Staunen über das Abendmahl: Gottesdienst für Demenzkranke

Gottesdienst für Demenzkranke

Foto: Potocase

Sinnlich, lebensnah und einfach muss ein Gottesdienst sein, wenn Demenzkranke daran teilhaben sollen. Eine strenge, theoretisch orientierte Liturgie überfordert sie. Leider vermeiden viele Gemeinden deshalb eine gemeinsame Feier. Die Wiesbadener Pfarrerin Felizitas Muntanjohl dagegen berichtet von positiven Erfahrungen. Sie weiß sich auf die Kranken einzustimmen – und erfährt von einem ganz besonderen Glück.

"Ist es überhaupt richtig, Menschen mit Demenz zum Gottesdienst einzuladen?", wird die evangelische Altenheimseelsorgerin Felizitas Muntanjohl immer wieder gefragt. Ihre Antwort: "Es ist nicht richtig, Demente auszugrenzen!" Obwohl die Zahl der Erkrankungen stark zugenommen hat, ist Demenzseelsorge noch immer ein recht unbekanntes Feld.

Seit 15 Jahren bildet die Pfarrerin Gemeindemitglieder zu Prädikanten aus – Ehrenamtliche, die Gottesdienste halten dürfen – und seit fast zehn Jahren gibt sie ihre Erfahrungen aus der Alten- und Demenzseelsorge in Vorträgen und Büchern weiter. Sie registriert eine tief sitzenden Unsicherheit bei Pfarrern und Gemeinden. Die Erkrankten bleiben meist außen vor, wahrscheinlich aus einem diffusen Unbehagen heraus. Schließlich fürchtet sich jeder zweite Deutsche vor Alzheimer oder Demenz, so eine Studie des Forsa-Instituts von 2011.

Grund dafür mag die beklemmenden Vorstellung sein, selbst irgendwann die Kontrolle über den eigenen Körper, die Erinnerungen und am Ende das Ich einzubüßen. Tatsächlich ist es eine große Herausforderung, mit diesen Menschen umzugehen. Sie sind in ihren Reaktionen oft unverständlich – und mit Worten kaum zu erreichen. Besonders unter den Älteren ab 70 grassiert die Angst. Der ehemalige Leiter eines Kölner Seniorenhauses Wolfgang Allhorn redet vorsichtig von "großen Schwierigkeiten zwischen Dementen und 'geistig fitteren' Senioren zu vermitteln." Oft gebe es Beschwerden wie: "Ich bin extra in ein katholisches Haus gegangen, weil es hier eine Kapelle gibt, und jetzt kommen die Dementen und stören mich."

Allhorn sitzt im Fachbeirat der Katholischen Altenhilfe Deutschlands. Als Diakon hält er regelmäßig Demenzgottesdienste in Heimen, um im Kontakt mit dem Alltag dort zu bleiben. Genau wie Felizitas Muntanjohl tritt er für diese Seelsorge ein. Allerdings rät er, vorher zu bedenken: "Wie lange sollte die Feier dauern, welche Worte lösen vielleicht Angst aus, mit welchen sinnlichen Anregungen oder Ritualen erreicht man diese Menschen?"

Verstehen, was im Körper passiert

Um sie besser verstehen zu können, muss man wissen, was im Körper passiert - und sich natürlich auch mit dem jeweiligen Einzelschicksal auseinandersetzen. Mit fortschreitendem Abbau der Gehirnzellen werden immer mehr Bereiche des Denkens, Handelns und Fühlens lahmgelegt. Zunächst ist nur das Kurzzeitgedächtnis betroffen, in dem jüngste Erlebnisse gespeichert sind. Auf Kindheitserinnerungen, früh gelernte Regeln, Lieder oder ähnliches können demente Menschen am längsten zugreifen. Manche erinnern den Namen ihrer Kinder nicht, können aber Gebete und mehrere Strophen von Kirchenliedern auswendig.

"Die stören doch nur" – das hört auch Pfarrerin Muntanjohl oft. Wie leicht diese Haltung in offene Ablehnung umschlägt, erlebt sie tagtäglich, deshalb bietet sie sowohl Gottesdienste an, bei denen sie Demente integriert, als auch Extrafeiern für Teilnehmende mit und ohne Demenz. Ihre Grunderfahrung dabei: "Die Dementen sind so bedürftig nach Zeit, die man ihnen widmet. Wenn sie in den Gottesdienst mitkommen dürfen, scheint ihnen die Atmosphäre gut zu tun. Ich merke, wie sie sich durch die vertrauten Rituale entspannen – und die Pflegekräfte sagen oft zu mir, was haben Sie denn gemacht? Die sind ja ganz ruhig geworden?"

Mit dem mobilen Altar

Man müsse spielerisch auf sie zugehen, auch mal Ungewohntes ausprobieren oder sich auf eine aktuelle Situation einlassen", fasst die Seelsorgerin zusammen. Beispiel Abendmahl. Dafür besucht sie einige Altenheimbewohner regelmäßig mit dem mobilen Altar. Darunter auch eine alte Dame, nennen wir sie Frau Keller, die trotz ihrer Demenz großen Wert darauf legt, gut und schick angezogen zu sein. Die Pfarrerin hatte sich zwar auf die Begegnung vorbereitet, doch als sie dann bei ihr auf dem Bett saß, blitzte eine spontane Frage auf: "Was ist den heute am Altar besonderes?" – "Die rote Rose?" sagte Frau Keller sofort. "Ich antwortete: Genau! – Das ist eine Liebeserklärung von Jesus. Das hat ihr sehr gut gefallen."

Für die Berliner Krankenhauspfarrerin Geertje-Froken Bolle ermöglicht das Abendmahl "eine Erfahrung jenseits vom Verstehen der Wörter." In der Zeitschrift "Junge Kirche" schrieb sie 2010 unter dem Stichwort Spiritualität: "Und ich behaupte, dass die Bedeutung des Abendmahls – das Festhalten daran, dass eine gute und gerechte Welt möglich ist, die Erfahrung von Gemeinschaft, das Erleben, dass Schuld vergeben wird, die Erfahrung, dass an Gottes Tisch die Spaltung dieser Welt ein Ende hat (auch die Spaltung in Kranke und Gesunde) – auch für Schwerstdemente noch sinnlich erfahrbar werden kann."

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Seelsorger, die die Herausforderung bereits angenommen haben, bemühen sich also um intensive Begegnungen. Kreative Einfühlsamkeit ist eine gute Grundlage dafür. Sei es, indem sie am Karfreitag Taizélieder erklingen lassen, an Ostern gemeinsam eine Kerze entzünden, beim Abendmahl echtes Brot verteilen, oder Andachtszettel wie sie früher üblich waren. "Man muss es gewagt haben," sagt Felizitas Muntanjohl und schildert den berührenden Moment, als sie einer Frau das Abendmahl reichte, und diese mit staunender Freude fragte: "Für mich?!"