Fette Mode: Nicht dünn, sondern schön

Katrin Lange

Foto: Reizende Rundungen

Dicke Mädchen tragen keine Röcke? Die Bloggerin Katrin Lange pfeift auf solche Moderegeln.

Liegt Schönheit im Auge des Betrachters oder in der Macht der Modebranche? Muss man leiden, um gut auszusehen? evangelisch.de stellt im neuen Schwerpunkt die Frage: "Was ist schön?" Junge Bloggerinnen sagen: Auch fett kann schön sein. In ihren Modeblogs zeigen die selbsternannten "Fatshionistas", dass man Kurven nicht in Schlabber-Shirts und schwarzen Kleidern verstecken muss.

Dicke Mädchen tragen keine Kleider. Dicke Mädchen verstecken ihren Bauch in weiten T-Shirts. Dicke Mädchen zeigen ihre Beine nicht in Leggins. Früher hielt sich Katrin Lange mal an solche ungeschriebenen Modegesetze. Sie kaschierte ihre Figur, verzichtete auf die bunten Farben, die sie so gerne mag. Heute stellt die 22-Jährige Fotos von sich ins Internet, auf denen sie knallpinke Kleider und gepunktete Röcke trägt. Sie färbt ihre kurzgeschnittenen Haare rosa, wenn ihr danach ist. In ihrem Blog "Reizende Rundungen“ schimpft sie über langweilige "Tuniken des Todes", die landauf, landab in den Läden hängen.

Bloggerin Katrin Lange. Foto: Reizende Rundungen

Katrin gehört zu den deutschen Vorreitern unter den Plus-Size-Bloggerinnen: Frauen, die mehr oder weniger übergewichtig sind, ihre Figur nicht verstecken wollen und anziehen, wozu sie Lust haben. Katrins Modetipps lesen zwischen 400 und 1.000 Menschen pro Tag. In Deutschland sei Mode in Übergrößen oft dazu da, dicke Frauen zu verstecken, kritisiert die Studentin, die Kleidergröße 54/56 und am liebsten zerissene Strumpfhosen trägt. Sie könne zwar verstehen, dass dickere Frauen ihren Bauch kaschieren wollten. "Aber ich glaube, man kann eine Mischung finden. Klamotten, die einem selbst gefallen, ohne dass sie schreien: Guck mal, hier ist mein Bauch!“

Übergewichtige sind in der Modewelt selten

In den USA gibt es schon seit Jahren zahlreiche Modeblogs von kurvigen Frauen, die nichts von Regeln wie "Querstreifen machen dick“ halten. Die Amerikanerin Christina Lewis brachte in einem Interview mit der britischen Zeitung "The Guardian" das Motto vieler dieser Bloggerinnen auf den Punkt: "I don’t dress to look slim, I dress to look amazing" – "Ich trage keine Klamotten, in denen ich dünn aussehe, ich trage Klamotten, in denen ich toll aussehe.“

Die Modeindustrie entdeckt Frauen wie Katrin und Christina nur sehr langsam für sich. Als die stark übergewichtige Sängerin Beth Ditto 2010 für den Designer Jean-Paul Gaultier über den Laufsteg lief, sorgte das für Schlagzeilen. Normalität seien übergewichtige Frauen in der Modebranche noch lange nicht, sagt Ingrid Martin-Zick. Sie leitet die Modelagentur MOS, die nur mollige Frauen in der Kartei hat. Dass dicke Frauen genauso wie dünne mit ihrer Kleidung manchmal auffallen wollten, hätten nur wenige deutsche Modemarken verstanden, sagt Martin-Zick. "Dabei trauen sich gerade junge Mädchen heute mehr, zu ihrem Körper zu stehen – dem Internet sei Dank." Modeblogs, glaubt die Modelagentin, machen solchen Mädchen Mut. "Es ist toll, dass sich Frauen endlich dagegen wehren, dass die Modewelt nur bis Größe 38 geht."

