Schneider: "Das hat mit Zeitgeist-Surferei nichts zu tun"

EKD-Ratsvorsitzender Schneider erklärt das umstrittene Papier zu Ehe und Familie
Ihre schützende Hand über die Familie halten will die EKD mit ihrer jüngsten Orientierungshilfe, und zwar für jede Form der Familie, auch außerhalb der Ehe.

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Ihre schützende Hand über die Familie halten will die EKD mit ihrer jüngsten Orientierungshilfe, und zwar für jede Form der Familie, auch außerhalb der Ehe.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, rechnet mit einer längeren Debatte über die umstrittene EKD-Orientierungshilfe zu Ehe und Familie. Im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) verteidigte er das Papier gegen Kritik, die vor allem von theologisch konservativen Gruppen kam. Die Wirklichkeit habe sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gewandelt. "Das hat mit Zeitgeist-Surferei nichts zu tun", sagte der Theologe. Mit Schneider sprach der Evangelische Pressedienst über die ausgelöste familienpolitische Diskussion, die Erwartungshaltung an das Familienleben in Pfarrhäusern und die Unterschiede einer evangelischen "Orientierungshilfe" zur festen Lehrmeinung der katholischen Kirche.

Bei der Vorstellung des EKD-Familienpapiers haben Sie dazu aufgerufen, gesamtgesellschaftlich eine Debatte zu führen. Die ist nun im vollen Gang. Sind sie damit zufrieden?

Nikolaus Schneider: Ich bin mit dieser Debatte sehr zufrieden, wenngleich nicht mit allen Äußerungen. Manche verzerren, und es gibt auch manche, die sich erkennbar gar nicht bemühen, den Duktus und das Anliegen unserer Schrift wiederzugeben. Die zum Teil heftigen Reaktionen zeigen, dass diese Orientierungshilfe eine Themenstellung trifft, die für die meisten Menschen von großer Bedeutung ist und bei der die Lebenseinstellungen deutlich auseinandergehen. Auch die Perspektiven, mit denen der Text beurteilt wird, sind sehr unterschiedlich. Offensichtlich besteht deshalb ein großer Diskussionsbedarf.

Einige Reaktionen waren sehr harsch. Waren Sie davon überrascht?

Schneider: Ich bin nicht wirklich überrascht. Wer über Familie schreibt, der schreibt über Fragen, die Menschen bis ins Tiefste treffen können. Das ist ein hoch emotionalisiertes Thema. Es gibt Menschen, die die EKD-Schrift als befreiend erleben und sich sehr darüber freuen. Aber es gibt auch Menschen, die dadurch ihr Lebenskonzept infrage gestellt sehen, und manche reagieren dann harsch ablehnend.

Welchen Stellenwert hat dieses Papier?

Schneider: Das Papier ist eine Orientierungshilfe und keine lehramtliche Verlautbarung - so etwas gibt es übrigens zum Glück gar nicht in der evangelischen Kirche. Wir erheben nicht den Anspruch, es gebe nur eine einzige mögliche Position zu den ethischen Fragen von Ehe und Familie. Das enttäuscht natürlich diejenigen, die von uns Eindeutigkeit erwarten nach dem Motto: So hat es zu sein und so habt Ihr um Gottes Willen zu leben.

"Die Werte, die den Leitbildcharakter der Ehe begründen, werden auf die Familie ausgeweitet"

Welche Orientierung will die EKD geben?

Schneider: Die EKD will mit ihrer Schrift bei der Gestaltung von Familie Orientierung geben durch die Werte Verlässlichkeit in Vielfalt, Verbindlichkeit in Verantwortung, Vertrauen und Vergebungsbereitschaft, Fürsorge und Beziehungsgerechtigkeit. Diese Werte sollen auf die heutige Wirklichkeit bezogen gelebt werden. Die Wirklichkeit familiären Lebens hat sich aber in den letzten Jahrzehnten in unserem Land erheblich gewandelt. Und auch die Rechtsprechung und die Rechtsetzung haben sich dabei erheblich verändert. Darauf reagieren wir, indem wir die gesellschaftliche Realität in Relation zum biblischen Zeugnis setzen und eine Diskussion über Konsequenzen führen.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider.

