Isolde Karle: "Wachsen gegen den Trend" führt ins Burn-Out

Isolde Karle

Foto: Martin Rothe

Isolde Karle, Professorin für Praktische Theologie in Bochum

Der aktuelle Umbau in den evangelischen Kirchen orientiere sich zu sehr an Profit-Unternehmen, meint Isolde Karle, Theologieprofessorin in Bochum. Das viel diskutierte EKD-Reformpapier "Kirche der Freiheit" gehe an der Realität vorbei. Angesichts von "Alarmismus" und "Zentralisierung" plädiert Karle für Gelassenheit und Gottvertrauen.

Frau Professor Karle, was ist eigentlich die Kirche?

Isolde Karle: Die Kirche ist ihrem Wesen nach "Sanctorum Communio", Versammlung. Kirche ist dort, wo Menschen zusammenkommen, um über Gott und das Wort der Bibel nachzudenken, um zu singen, zu beten, Abendmahl und Taufe zu feiern. Das kann dann unterschiedliche Ausprägungen finden. Aber ganz zentral geht es um diese Gemeinschaft und um diese Kommunikation.

In Ihrem Buch "Kirche im Reformstress" sprechen Sie davon, dass das organisierte Christentum heute in einer Glaubwürdigkeitsfalle stecke. Was meinen Sie damit?

Karle: Die Leute erwarten von der Kirche, dass sie professionell organisiert und verlässlich erreichbar ist. Zugleich wollen sie, dass die Kirche das "ganz Andere" repräsentiert und die durchrationalisierte Gesellschaft transzendiert. Kirche kann sich deshalb nicht ausschließlich an der Frage der Finanzierbarkeit ausrichten oder an den Bedürfnissen ihrer "Kunden", sondern hat eine Botschaft, die Geltung beansprucht – unabhängig von der Resonanz, die sie findet.

Wie nehmen Sie die aktuellen Reformen in der EKD und den Landeskirchen wahr?

Karle: Mein Hauptproblem mit der derzeitigen Entwicklung ist, dass zu stark auf Zentralisierung gesetzt wird. Sowohl die Gemeinden als auch die Pfarrerinnen und Pfarrer brauchen möglichst viel Raum für eine selbstbestimmte Gestaltung. Untersuchungen zu den Bindungsmustern von Kirchenmitgliedern zeigen überdies, wie wichtig es ist, dass Kirche vor Ort erfahren werden kann, dass sie niedrigschwellig erreichbar ist, im Kirchengebäude und in der Person der Pfarrerin etc. Von den kirchlichen Angeboten jenseits der Basis wissen die meisten Leute so gut wie nichts. Natürlich wird es zu Fusionen und zum Verkauf von Kirchen kommen, das ist unvermeidlich, aber einen Rückzug aus der Fläche halte ich für problematisch. Und auch Kooperationen sind nicht immer ein Effektivitätsgewinn.

"Es geht hier um existenzielle Fragen, um eine glaubwürdige Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, um den Aufbau von Vertrauen"

Aber es gibt Pfarrerinnen, die Zusammenarbeit und Aufgabenteilung unter Kollegen als fruchtbar und entlastend empfinden.

Karle: Ja, die gibt es und wo es klappt, ist es gut. Aber die Realität zeigt, dass solche Kooperationen zeitlich wie menschlich immer wieder auch strapaziös sind, vor allem, wenn sie "von oben" verordnet werden. Zuviel Kontrolle, zuviele Zielvorgaben setzen die innere Motivation von Pfarrerinnen und Pfarrern unter Druck. Deshalb gehen die Effektitätserwartungen, die das EKD-Reformpapier "Kirche der Freiheit" von 2006 prägen, auch an der Realität vorbei. Die Aufgaben, mit denen es Kirche zu tun hat, sind wesentlich komplexer als die von Profit-Unternehmen. Es geht hier um existenzielle Fragen, um eine glaubwürdige Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, um den Aufbau von Vertrauen. All das ist nicht steuerbar. Pfarrer sind Experten für das brüchige Leben. Viele Probleme, mit denen sie zu tun haben, sind nicht lösbar, sondern müssen ausgehalten und ertragen werden.

Nun schrumpfen die Kirchenbudgets. Welche Konsequenzen sollten daraus gezogen werden?

