Kinderbücher mit Pessach statt Ostern

Zu Pessach (26.03.-02.04. 2013) will der Ariella Verlag eine Kinder-Haggada herausgeben. In 14 Punkten wird erklärt, wie Pessach richtig zu feiern ist, auf russisch und deutsch.

Foto: Ariella Verlag

Zu Pessach (26.03.-02.04. 2013) will der Ariella Verlag eine Kinder-Haggada herausgeben. In 14 Punkten wird erklärt, wie Pessach richtig zu feiern ist, auf russisch und deutsch.

Gerade vor wenigen Wochen erst ist Myriam Halberstam aus Jerusalem zurückgekehrt. Dort war sie auf der Buchmesse und hat sich Kinderbücher angeschaut. Für eines hat sie jetzt nach reiflicher Vorauswahl die Rechte erworben. Damit kann sie pünktlich zur Leipziger Buchmesse und zum diesjährigen Pessach, das am 26. März beginnt, eine eigene Kinder-Haggada herausbringen. Es ist bereits ihr viertes Buch.

Es ist ein kleines Gebetbuch, das in 14 kurzen Punkten erklärt, wie ein Pessach-Seder ordnungsgemäß zu feiern ist. Es wird in deutscher und russischer Sprache erscheinen und ist auch für Erwachsene geeignet, die sich mit der jüdischen Religion noch nicht so gut auskennen.

Myriam Halberstam

Bei mehr als 60.000 Neuerscheinungen im Jahr denkt man, dass es auf dem deutschen Buchmarkt alles schon gibt. Das dachte auch die amerikanische Jüdin und Journalistin Myriam Halberstam, die mit ihrer Familie in Berlin lebt. Nachdem aber ihre Töchter geboren wurden merkte sie erst, dass es kaum deutschsprachige jüdische Kinderbücher gibt.

"Ich habe mich geärgert über 'Lillifee feiert Weihnachten', 'Conny feiert Ostern', aber es gab nichts für jüdische Kinder. Ich bin ja auch in Deutschland aufgewachsen, aber ich habe nur englische Bücher gelesen. Und ich wollte meinen Töchtern etwas auf deutsch bieten, was Spaß macht und was nicht kitschig ist", erinnert sich Halberstam.

Die studierte Filmemacherin machte aus der Not eine Tugend und gründete vor drei Jahren ihren eigenen Verlag Ariella. Es ist kaum zu glauben, aber es scheint, als seien die jüdischen Kinder im Nachkriegsdeutschland literarisch einfach vergessen worden. Der Verlag von Myriam Halberstam ist der erste deutsch-jüdische Kinderbuchverlag nach 1945. Natürlich gibt es auch jüdische Kinder-Bücher aus der Vornazi-Zeit, die man nachdrucken könnte. Doch deren Reprint ist alles andere als einfach.

Nicht nur für jüdische Kinder

"Ich wollte die letzte deutsche Kinder-Haggada, die in Berlin noch 1933 gedruckt wurde, neu auflegen. Die hat ganz modern so Schiebe-Elemente, heute nennt man sie pop-ups, dass die Kinder ziehen können und dann bewegt sich was. Diese Haggada wird in Amerika immer noch auf englisch aufgelegt, aber wer die deutschen Rechte hat, konnte ich nicht herausbekommen, auch weil der Herausgeber längst tot ist, er wurde umgebracht. Es ist ein Liebhaber-Objekt. Zudem kann ich nicht davon ausgehen, dass modernen Kindern eine Haggada mit den Motiven von 1933 gefällt und dass ich entsprechend viele davon verkaufen würde", überlegt Halberstam.

Nicht nur dass sie ihren eigenen Verlag Ariella gründete, sie schrieb auch gleich zu Beginn ihr erstes Buch: "Ein Pferd zu Chanukka". Die kleine Hanna wünscht sich ein ganz großes Tier. Ob das Mädchen nun zu Chanukka aber wirklich ihren haferfressenden Vierbeiner bekommt, bleibt bis zum Schluß offen. Mit ihren Büchern geht Halberstam jetzt wieder auf die Leipzigfer Buchmesse, oft liest sie auch in Gemeinden oder Schulen vor.

"Es ist für die Klassen ein besonderer Anlass, eine jüdische Kinderbuchautorin zu Gast zu haben. Dann zünde ich zusammen mit den Kindern die Kerzen des Chanukka-Leuchters an und erkläre das jüdische Lichterfest. Ich gehe auch in Kindergärten, die türkische und arabische Kinder besuchen. Das dient der Annäherung und der Aufklärung und liegt mir sehr am Herzen", erklärt die jüdische Verlegerin. Es sind zwar jüdische Themen und Feste, die in den Büchern des Ariella-Verlages auftauchen, aber die Bücher sind nicht nur für jüdische Leser gedacht.

"Opa und der Hundeschlamassel"

So erzählt der Jugendroman "Opa und der Hundeschlamassel" die Geschichte der kleinen Zelda, die von der Stadt auf das Land, von New York nach Vermont zieht. Sie muss sich neue Freunde suchen, kämpft mit der Umstellung und auch mit dem Mobbing an der Schule.

"Dass das Mädchen jüdisch ist, wird in dem Buch nicht ausgeblendet und so ist es ein Buch, das für mich jüdische Identität von Kindern in Deutschland stärkt, aber von allen Kindern gelesen werden kann. Zelda geht nicht in die Kirche, auch nicht in die Synagoge, sondern sie fragt sich, wieso ihre Nachbarin in ein christliches Sommerlager fahren darf und sie nicht. Also Judentum wird in den Büchern zu der Normalität, die man viel zitiert in Deutschland haben möchte. Das ist, weshalb der Ariella-Verlag ein jüdischer Kinderbuchverlag ist", erklärt Myriam Halberstam.

Das zweite Buch des Verlages "Zimmer frei im Haus der Tiere" stammt von der ostpreußischen Dichterin Leah Goldberg, die 1935 vor den Nazis nach Palästina flüchten musste. Dort geht es auf Tierebene übertragen um Toleranz und gegenseitige Achtung. In Israel ist ihr Buch ein Klassiker, eine deutsche Übersetzung liegt erst jetzt im Ariella-Verlag vor.

Modernes Judentum in Deutschland unterstützen

Meine erste Haggadah, Susan Fischer Weissbearbeitet von Claudia Fehr-Levin

Die neue Pessach-Haggada kostet neun Euro und ist damit für jeden erschwinglich. Dadurch ist die Gewinnspanne für Myriam Halberstam aber auch relativ gering, muss sie zudem noch Großhändlern wie amazon einen Großteil des Verkaufspreises überlassen. Jedes neue Buch ist für den Ein-Frau-Verlag somit ein finanzielles Risiko. Wenn ein Buch floppt, ist die Jung-Verlegerin pleite.

Dennoch kann sich Myriam Halberstam im Moment gar nichts Schöneres vorstellen, als deutsch-jüdische Kinderbücher  herauszubringen: "Ich versuche ein modernes Judentum in Deutschland zu unterstützen. Ich möchte hier Bücher machen, die in einem deutschen jüdischen Kontext vorkommen, weil man das nicht immer etwa aus einem amerikanischen Kontext übertragen kann. In den USA leben Millionen von Juden, das ist ein sehr selbstbewusstes Umfeld. Hier in Deutschland entwickeln wir uns erst noch dahin."

Dieser Text erschien zum ersten Mal am 16. März 2013 auf evangelisch.de

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