"Es werde Licht" – aber bitte mindestens 120 Lux!

Wie beleuchtet man eine Kirche?
Keine leichte Aufgabe: Die passende Kirchenbeleuchtung, hier in der Petruskirche Berlin-Spandau

Foto: Kreuz + Kreuz

Keine leichte Aufgabe: Die passende Kirchenbeleuchtung, hier in der Petruskirche Berlin-Spandau.

Irgendwann kommt der Tag, spätestens bei der Innenrenovierung der Kirche, an dem man sich in der Gemeinde Gedanken machen muss über ein neues Lichtkonzept. In unserem Schwerpunkt "Licht" beschäftigen wir uns auch damit: Wie macht man das - die unterschiedlichen Lichtbedürfnisse von Osternacht, Festgottesdienst und Weihnachtsoratorium mit den Bedenken der Denkmalschutzbehörde und den ästhetischen Vorstellungen der verschiedenen Kirchenvorstandsmitglieder unter einen Hut bringen, und das alles möglichst mit Energiesparlampen?

Warum das mit dem Licht in der Kirche nicht so einfach ist? Weil nicht nur die unterschiedlichsten Bedürfnisse und Anforderungen berücksichtigt werden müssen, sondern weil die Kirche in erster Linie Raum für die Feier des Gottes-Dienstes ist. Und dem Licht kommt prinzipiell eine zentrale symbolische Bedeutung in der Theologie zu (siehe Infokasten "Mehr zum Thema").

Im Kirchenbau spielt das Licht dementsprechend seit frühchristlicher Zeit eine zentrale Rolle. Darauf weist zum Beispiel die Broschüre "Raum und Licht" des Evangelischen Landeskirchenamts von Westfalen hin, wo es heißt: "Die christliche Basilika wird entscheidend durch ihr Beleuchtungssystem geprägt." Schon früh waren die Innenräume mit vielen Öllampen ausgestattet, später waren Kirchen oft die einzigen Gebäude, in denen regelmäßig wohlriechende Bienenwachskerzen in großer Zahl statt Kienspänen, Fackeln oder Fett- und Ölleuchten zum Einsatz kamen.

In der Gotik kommen die farbigen Kirchenfenster hinzu, in der Renaissance wird viel mit natürlichem Tageslicht gearbeitet, im Barock werden die Lichtquellen auch künstlerisch eingesetzt, im 19. und 20. Jahrhundert spielen farbige Verglasungen wieder eine stärkere Rolle, ab 1920 auch in expressionistischeren Interpretationen – und seit den späten 1960er Jahren können Kirchenfenster bis zum Boden reichen und verstärkt die Außenwelt in den Gottesdienstraum lassen (und umgekehrt).

Licht als wichtigster geistiger Baustoff des Kirchenbaus

Licht ist auf jeden Fall immer Thema in Kirchen. Gegenüber kirchensite.de sagt der Architekt Dieter G. Baumewerd sogar: "Das Licht ist für den Architekten der wichtigste geistige Baustoff des Kirchenbaus. (…) Eine Kirche dient dem Menschen zum Gebet, zur gottesdienstlichen Feier, zur Sammlung, zur Meditation, zur Begegnung. Diesen verschiedenen Aufgaben dient auch das Licht." Und auch Professor Thomas Erne, Direktor des EKD-Instituts für Kirchenbau und Kirchliche Kunst der Gegenwart an der Marburger Philippsuniversität, unterstreicht gegenüber "Blick in die Kirche": "Eine wichtige Rolle spielt bei der Anschaulichkeit christlicher Religion im Kirchraum die Lichtführung. (…) Gerade Licht kann den Kirchraum atmosphärisch aufwerten." Es geht also nicht nur um Helligkeit, sondern um das Zusammenspiel von Licht und Dunkel, von Farben und Raum – und natürlich ganz pragmatischen Bedürfnissen, wie zum Beispiel der Lesbarkeit der Liedtexte. Die Anforderungen sind hoch – was also tun?

Petruskirche in Berlin-Spandau.

Ganz einfach: Nicht alleine bleiben mit dieser Aufgabe, sondern sich informieren und beraten lassen (siehe Infokasten "Vorgestellt"). Das Büro der Architekten Eva-Maria und Matthias Kreuz in Stuttgart beispielsweise hat sich seit vielen Jahren nahezu ausschließlich auf Lichtplanung und Leuchtenentwurf für Kirchen spezialisiert. Und Eva-Maria Kreuz zieht dem interessiert Anfragenden auch gleich den ersten Zahn, wenn er wissen will, ob man nicht auch mit wenig Aufwand und geringen Mitteln schon große Effekte zaubern könne. Schließlich geht es hier um Konzepte, die ja nicht nur für ein- oder zwei Veranstaltungen gemacht werden, sondern auf Dauer angelegt sind.

