint mir nach unseren Erfahrungen im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland eher unwahrscheinlich.