"Mit Gottes Bodenpersonal ist es schwierig"

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epd-bild/Jens Schulze

"Warum die Kirche homosexueller werden muss" war der Untertitel eines Gottesdienstes in Sulzbach am Taunus. (Das Foto zeigt eine Lichtinstallation des Künstlers Götz Lemberg in Niedersachsen.)

In Sulzbach bei Frankfurt feierte die evangelische Andreasgemeinde einen Gottesdienst mit dem Titel "GoGay – fromm aber nicht hetero: Warum die Kirche homosexueller werden muss!" Die Ärztin und Autorin Valeria Hinck und der Theologe David Berger berichteten aus ihrem Leben als fromme Homosexuelle.

Timo Becker, Leiter für den Theater- und Kreativbereich der Eschborner Andreasgemeinde, ist heute für die Lacher zuständig. "Soll die Kirche wirklich homosexueller werden? Also ich sage ja!", spricht er in sein Mikrofon und hält einen Kalender hoch. "Und wisst ihr auch, warum?" Die Menschen im Saal 1 des Kinopolis in Sulzbach lehnen sich in ihren Sesseln nach vorne. "Dieser Kalender hier zeigt die attraktivsten Priester im Vatikan. Und ich sage euch: Der Juli ist ein Knaller!"

David Berger in der Diskussionsrunde. Foto: Franca Leyendecker

Alle lachen. Etwa 350 Menschen sind in den Kinosaal des Einkaufzentrums gekommen, um sich einen Gottesdienst anzuhören über – ja, was für einen Gottesdienst eigentlich? Für Homosexuelle? Über Homosexuelle? Erst einmal ist "homosexuell“ sowieso das falsche Wort, sagt David Berger, katholischer Theologe und prominenter Redner des Gottesdienstes: "Homosexuell ist ein medizinischer und psychologischer Terminus, hier wird die Person stark auf ihre Sexualität eingeschränkt. Die Begriffe schwul und lesbisch beinhalten eher den Menschen als Ganzes, die Tatsache, dass man das Leben und seine Sexualität selbstbewusst annimmt, mit einem Partner zusammenlebt, gemeinsam die Zeit gestaltet und vielleicht auch seinen Glauben teilt."

Soweit zur Begrifflichkeit. Doch warum MUSS die Kirche homosexueller – oder eben schwuler und lesbischer – werden? Und was soll das überhaupt heißen? Natürlich nicht, dass Kirchenangehörigen sich einen anderen Lebenspartner suchen sollen. Die Moderatoren und Redner wollen, dass die Kirche sich öffnet, dass sie Homosexualität nicht als Sünde sieht, dass sie alle Menschen respektiert. Denn fromm sein und schwul sein passt nicht für alle zusammen. Es gibt zwar evangelische Gemeinden und Landeskirchen, die keinen Unterschied machen zwischen hetero- und homosexuellen Gemeindemitgliedern oder die "Segnung gleichgeschlechtlicher Paare" durchführen – es gibt aber auch solche, in denen die Meinung vorherrscht, dass schwule und lesbische Liebe eine Sünde ist, solche, die sogar "Heilungsgottesdienste" feiern. Und nicht selten berufen sie sich dabei auf die Bibel.

An Gott festbeißen wie eine Bulldogge

Eine Erfahrung, die auch Valeria Hinck gemacht hat. Die Ärztin und Buchautorin steht auf der Bühne, hinter sich eine Regenbogenfahne, neben sich ein Dutzend Regenbogen-Regenschirme, und erzählt aus ihrem Leben. Knapp und nüchtern, mit monotoner Stimme, doch trotzdem bewegend schildert sie, welcher Gegensatz das für sie war – gläubig und lesbisch zu sein.

Lange Zeit glaubte sie, dass Gott lesbische Liebe nicht akzeptieren kann. "Ich war fest davon überzeugt, dass Gott mich verändern würde, dass er mich heilen könnte", erzählt sie und berichtet von jahrelangen inneren Kämpfen, von Enthaltsamkeit und Zwiespalt. "Trotzdem habe ich immer ein positives Gottesbild behalten, das Bild von einem Gott, der für uns Menschen ist, der großherzig ist. Und das habe ich auch so erfahren. Ein bisschen schwieriger war es dann mit seinem Bodenpersonal." Und zwar dann, als sie sich entschied, ihre Sexualität endlich auszuleben. "Mein christlicher Freundeskreis dezimierte sich“, sagt sie, "aber ich wusste: Ich will mir diesen Gott nicht nehmen lassen. Und wenn ich mich an ihm festbeißen muss wie eine Bulldogge!"