Vorschläge und Kostenschätzung

Und es geht um Gebäude, die oft sehr alt sind. Deswegen empfiehlt die Fachfrau, lieber Experten an die Sache zu lassen. Ihre Erfahrung sei, dass für ein gutes Lichtkonzept am ehesten Spenden von den Gemeindemitgliedern eingeworben werden könnten, weil hier der Effekt unmittelbar spürbar sei und den Gottesdienstbesuchern direkt zugute komme. Gute Architekten und Lichtplaner kommen ohnehin zuerst einmal in die Gemeinde, schauen sich alles an, besuchen im Optimalfall auch einmal einen Gottesdienst in der betreffenden Kirche und machen dann Vorschläge und eine erste Kostenschätzung. Diese Leistungen werden in Rechnung gestellt und dann bei einer tatsächlichen Auftragsvergabe später verrechnet.

Beim Architekturbüro Kreuz + Kreuz verfolgt man dabei einen Ansatz, den Eva-Maria Kreuz mit dem Titel einer Schrift der württembergischen Landeskirche umschreibt: Feiert Gott in eurer Mitte! Es geht eben nicht mehr darum, wie früher den Hochaltar anzustrahlen und die Gemeinde im Kirchenschiff weitgehend im Dunkeln sitzen zu lassen, den Chor- oder Altarraum also gleichsam wie eine Bühne zu behandeln: "Was wir versuchen, ist, dass der Liturg immer im gleichen Licht steht wie die Gemeinde" sagt Eva-Maria Kreuz.

Schwarzer Talar als Lichtschlucker

Dabei braucht es der Liturg allerdings heller, alleine sein in der Regel schwarzer Talar schluckt 97 Prozent des Lichts. Und, weiß Eva-Maria Kreuz: "Der Mensch schaut immer in den hellsten Bereich des Raumes." Daran muss sich eine Lichtführung also auf jeden Fall orientieren. Die Orte des Geschehens wie Altar, Kanzel oder Lesepult sollten besonders hell sein. Ein Helligkeits-Wert von 500 Lux ist für einen normalen Büroarbeitsplatz vorgesehen. Der ist in einer Kirche aufgrund der baulichen Gegebenheiten normalerweise nicht zu erreichen, dafür müssten sonst riesige Batterien an Leuchten und Strahlern aufgefahren werden. Aber auch 120 Lux im Gestühl und 250 Lux im Chorraum reichen vollkommen aus: "Wer bei 250 Lux falsch singt, der singt nicht wegen des mangelnden Lichts falsch", meint die Expertin.

Diese Werte allerdings müssen sorgfältig geplant und berechnet werden: Auf den subjektiven Eindruck kann man sich nicht verlassen, vor allem, da der Lichtbedarf mit zunehmendem Alter enorm steigt: Ein Mensch von 50 Jahren hat bereits den doppelten Lichtbedarf von einem Vierzigjährigen, um zum Beispiel bequem im Gesangbuch lesen zu können - ein Sechzigjähriger dann schon den fünffachen. Außerdem gehört es mittlerweile einfach zum Standard, mit verschiedenen 'Lichtszenen', die per Taste steuerbar sind, auf unterschiedliche Anforderungen und Lichtsituationen reagieren zu können - von der Projektion im Gottesdienst über die Kerzenlichtmeditation bis hin zur morgendlichen Sonnenlichteinstrahlung.

Pendelleuchte in der Peterskirche Heidelberg.

Der Diplomingenieur und Theologe Gunther Seibold konstatiert: "Moderne Lichtplanung unterscheidet im Kirchenbau öfter drei Funktionen, die sich zugleich räumlich voneinander unterscheiden lassen: Obere Lichtzone, untere Lichtzone und mittleren Bereich." Bei der oberen Lichtzone geht es darum, die oft hohe Kirchendecke, die in der Architektur eine gestalterisch wichtige Rolle spielt, durch nach oben gerichtetes Licht von Flutern oder Pendelleuchten auch entsprechend zu erhellen. Die untere Lichtzone – Bänke, Gänge, Seiten- und Eingangsbereiche - ist natürlich von praktischen Bedürfnissen und nicht zuletzt auch Sicherheitsaspekten geprägt. Hier können die unterschiedlichsten Leuchten zum Einsatz kommen. Und der mittlere Bereich wird geprägt  von Leuchten für die Gestaltung des Luftraums der Kirche - sowohl durch das Licht, das von ihnen ausgeht, als auch durch die Leuchten selbst. Das klassische Beispiel hierfür ist laut Seibold der Kronleuchter mit brillantem Licht.