Karle: Da müssen wir einfach kommunizieren: "Leute, wir haben weniger Geld zur Verfügung. Jetzt müssen wir genau überlegen, wo wir sparen wollen und was unverzichtbar ist im Hinblick auf  Evangeliumsverkündigung und Kirchenbindung." Und dieses Sparen, dieser Umbau wird weh tun. Die Situation ist weit davon entfernt, eine besonders günstige Gelegenheit für die Kirche zu sein oder für ein Wachsen gegen den Trend. Es geht hier vielmehr um Abbrüche und damit auch um Interessenskonflikte, die synodal ausgehandelt werden müssen.

Die Studien des Sinus-Instituts zeigen, dass unter den Kirchenmitgliedern zwar alle gesellschaftlichen Milieus vertreten sind, dass aber von den kirchlichen Veranstaltungen nur wenige Milieus erreicht werden. Ist das nicht ein Grund, neben den Ortsgemeinden auch stärker Profilgemeinden für bestimmte Zielgruppen zu fördern?

Karle: Neuere Milieuuntersuchungen zeigen, dass die Sinus-Milieustudie zu undifferenziert vorgeht. Der springende Punkt ist, ob Menschen Interesse an Kirche und Religion haben oder nicht. Erst sekundär greifen die Milieudifferenzierungen.

"Luther sprach vom Platzregen des Wortes Gottes. Und der regnet im Moment woanders in der Welt und nicht in Alt-Europa"

Aber für Leute, die von der befreienden Botschaft des Evangeliums begeistert sind und sie möglichst breit streuen wollen, stellt sich auch dann noch die Frage: Wie erreichen wir die Menschen, die bisher nicht an Religion und Kirche interessiert sind?

Karle: Es ist sehr schwierig, die Haltung von Menschen zur Religion gezielt zu beeinflussen. Ich denke, dass "Mission" eher eine implizite Strategie sein sollte: Habe ich positive Erfahrungen mit der Kirche gemacht, dann weckt das mein Interesse. Über die Kasualien sind Begegnungen mit Konfessionslosen in diesem Sinn gar nicht so selten. Im Übrigen: Wenn sich die Kirche nur an denen orientiert, die nicht erreicht werden können, wird sie diejenigen, die sich wirklich für sie interessieren, vernachlässigen.

Das muss ja kein "Entweder – oder" sein.

Karle: In Zeiten abnehmender Ressourcen schon.

Aber erreicht die Kirche wirklich alle ihre Mitglieder? Oder schließt sie nicht schon heute aus – durch einen Stil, der nur bestimmte Zielgruppen anzieht?

Karle: Ich glaube, dass die Gemeinden hier unterschätzt werden. Sie sind heute schon ein "melting pot" [Schmelztiegel] unterschiedlicher Milieus, wenngleich nicht jedes Milieu gleich stark präsent ist und nicht in jeder Veranstaltung. Es gibt im Übrigen keinen Ort in der Gesellschaft, wo alle gleichermaßen hingehen und sich miteinander verständigen. Das gelingt den Kirchengemeinden noch am ehesten. Dort versammeln sich z.B. unterschiedliche musikalische Vorlieben, vom Posaunenchor, über den Gospel-, den Bachchor und die Band. Das liegt daran, dass sie programmatisch Kirche für alle ist.

Die Parole "Wachsen gegen den Trend" ist für Sie also eine Utopie?

Karle: Die Parole steht für einen verfehlten missionarischen Eifer. Regionalisierung, Spezialisierung, Milieugemeinden – die daran geknüpften Erwartungen werden die Kirche in die Erschöpfungsdepression führen, weil sie sich nicht erfüllen lassen. Ich fände es ja auch schön, wenn sich alle für die Kirche interessieren würden. Aber man muss hier der Realität Rechnung tragen. Auch im Mittelalter waren die wirklich Überzeugten immer nur wenige. Luther sprach vom Platzregen des Wortes Gottes. Und der regnet im Moment woanders in der Welt und nicht in Alt-Europa. Was nicht ausschließt, dass er auch mal wieder zurückkommt. Aber das ist eben nicht planbar.

Was könnte der innerkirchlichen Debatte zu mehr Gelassenheit verhelfen?

Karle: Ich halte den derzeitigen Alarmismus für überzogen. Der Kirche geht es nicht besonders gut, aber auch nicht besonders schlecht. Sie muss schauen, wie sie mit etwas weniger Mitteln ihrem Auftrag nachkommen kann – ohne ihre Erreichbarkeit in der Fläche zu riskieren. Ansonsten gibt es viel Grund, dem Geist Gottes zu vertrauen.