Kein Problem mit dem Wort "fett"

Auch Sabina Vogt war mit ihren Einkäufen häufig unzufrieden. "Oft sah das Kleid am Model im Katalog gut aus und an mir wie ein gelber Sack." Auf ihrem Blog "Femme Fatale" macht die Hamburgerin ihrem Ärger über solche Fehlkäufe Luft und zeigt, wie es auch anders geht – etwa im blauen Kleid mit schwingendem Rock und Blümchenstrumpfhose. Ursprünglich ging es auf "Femme Fatale" nur um Make-up. Mittlerweile hofft Sabina, mit ihren Einträgen über Klamotten auch die Modewelt ein Stückweit zu beeinflussen. Täglich bekommt ihre Seite 500 bis 700 Klicks. "Darunter sind auch Firmen. Vielleicht ist irgendwann mal eine so mutig, ihre Kollektionen zu ändern."

Nicht nur Moderegeln, sondern auch Sprachgewohnheiten wollen die Bloggerinnen revolutionieren - etwa das Wort "fett". Viele von ihnen nennen sich selbst "Fatshionistas" – ein Wortspiel aus den englischen Begriffen "fat" (fett) und "Fashionista" (etwa: Modeliebhaberin). So soll das Wort von den negativen Attributen gelöst werden, die oft darin mitschwingen: Fett gleich faul und unattraktiv. Sabina hat heute kein Problem mehr damit, wenn sie jemand "fett" nennt. "Das ist eine Tatsache und eigentlich dasselbe, wie wenn ich zu jemandem sage: 'Du bist blond'."

"Femme Fatale" Sabina Vogt. Foto: privat

Nicht immer ging sie so selbstbewusst mit ihrem Übergewicht um. Die junge Frau mit den langen Schneewittchenhaaren hatte früher große Probleme, ihren Körper zu akzeptieren. Heute, mit 21, trägt Sabina Kleidergröße 58 und sagt: "Ich sehe keinen Grund, mich zu verstecken." Nach wie vor betrachtet sie ihren Körper nicht nur positiv, denn ihr hohes Gewicht bringt gesundheitliche Risiken mit sich – etwa Bluthochdruck, Diabetes oder Gelenkprobleme. "Das ist nichts, worauf ich stolz bin", sagt sie. "Aber ich akzeptiere mich heute sich so, wie ich bin. Ich musste lernen, mich nicht ständig zu verändern, nur weil die Gesellschaft mich verändert haben will."

Selbstbewusst im Bikini - mit Fettrollen und Cellulitis

Auch Modebloggerin Katrin hat früher mit ihrem Gewicht gehadert. Mit Kohlsuppendiät und Weight Watchers nahm sie immer wieder ab und danach immer wieder zu. Heute fühlt sie sich in ihrem Körper wohler als zu Zeiten, in denen sie 20 oder 30 Kilo weniger wog. Sie wolle niemandem vom Abnehmen abraten, betont sie. "Aber solange man das Gefühl hat: Ich muss abnehmen, nur weil ich dick bin oder weil die Gesellschaft das von mir verlangt, wird man immer unzufrieden sein."

Heute denkt Katrin sogar darüber nach, sich in ihrem Blog im Bikini zu zeigen. Auch beim Thema Bademode waren die Amerikanerinnen Vorreiter. Die Bloggerin Gabi Fresh startete das "Fatkini"-Projekt. Sie rief Leserinnen dazu auf, ihr Bikini-Fotos zu schicken und erhielt 31 Bilder von übergewichtigen Frauen, die selbstbewusst ihren Körper zeigen – inklusive Fettrollen und Cellulitis.

Katrin ist noch nicht sicher, ob sie ihre reizenden Rundungen auch so offen präsentieren will – schließlich sind Bikinifotos im Internet für Frauen jeden Gewichts nicht unbedenklich. "Auf der anderen Seite glaube ich, dass es bestimmt für viele Frauen toll wäre, das zu sehen", sagt sie. Bis zum August widmet sie sich ihrer Bachelorarbeit in Kommunikationsdesign und Werbung, danach will sie wieder mehr Blogeinträge schreiben. Es gibt noch viele Moderegeln zu brechen. "Dicke Mädchen tragen keine Bikinis" ist eine davon.