Fluter nach oben, Lichtbereich kegelförmig nach unten

Er empfiehlt, wie viele Lichtplaner, für Kirchen eine Kombinationslösung: "Ein Leuchtelement, das im Raum nicht weit über der Kopfhöhe der Menschen hängend montiert ist und aus drei Leuchtkörpertypen besteht: Fluter nach oben, kegelförmiger Lichtbereich nach unten und eine diffuse oder dezent akzentuierende Abstrahlmöglichkeit in der Breite." Häufig werden diese Leuchten dann auch entsprechend als individuelle Modelle passend für den jeweiligen Kirchenraum vom Lichtplaner entworfen und vom Leuchtenhersteller gefertigt. Die Kosten liegen in diesem Fall meist zwischen 500 und 1.500 Euro pro Leuchte.

Bei der Ausleuchtung der Kirche können übrigens auch schon kleine Dinge einen großen Effekt haben, erklärt Architektin Kreuz an einem anschaulichen Beispiel: An einem Lesepult oder auf einer Kanzel gibt es immer wieder die Beobachtung, dass Licht nicht nur nach unten, auf die Notizen, sondern – absichtlich oder nicht – auch nach oben in das Gesicht des Vortragenden leuchtet. Ein von unten beleuchtetes Gesicht aber verwirrt die Beobachter. Da so etwas in der Natur nicht vorkommt – die Sonne bestrahlt ein Gesicht immer von oben oder zumindest schräg oben – können von unten angeleuchtete Gesichter nur schwer erkannt und kaum gedeutet werden: Der Verfremdungseffekt ist hoch.

Den Prediger flach von vorne anleuchten

Genau das aber wiederum erschwert die Konzentration auf den Inhalt des Gesagten. Ist der Vortragende hingegen gut ausgeleuchtet, können sich die Zuhörer das Gesagte besser merken, haben Untersuchungen ergeben. Der optimale Winkel, um ein Gesicht auszuleuchten, liegt eigentlich unterhalb des Gesichtskreises von 45 Grad von der Horizontalen. So flach von vorne werden zum Beispiel Schauspieler im Theater ausgeleuchtet. Das wiederum wäre für einen Pfarrer nicht optimal, weil er dadurch geblendet würde und den Kontakt zur Gemeinde nicht herstellen könnte. Deswegen empfiehlt sich hier ein Beleuchtungswinkel genau an der Grenze der 45 Grad.

Ein anderer häufiger Fehler: Das direkte Anstrahlen von Kruzifixen, Heiligenfiguren, Kunstgegenständen mit Spots. Eva-Maria Kreuz: "Unbewusst laufen dann bei der Gemeinde zwei Assoziationen: Entweder "Museum" oder "Geschäft". Dinge, die im Raum wichtig sind, müssen selbstverständlich im Licht stehen – und zwar ohne, dass sie 'ausgestellt' sind." Ein ganz spezieller Effekt erfolgt übrigens immer wieder, wenn das Altarkreuz von Spots von zwei Seiten angestrahlt wird: Es wirft zwei weitere Schattenkreuze an die dahinterliegende Wand, eine stilisierte Golgatha-Kreuzigungsgruppe entsteht. Diese hat aber eigentlich nichts in der Kirche zu suchen, sie befindet sich traditionell außerhalb, an der Außenwand, am Ende eines Kreuzwegs beispielsweise.

Die Gretchenfrage: Welche Leuchtmittel?

Eins ist klar: Ausschließlich mit Kerzen lässt sich ein Kirchenraum außerhalb von Osternacht oder Christmette nicht mehr zweckmäßig beleuchten. Und etwas anderes ist auch klar: Umweltfreundlich und möglichst kostengünstig sollte die Beleuchtung sein. Allerdings müssen dazu nicht immer energiesparende Leuchtmittel die erste Wahl sein: Bedeutet nämlich die Umstellung auf Energiesparlampen oder LEDs beispielsweise eine komplette Umrüstung der Leuchten und Beleuchtungstechnik in der Kirche, ist dies unter Umständen teurer und sogar belastender für die Umwelt, als das weitere (Aus-)Nutzen der bisherigen Einrichtung. Schließlich muss in die Umweltbilanz nicht nur der reine Energieverbrauch der Leuchtmittel einfließen, sondern auch derjenige bei der Herstellung der neuen Leuchten - und natürlich die Entsorgung der alten, samt übriger Glühbirnen, Leuchtstoffröhren etc.