Was hat sich geändert?

Schneider: Erstens die Position und die Stellung der Frau. Es gibt eine Gleichberechtigung auch in der Ehe. Ein schlichtes Beispiel: Keine Frau muss ihren Ehemann mehr fragen, ob sie ein Konto eröffnen darf. Es ist noch gar nicht so lange her, dass das nötig war. Zweitens: der verstärkte Blick auf das Kindeswohl. Drittens kam das Verbot der Diskriminierung Homosexueller hinzu. Auf diese drei großen Veränderungen wollte die evangelische Kirche reagieren.

Bisher galt allerdings die Ehe als Leitbild, und dies findet sich in der Orientierungshilfe nicht wieder. Professorin Ute Gerhard, die stellvertretende Vorsitzende der von der EKD berufenen Ad-hoc-Kommission, hat von einem Kurswechel gesprochen. Teilen Sie das?

Schneider: Ich würde lieber von einem Perspektivwechsel sprechen. Die Werte, die den Leitbildcharakter der Ehe begründen, werden auf die Familie ausgeweitet. Und das halte ich nicht für einen Kurswechsel.

Ein großer Teil der Kritik dreht sich allerdings gerade um die Bewertung des Instituts Ehe.

Schneider: Auch im Blick auf die Institution sehen wir Ehe und Familie zusammen. Die Ehe erweitert sich in den meisten Fällen zur Familie. Und die meisten Familien haben in der festen Zweierbeziehung der Ehe gleichsam ihren inneren Kern. Die vorhergehenden Aussagen der EKD zur Ehe werden aufgenommen und erweitert. Wir würden heute zwar nicht mehr wie Luther sagen, dass die Institution der Ehe eine "Schöpfungsordnung" ist. Für die Schrift bleibt sie aber "eine gute Gabe Gottes".

"Auch wenn ich die Kritik nicht teile, ist es notwendig, über einzelne Kritikpunkte zu diskutieren"

Sehen Sie in der Ad-hoc-Kommission, die das Familienpapier erarbeitet hat, alle Strömungen des Protestantismus vertreten?

Schneider: Die Ad-hoc-Kommission wurde unter Fach- und Sachgesichtspunkten zusammengestellt, nicht unter politischen Gesichtspunkten. Die Kommission hat einen Text erarbeitet, und dieser Text wurde diskutiert, sowohl im Kirchenamt der EKD als auch im Rat – dort mehrere Male. Damit wurde die Vielfalt des Protestantismus ins Gespräch gebracht.

Der württembergische Landesbischof Otfried July oder der anhaltinische Kirchenpräsident Joachim Liebig sind auf Abstand zu dem Papier gegangen. Wie geht es weiter?

Schneider: Die Kritik war solidarisch, fair und maßvoll vorgetragen. Und auch wenn ich die Kritik nicht teile, ist es notwendig, über einzelne Kritikpunkte zu diskutieren.

Welche Punkte sind das?

Schneider: Bischof July hat die Schrift differenziert aufgenommen und weite Passagen deutlich gelobt. Er hatte drei kritische Fragen. Erstens: ob die Schrift theologisch genügend durchdrungen sei; zweitens: ob die Ehe als Institution genügend Berücksichtigung gefunden habe, und drittens: ob bei solchen Papieren nicht ein breiterer Konsultationsprozess unter Einbeziehung der Landeskirchen nötig sei.

"Eine Orientierungshilfe will ja gerade eine Diskussion auf allen Ebenen anstoßen"

Wie stehen Sie zu den Kritikpunkten? Beginnen wir mit der Frage der theologischen Tiefe.

