Lebensträumen folgen und Altencafés hassen

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Foto: Katharina Weyandt

Kniefall vor dem Alter: Besucher beim 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg.

Das Alter nicht nur unter dem Aspekt der Hilfsbedürftigkeit zu sehen, findet großen Zuspruch bei dem Drittel der Kirchentagsteilnehmer, die über 50 sind.

"Vor zwei Jahren in Dresden kamen unabhängig voneinander zwei Frauen zu mir und regten an, die Lebenskunst im hohen Alter zu thematisieren", berichtete Monika Bauer, Organisatorin des "Zentrums Älterwerden". Auch sie selbst, inzwischen im Ruhestand, habe durch die Vorbereitung schon Mut für ihr eigenes Alter geschöpft. Alte nutzen die Zeit, ist die erste Erkenntnis: Professorin Ursula Lehr (82) schneidet Pastor Walter Lüss die einleitenden Worte ab, um ihre 15 Minuten Redezeit nicht zu kürzen. Und der zweite Referent, der Philosoph Professor Thomas Rentsch, wird mit Klatschen nach zu langem Vortrag zum Aufhören gezwungen.

Lehrs Faktenfeuerwerk

Lehr zündet mit Grafiken und Bildern ein Faktenfeuerwerk. Was sagt sie als Pionierin der Alterswissenschaft, als erste Familienministerin, die in den Titel ihres Amts das Wort "Senioren" aufnahm, die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen in Deutschland? Nur einige Beispiele: In den letzten 130 Jahren hat sich die Lebenserwartung verdoppelt. Für jedes Neugeborene nimmt sie pro Jahr um drei Monate zu.

Der Anteil der gesunden Jahre nimmt zu: "Im Idealfall kommen alle Krankheiten, wenn wir bereits tot sind", so ein Extrakt aus der Wissenschaft, das ihr 700-köpfiges Publikum begeisterte. Der Bundespräsident gratuliert inzwischen nur noch zum 105. Geburtstag - 2012 verschickte er solcher 555 Grüße. Alter muss nicht Pflegedürftigkeit bedeuten. Lehr bringt Beispiele von einer 100-Jährigen, die das Pflegeheim wieder verließ, oder von Wissenschaftlern. Noch bei den über 90-Jährigen sind 41 Prozent nicht pflegebedürftig, zeigt sie.

Aber der Anteil Demenzkranker, ein Drittel dieser Altersgruppe, nimmt zu. Zudem sind immer mehr kinderlos. Der Anteil der Alten in der Bevölkerung steigt, der Alleinlebenden. Wie kann man gesund und kompetent alt werden? "Die Gesundheit muss jeden Tag des Lebens neu erzeugt werden", zitiert sie von Weizsäcker. Oder "Was rastet, das rostet". Ihre Botschaft: "Wir werden alle älter, aber wie wir älter werden, haben wir selbst in der Hand." Auch im Pflegeheim können und müssen die verbliebenen Stärken gesehen und gefördert werden. Dann befürwortet sie es. Mit der Einschränkung "es kommt auf die einzelne Einrichtung an" hatte sie zuvor am Stand der Diakonie Hamburg auf die Frage: "Kann man auch im Heim glücklich leben?" mit dem Einwurf eines lila Balls in eine Säule für Ja gestimmt.

Was können Senioren für die Gesellschaft tun?

Früher, so Lehr, habe die Seniorenarbeit gefragt: Was kann die Gesellschaft für die Senioren tun? Heute müsse es heißen: Was können die Senioren für die Gesellschaft tun? Denn Gesundheit und Produktivität seien eng miteinander verbunden. Wer nicht mehr produktiv ist, wird krank. Einen Appell richtet sie zuerst an die Kirche, dem modernen Bild vom Alter zu entsprechen. Familiengottesdienste sollten nicht nur Eltern und Kinder ansprechen. Sie sollte sich nicht vor allem an die Jungen richten.

Ex-Bundesministerin Ursula Lehr antwortet auf die Frage "Kann man im Heim glücklich leben?" mit einem klaren Ja.

Auch die Alten von morgen würden nicht mehr von alleine in die Kirche kommen.  Ganz praktisch kritisiert sie Treppenstufen, fehlende Abstellflächen für den Rollator und WCs mit deutlichen Wegweisern. Und kommt dann auf die Persönlichkeit im hohen Alter zu sprechen, die "Variationen der Lebenshöhe". Reife und Gelassenheit folgen aus einer "Verinnerlichung des Lebens". Oder die Angst vor Verlusten, die Daseinsverengung, mit der ein an Äußerlichem orientierter Mensch in das hohe Alter tritt. Wird das Dasein gerundet oder als unerfüllt erlebt? Werden Lebenslügen konserviert oder revidiert? Im Alter müsste man sich verabschieden, auch mal fünfe gerade sein lassen, sein Gepäck erleichtern.

Eine 97-Jährige illustriert im Rollstuhl auf dem Podium das Aktivsein. Die Bildhauerin Dorothea Buck erlebte zwischen 1936 und 1959 fünf schizophrene Schübe, in deren Folge sie im Hitlerdeutschland zwangsweise sterilisiert wurde. Mit ihrer Art, diese Erfahrungen  zu verarbeiten, revolutionierte sie die Psychiatrie. Sie erreichte, dass nicht nur Professionelle, sondern auch Betroffene und Angehörige auf Augenhöhe miteinander an der Gesundung arbeiteten. Höhepunkt war ein sozialpsychiatrischer Weltkongress im CCH 1994, mit dem die deutsche Psychiatrie mit ihrer belasteten Vergangenheit für das Ausland quasi rehabilitiert wurde. Sie blickt jedoch nicht auf die Erfolge zurück, sondern vermittelt in ihrem Statement ihren bleibenden Lebenstraum für eine wertschätzende verständliche Psychiatrie, die heute wieder durch Pharmaindustrie und Biologismus bedroht sei,  und wirbt für ihr neustes Buch. Großer Beifall.

"Voll in der Diskussion"

Schnell leert sich der Saal. Inge Grössmann (76) und ihre Freundin Marta Clasen (63) aus Werkentin zwischen Lübeck und Ratzeburg sind sitzen geblieben. "Wir sind voll in der Diskussion." Was Lehr gesagt hat, "denke an das, was du kannst!" inspiriert Inge im hellblauen Handgestrickten. "Wenn das Altern ein lebenslanger Prozess ist, sollten wir gar nicht erst die Mauern zwischen jung, mittelalt und alt aufbauen", wünscht sich Marta in oliver Jacke mit orangenem Schal. Sie nimmt sich vor: "Dass ich das Alter nicht mehr verstecke. Wenn mir einer einen Platz in der Bahn anbietet, sage ich nicht mehr – o, jetzt bin ich alt – sondern: Ja, es ist gut, weil mir die Knochen weg tun." Die Kirche arbeite lieber mit den Jungen als mit den Alten, aber sie müsse sich mit ihnen auseinandersetzen. Und Altencafés, wo der Pastor seine Urlaubsbilder zeigt - die hassen sie beide.

Ein Abschlusspodium unter dem Motto "Ja zum Alter? Ja zum Alter!" erinnert am Samstag um 16.30 Uhr an 30 Jahre Zentrum Älterwerden. Mit Klaus Dörner, Christine Bergmann, Maria Jepsen, Henning Scherf und Monika Bauer.