Zudem muss – kein Scherz – auch der erhöhte Heizbedarf (je nach Art der Heizung und Energiequelle) mit einberechnet werden. Da die alten Glühlampen 95 Prozent ihrer verbrauchten Energie als Wärme abgaben (und nur rund 5 Prozent in Licht umsetzten), wurde dadurch bisher in vielen Kirchengebäuden die Wärmeleistung der Heizung spürbar ergänzt (schließlich kostet es rund zehn Prozent mehr Energie, um die Temperatur in einer Kirche um ein Grad zu erhöhen).

LEDs brennen sechs Jahre

Ein Vorteil von LED-Lampen ist natürlich deren immens hohe Lebensdauer: Durchschnittlich 50.000 Stunden sollen LEDs brennen (zur Einordnung: Das Jahr hat 8.760 Stunden, eine herkömmliche Glühlampe brennt rund 1.000 Stunden). Dadurch wird nicht zuletzt die oft schwierige Wartung in großer Höhe erleichtert, weil zum Beispiel seltener Lampen ausgetauscht werden müssen. Der große Nachteil bei LEDs allerdings: Hat eine herkömmliche Glühlampe eine Lichtverteilung von 320 Grad (also nahezu rundum), schaffen die meisten sogenannten Retrofit-LEDs, die in die bisherigen Leuchten passen, gerade mal 180 Grad. Dazu kommt ein mattes, diffuses Licht im Gegensatz zum brillanten Licht der bisherigen Glühlampen und eine deutlich schlechtere Farbwiedergabe.

Leuchtenreihe im Schiff der Klosterkirche Loccum.

Zudem fehlt bei Energiesparlampen, Leuchtstofflampen und LEDs jegliche Möglichkeit des echten Dimmens. Zwar lässt sich bei einigen die Lichtmenge herunterregeln, die Lichtfarbe aber bleibt immer gleich. Das gedimmte warme Licht wie bisher bekannt, gehört somit der Vergangenheit an (Es gäbe zwar die Möglichkeit, diesen Effekt bei LEDs durch die Mischung unterschiedlicher Farben bei den Leuchtmitteln zu erreichen - Lichtplanerin Kreuz vermutet allerdings, dass die technische Entwicklung dafür aufgrund mangelnder Marktnachfrage nicht in Angriff genommen wird). Dafür wiederum bieten LEDs in verschiedenen Farben generell die Möglichkeit, mit farbigem Licht in bestimmten Bereichen des Kirchenraums zu experimentieren, mit Farbverläufen Atmosphäre zu schaffen oder zum Beispiel den Altarhintergrund in der jeweiligen liturgischen Farbe erstrahlen zu lassen.

Die häufig als Ersatz für die mittlerweile vollständig verbotenen klassischen Glühlampen herangezogenen "Halogen Eco"-Leuchtmittel eignen sich auch nicht für jede Leuchte. Zwar ähneln sie äußerlich den alten Glühlampen sehr, der Kolben ist allerdings seit neuestem fünf Millimeter kleiner. Das hat zur Folge, dass sie zwar in die alten Fassungen passen, oft aber schlicht unschön darin aussehen, ähnlich wie ein Hals in einem zu großen Hemdkragen. Zudem gibt es Bestrebungen in der EU, auch diese Halogen-Lampen ab 2016 zu verbieten.

Und der Denkmalschutz?

"Ach, Sie müssen ja immer um jedes Loch im Gewölbe kämpfen" seufzt Eva-Maria Kreuz. Mit entsprechendem Sachverstand und Überzeugungskraft lassen sich die allermeisten Projekte aber dennoch zur Zufriedenheit der Gemeinden und der Denkmalpflege realisieren. Zumal die verschiedenen Denkmalpflege-Behörden auch ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen, wie die Erfahrungen der Architektin zeigen. Allerdings gilt auch in diesem Punkt generell: Am besten Unterstützung holen von Menschen, die zumindest die erste der beiden genannten Qualifikationen besitzen: Sachverstand. Damit auch in Ihrer Gemeinde irgendwann allen ein Licht aufgeht – und zwar das passende…!

Dieser Text erschien erstmals am 27. Februar 2013 auf evangelisch.de.

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