Schneider: Zur Breite des biblischen Zeugnisses gehört auch, dass es in der Bibel unterschiedliche Formen und Wertmaßstäbe im Blick auf Familie gibt. Damit setzt sich die Orientierungshilfe theologisch differenziert und tief auseinander. Manches Verstörende aus der Bibel bringt der EKD-Text zutage, zum Beispiel, dass Jesus im Umgang mit seiner Familie und seinen Eltern die Institution Ehe und Familie relativiert hat. So hat Jesus gesagt, dass für ihn die Gemeinschaft mit den Jüngern Vorrang habe. Und seine Jünger hat er aufgefordert, ihre Familien zu verlassen.

Bischof Julys zweiter Kritikpunkt betraf den Umgang mit der Institution Ehe.

Schneider: Die Orientierungshilfe schätzt den institutionellen Charakter der Ehe hoch. Aber die Hochschätzung der Institution darf nicht zu dem Missverständnis führen, als seien ihre inhaltlichen Werte zweitrangig. All das, was die Ehe inhaltlich ausmachen soll, überträgt die Orientierungshilfe auch auf andere Formen des verbindlichen Zusammenlebens. Insofern ist die Ehe Maßstab und Kriterium aller anderen Formen des verbindlichen Zusammenlebens, denn Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, gegenseitige Verantwortung sollen auch in anderen Formen gelten. Die Normativität der Ehe in ihren geschichtlichen Ausprägungen des 19. und 20. Jahrhunderts darf nicht absolut gesetzt und in biblische Texte zurückprojiziert werden.

Dritter Kritikpunkt von Bischof July war das Verfahren.

Schneider: Ich kann das Anliegen von Bischof July verstehen. Eine Schrift, die Bereiche des persönlichen Lebens aller Menschen berührt, muss möglichst breit diskutiert werden. Allerdings wäre es kaum praktikabel, wenn ein solches Papier erst in der Ad-hoc-Kommission, dann im Rat und anschließend in allen Landeskirchen beraten wird, bevor es veröffentlicht wird. Das scheint mir bei einer Orientierungshilfe auch nicht notwendig zu sein. Eine Orientierungshilfe will ja gerade eine solche Diskussion auf allen Ebenen unserer Kirche anstoßen, fördern und inhaltlich voranbringen.

Wie wollen Sie die Kritiker integrieren und zu einer einheitlichen Meinungsbildung in der EKD kommen?

Schneider: Ich will erst einmal gar nichts vereinheitlichen. Die Kirchen der Reformation leben auch im Blick auf ethische Fragen eine "versöhnte Verschiedenheit". Beim Thema Ehe und Familie brauchen wir eine Zeit lang diese Debatte, damit alle Vorbehalte, Ängste und Sorgen ausgesprochen werden können. Man muss unterschiedliche Positionen ernst nehmen und nicht vorschnell über sie hinweg gehen. Ich hoffe, dass sich Pfarrerinnen und Pfarrer und die akademischen Theologinnen und Theologen weiter zu Wort melden; dass es Diskussionen in Gemeinden und auf Synoden gibt und dass auch unsere Fachstellen wie etwa die der Familienarbeit öffentlich Stellung nehmen. Ich wünsche mir, dass es Akademieveranstaltungen gibt und weitere Diskussionen in den Medien. Anschließend könnte es dann darum gehen, unterschiedliche Positionen etwa in einer Denkschrift zusammenzuführen.

Wie lange muss nach Ihrer Vorstellung dieser Diskussionsprozess laufen – Monate, Jahre?

Schneider: Ich erwarte eher eine längere Zeit der Diskussion.

"Jede Generation hat die Aufgabe, biblische Normen und Werte in ihrer Zeit zu leben"

Wie stark ist heute noch die Vorbildfunktion von Geistlichen in Bezug auf ein gelingendes Familienleben?

Schneider: Die Erwartung der Menschen an die Geistlichen ist nach wie vor hoch – häufig in dem Bewusstsein, dass man selbst den eigenen und biblischen Maßstäben nicht gerecht wird. Stellvertretend sollen das dann wenigstens die Geistlichen tun.

Und was sind Ihre Erwartungen?