Valeria Hinck während ihres Vortrages. Foto: Franca Leyendecker

Heute macht Valeria Hinck schwulen und lesbischen Christen Mut. In ihrem Buch "Streitfall Liebe" untersucht sie, was die Bibel wirklich über Homosexualität sagt (Online-Version als PDF). Dabei gibt es kaum Stellen, die das Thema wirklich thematisieren. In der späteren Diskussionsrunde kommt die Sprache auf das Buch Leviticus, in dem es heißt, dass Sex zwischen Männern ein "Gräuel" sei und mit der Todesstrafe bestraft werden soll. Karsten Böhm, Pfarrer der Andreasgemeinde, sagt dazu: "Da steht so viel, woran wir uns heute nicht mehr halten. Das Verbot, am Sabbat zu arbeiten, sogar das Verbot, Schalentiere zu essen. Warum messen wir da mit zweierlei Maß? Entweder man hält sich an alles oder an gar nichts!"

Mit Bibelstellen will David Berger gar nicht erst argumentieren. Der katholische Theologe beruft sich in seinem Statement auf die Schöpfungs- und Naturrechtslehre, die auch der Papst gerne anführt, zum Beispiel in seiner Rede vor dem Bundestag im September 2011. Berger sagt: "Gott hat mich als schwulen Mann geschaffen. Daher ist es meine Aufgabe, diese Natur auszuleben, alles andere wäre ein Aufstand gegen den Willen Gottes und somit eine Sünde!" Berger fordert, dass die katholische Kirche Homosexuellen eine Heimat bietet, eine Richtung und eine Orientierung.

Ihm wurde diese Heimat genommen. Als er sich im Jahr 2010 outete, wurde ihm sein Lehrauftrag an der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin entzogen, bald darauf auch seine Lehrerlaubnis als Religionslehrer. Seitdem hält er Reden, schreibt Bücher, engagiert sich gegen die feindliche Einstellung der katholischen Kirche gegenüber Schwulen und Lesben. Denn diese werde immer schlimmer, sagt er im Interview nach dem Gottesdienst: "Seitdem Benedikt Papst geworden ist, geht es rückwärts, die Kirche ist so reaktionär und schwulenfeindlich wie lange nicht mehr".

Und die evangelische Kirche? Die Gottesdienstbesucherin Pia Liebetanz von der Andreasgemeinde sagt: "Auch in der protestantischen Kirche gibt es beim Thema Homosexualität enormen Redebedarf. Es ist wichtig, dass die konservativen und die weniger konservativen Teile der Kirche immer im Gespräch bleiben. Und dazu eignet sich so ein Gottesdienst einfach gut." Der gleichen Meinung ist Till, 41, der zum ersten Mal bei einem Gottesdienst dieser Gemeinde ist und dem es gut gefallen hat. Er sagt, dass ihm im Gottesdienst einiges klar geworden ist. Zum Beispiel, dass das Schrille, Bunte der Homosexuellen eine Reaktion sei auf die Ausgrenzung und den Hass, den sie erfahren haben. So habe er es noch nie gesehen.

Kreuzanhänger auf der Kinoleinwand

Die Stimmung im Kinosaal ist locker, eine Liveband spielt zwischendurch auf der Bühne, bei den Liedern am Ende stehen die Gottesdienstbesucher auf, singen den Text mit, der an die Kinoleinwand geworfen wird, manche falten dabei die Hände. Bei den Gebeten wird das Licht gedimmt und ein Kreuzanhänger auf die Leinwand projiziert. Es ist anders als ein Gottesdienst in der Kirche. Doch insgesamt widerspricht sich die Veranstaltung immer wieder selbst.

So heißt es zum Beispiel, man wolle gegen Klischees vorgehen, wozu auch gehört, dass Schwule alle schrill sind und Tütüs tragen. Doch als Pausensänger tritt Maverick O'Rick auf, der normalerweise für CSD gebucht wird und mit Kirche nichts am Hut hat. Mit seinen  Neonklamotten und der Glitzerschminke wirkt er eben doch wie ein laufendes Klischee. Als es um die Frage geht, was Jesus zu Homosexualität sagt – nämlich nichts – wird etwas verquer argumentiert: Jesus habe sich aller angenommen, zum Beispiel auch der Prostituierten. Durch diesen Vergleich wird zementiert, was doch eigentlich aufgelöst werden sollte – dass Schwule und Lesben "die anderen" seien. Und dann wird auch noch die Frage besprochen, ob Homosexualität genetisch bedingt sei. Muss man darüber wirklich noch reden? Anscheinend schon, zumindest solange es noch Menschen gibt, die sich diese Frage stellen.

In der Diskussionsrunde taucht schließlich die Frage auf: Was kann jeder von uns tun? Karsten Böhm meint, den heutigen Gottesdienst wohl ausschließend: "Wir haben keine speziellen Angebote für Schwule und Lesben. Wir haben Angebote für Interessierte, wir unterscheiden da einfach nicht." Vielleicht ist es wirklich so einfach.