Die Anwälte des Karfreitags

Plakat mit der Aufschrift "Wiedersehen"

Foto: EKHN

"Lichtblick Ostern" heißt die diesjährige Osterkampagne der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Karfreitag und Ostern sind Gegensätze und gehören doch zusammen. Das eine geht nicht ohne das andere. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) macht darauf mit ihrer neuen "Impulspost" aufmerksam, die an alle evangelischen Haushalte im Kirchengebiet geschickt wird.

Die neue Impulspost erinnert an eine Todesanzeige. Dasselbe freundlich lächelnde Gesicht, einmal auf schwarzem, einmal auf weißem Grund, blickt knapp an uns vorbei. Wie ein Mensch, der von uns gegangen ist, an dessen Lächeln wir uns noch erinnern, dessen Blick wir aber nicht mehr treffen können. In der aktuellen Karfreitagsaktion (lichtblick-ostern.de) der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) trägt diese Todesanzeige allerdings den Titel "Wiedersehen". Das meint: Jeder von uns ist sterblich. An Karfreitag mahnt uns Jesu Christi Geschichte an diese Vergänglichkeit, den Abschied. Doch es gibt eine Hoffnung, die unser Glaube an das ewige Leben ist, den wir an Ostern feiern. Zumindest diejenigen, denen das Christliche in den christlichen Festen noch bewusst ist.

Und die sollen wieder mehr werden, das ist das erklärte Ziel der EKHN. Deswegen richtet sich die Impulspost an alle 1,7 Millionen Mitglieder der Landeskirche, die zum großen Teil eher kirchenfern sind. Jedes Mitglied bekommt in den Tagen vor Ostern einen Brief mit persönlicher Ansprache nach Hause. Kirchenpräsident Volker Jung erklärt darin, warum das staatliche Feiertagsgesetz dem Karfreitag als "stillem Feiertag" einen besonderen Schutz gewährt. Dabei gehe es ihm nicht um das Tanzverbot, sagt Jung, das vor allem 2011 und 2012 den Karfreitag in den Fokus der Öffentlichkeit lenkte: "Wir sind nicht die Anwälte des Tanzverbots. Wir sind die Anwälte des Karfreitags."

"Theologisch kann ich das nicht nachvollziehen"

Diese Karfreitagsanwälte haben, wie schon in der vergangenen Weihnachtszeit, einiges Geld in die Hand genommen, um ihre Aktion zu verbreiten. 1,7 Millionen MItglieder in 1,029 Millionen Haushalten bekamen und bekommen nun wieder Post nach Hause. 577.000 Euro flossen in die Briefaktion (43 Prozent davon Portokosten), das macht 49 Cent pro Mitglied. Knapp die Hälfte der 1.170 Kirchengemeinden habe zudem Materialien für die Aktion bekommen: Plakate, Fassadenbanner, Infomationsflyer und Postkarten. Dies habe weitere 261.000 Euro gekostet. Alles zusammen also 838.000 Euro.

Entwickelt wurden die "Merry-Birthday"- und die "Wiedersehen"-Aktion von der Hamburger Werbeagentur "gobasil". Geschäftsführerin Eva Jung hofft, dass mit der aktuellen Aktion das Ziel der Auseinandersetzung mit der christlichen Botschaft gelingt: "Wir wollen die Menschen in ihrem Alltag erreichen und zeigen, dass die christliche Lehre im Alltag weiterhelfen kann." Volker Jung sagt: "Wir wollen nicht das Kreuz als Symbol verdrängen." Aber die Symbolik der Kirche, das Gebet oder die Kreuzigung, seien eben schwer im modernen Alltag zu dechiffrieren. Das Wort "Wiedersehen" sowie die Worte Abschied, Tod und Sterben knüpften hingegen an existenzielle Erfahrungen an. Erfahrungen, die jeder macht.

Pfarrer Wolfgang Lück aus Darmstadt spricht das Layout allerdings nicht an. "Theologisch kann ich die Wiedersehen-Impulspost nicht nachvollziehen und weiß nicht, ob die Leute das verstehen", sagt er. Den Brief des Kirchenpräsidenten hat er allerdings noch nicht gelesen. Auch die vergangene "Impulspost" der EKHN hat Wolfgang Lück nicht gefallen. Im Evangelischen Pfarrblatt vom Januar (Seite 24) kritisiert er die Herangehensweise der Macher.

"Vielleicht erreichen wir jemanden"

Die vergangene Impulspost hatte den Slogan: "Weihnachten ist Geburtstag". Diese Idee gefiel Pfarrer Lück ebenso wenig wie die Grußworte des Kirchenpräsidenten Volker Jung, die gemeinsam mit einer "Merry-Birthday-Girlande" verschickt wurden. Er hielt beides für kindisch, assoziierte "Kindergeburtstag" und fühlte sich nicht ernst genommen: "Diese Begeisterung, dieser Krach und dieses tolle Treiben! Wäre doch schön, wenn's das zu Weihnachten auch gäbe", schreibt er spöttisch im Pfarrblatt. Lück rief bei der Kirchenverwaltung an, um nachzufragen, an wen sich die Post denn eigentlich richte. An ihn, den Theologen, jedenfalls nicht, befand er selbst. Und die Macher hätten ihm diesen Eindruck bestätigt, sagt er.

Die Herausforderung für die EKHN-Öffentlichkeitsarbeit lautete also: Unsere Post richtet sich an jeden. Werber würden sagen: Je konkreter die Zielgruppe, umso besser erreichen wir sie. Eine Aktion also, die von vornherein so gut wie zum Scheitern verurteilt ist, weil sie ja gar nicht allen gefallen kann? "Wir wollen uns vor allem an die kirchenferne Mehrheit richten", sagt Stephan Krebs, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der EKHN. Und fasst die Gruppen der Kritiker auf die vergangene Impulspost so zusammen: "Die wertkonservativen Niveaubürger mögen das Volkstümliche nicht. Die kirchlichen Insider fremdeln mit dem Grenzübertritt zur kirchenfernen Mehrheit. Und die sensiblen Gutmenschen sagen uns: Schreibt nicht mir, sondern spendet das Geld für hungernde Menschen."

Doch Stephan Krebs hofft, dass auch einige dieser Kritiker noch über ihren Schatten springen können. "Vielleicht können die Kiritker sagen: 'Für mich ist es nicht perfekt, aber wir erreichen damit jemanden.'" Denn die Impulspost sei der Versuch, das stetige Abwenden der Mitglieder zu verhindern, die nicht mehr wissen, warum sie eigentlich noch Kirchensteuer bezahlen, die nicht mehr wissen, dass es eine Botschaft gibt, die sich zu hören lohnt.

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