Schneider: Pfarrerinnen und Pfarrer sollen mit ihrem persönlichen Leben nicht konterkarieren, was sie predigen. Deswegen haben wir ein Pfarrdienstrecht, das Aussagen zu unserem persönlichen Leben trifft. Das halte ich auch für angemessen und richtig. Es gibt einen berechtigten Anspruch, dass Verkündigung und Leben in Relation zueinander stehen.

Was heißt das konkret für das Leben von Gemeinden?

Schneider: Es wird von Pfarrerinnen und Pfarrern nicht erwartet, dass sie die absoluten Vorbilder sind, dass sie keine Schwächen haben, dass sie nicht irren und dass ihre Beziehungen nicht scheitern. Das können die Gemeinden tragen. Aber Pfarrerinnen und Pfarrer sollen offen und ehrlich mit ihrem Scheitern umgehen. Denn was Gemeinden nicht tragen können, ist, wenn das Scheitern von Beziehungen etwa mit Gewalt verbunden ist oder wenn der Schwächere über den Tisch gezogen wird. Bei Pfarrerinnen und Pfarrern wird dann der Dienst in der Gemeinde unmöglich.

Muss die evangelische Kirche mit dem Familienpapier der Realität Tribut zollen, dass sich die Lebensführung ihrer eigenen Mitarbeitenden stark gewandelt hat?

Schneider: Die Kirche ist kein Museum, sondern eine lebendige Größe, die das Evangelium unter die Leute bringt. Wir leben in geschichtlichen Prozessen. Und jede Generation hat die Aufgabe, biblische Normen und Werte in ihrer Zeit zu leben. Das hat mit Zeitgeist-Surferei nichts zu tun. Laut Dietrich Bonhoeffer ist der Heilige Geist "der rechte Zeitgeist".

"Das muss unser ökumenisches Gespräch aushalten"

Belastet die Orientierungshilfe das ökumenische Gespräch mit der katholischen Kirche?

Schneider: Wir haben dieses Papier im Vorfeld den katholischen Brüdern zur Kenntnis gegeben. Schon seit 500 Jahren gilt: Die Kirchen der Reformation haben einen grundsätzlich anderen Ansatz in der Bewertung der Institution Ehe als die katholische Kirche. Für uns ist die Ehe kein Sakrament wie Taufe und Abendmahl. Dieser Unterschied muss zu unterschiedlichen ethischen Konsequenzen führen.

Die ökumenischen Wogen schlagen hoch, der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat gar die Rücknahme des EKD-Papiers gefordert.

Schneider: Mit der Veröffentlichung sind Debatten, Verunsicherungen, Irritationen und bei einigen sicher auch massive Verärgerungen verbunden. Aber das muss unser ökumenisches Gespräch aushalten. Denn wir halten ja auch umgekehrt das eine oder andere auf katholischer Seite aus, das auf uns irritierend wirkt. Etwa wenn aus dem Verständnis, dass die Ehe ein Sakrament ist, abgeleitet wird, dass Geschiedene nach einer erneuten Heirat vom Abendmahl ausgeschlossen und möglicherweise mit dem Verlust einer kirchlichen Arbeitsstelle bestraft werden.

Würden Sie nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen noch einmal denselben Weg beschreiten?

Schneider: Eine Ad-Hoc-Kommission mit der Erarbeitung einer Orientierungshilfe zu einem gesellschaftsrelevanten Thema zu beauftragen, halte ich für angemessen. Und die Kommission für das Familienpapier war meines Erachtens sachgerecht zusammengesetzt. Ich könnte mir allerdings vorstellen, in einem ähnlichen Fall künftig zusätzlich akademische Exegeten hinzuzuziehen. Ich würde außerdem darüber nachdenken, ob die Art und Weise, wie wir mit diesem Papier an die Öffentlichkeit gegangen sind, die richtige Form ist.

Die EKD arbeitet auch an ihren Grundsätzen zur Sexualethik. Wird diese Stellungnahme beeinflusst durch die Debatte um das Familienpapier?

Schneider: Das kann ich nicht ausschließen. Aber das bleibt jetzt abzuwarten.

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