Der Pflegenachwuchs: Störenfriede mit klarem Blick

Der Pflegenachwuchs will an die Öffentlichkeit

Foto: Katharina Weyandt

1.000 Azubis aus der Diakonie diskutierten, wie sie morgen arbeiten wollen. Vor allem müsse man ihnen zuhören.

In Berlin tagte ein besonderer Diakonie-Kongress: 1.000 Auszubildende diskutierten, wie sie morgen arbeiten wollen. Vor allem wollen sie eines: Beachtet werden mit ihren Nöten und Problemen. Vorgesetzte, Politik und Gesellschaft sollen ihnen zuhören, und ebensowenig wie ihre Pflegepatienten wollen sie am den Rand der Gesellschaft stehen.

Tam-ta-tam-tam-tam! Mit Sambatrommeln marschieren am Dienstagabend 1.000 angehende Pflegekräfte zum Alexanderplatz in Berlin. Dort lassen sie viele bunte Luftballons steigen, neugierig beobachtet von den Passanten. Worum geht es da, fragen zwei Berlinerinnen. Martin rollt seine lila-blaue Diakonie-Fahne zusammen und erklärt: "Wir wollen für die Pflege eine Zukunft finden. Die wird stiefmütterlich behandelt, es gibt den Fachkraftnotstand, und da formulieren wir als Azubis unsere Wünsche, vor allem an die Politik."

"Und, wat würdet ihr euch wünschen?" kommt die Rückfrage. "Ich lerne Altenpflege, aber damit habe ich keinen international anerkannten Abschluss. Wir wünschen uns ein neues Modell, dass erst alle zwei Jahre gemeinsam die Grundlagen der Pflege lernen und sich dann spezialisieren, etwa auf Alte oder Kinder", verdeutlicht Martin.

"Dat find ich jut"! Hier erntet Martin volle Zustimmung, weil er gut argumentiert und auch, weil seine Gesprächspartnerin als Reinigungskraft bei Demenzkranken arbeitet und die Lage der Pflege aus eigener Anschauung kennt. Martin hat als Kongressteilnehmer in der PR-Gruppe geübt, die Forderungen seines Berufs selbst mit Bild, Ton und Text in die Öffentlichkeit zu bringen – weit mehr Azubis, als es freie Plätze gab, hatten sich dafür beworben.

EIn Ticket in die Zukunft für die Pflegehelden

An die Luftballons haben die jungen Leute "Tickets in die Zukunft" gebunden. "Wir sind Helden" heißt es da kurz und knapp, die Pflege will "eine neue Heimat in der Mitte der Gesellschaft finden". Sie will "intelligente Führung und faire Anerkennung im Geldbeutel". Gemeinsam veranstalten die diakonischen Fachverbände für die Krankenhäuser, die Alten- und die Behindertenhilfe zum dritten Mal solch einen Kongress.

Statt in den üblichen Workshops erarbeiten die jungen Erwachsenen in selbstgesteuerten "Open Space"-Foren während anderthalb Tagen ihr Manifest: "Wie wir morgen arbeiten wollen".

"Ihr kennt das, in Workshops traut man sich nicht, dann reden immer die Platzhirsche, erst in der Kaffeepause reden alle. Deshalb haben wir die Kaffeepause zum Kongress gemacht", erklären die Organisatoren. "Häuptling oder Indianer – der Weg vom Kollegen zur Führungskraft", "Sinn im Arbeitsleben", "Umgang mit Grenzsituationen", zu dreißig Themen sammeln sie, was "gar nicht geht" und wie es besser sein soll. Das erste Aha-Erlebnis vor den vielen Pinwänden: "Guck mal, denen geht's allen gleich, das ist unglaublich!" ruft ein Mädchen mit  rotblonden Locken, zum Pferdeschwanz gebunden. Zentrale Probleme und Lösungsideen kristallisieren sich heraus.

Eine Idee: Ein Pflegepraktikum für Politiker

Zum Beispiel erzählt in einer Runde auf Papphockern vor einer Pinnwand eine Pflegeschülerin, dass sie auf der Station so unterbesetzt waren, dass sie allein mit allen Patienten zurückblieb, als die examinierte Krankenschwester zu einem Herzalarm auf die Nachbarstation gerufen wurde. Und als sie der Pflegedienstleiterin angesichts der genauso knapp besetzten nächsten  Schichten das Problem berichtete, habe die gemeint, dass sie das vor zwanzig Jahren in ihrer Ausbildung auch bewältigt hätte.

Vor zwanzig Jahren, wo sich so viel seitdem verändert hat! Vorgesetzte, Ausbilder, aber vor allem auch Politiker sollten unbedingt Pflichtpraktika in der Pflege machen, und zwar länger als nur einen Tag, ist der dick unterstrichene Lösungsvorschlag. Und die Praxisanleiter und Mentoren sollten Zeit für sie haben, und auch mal sagen, wo ihre Schüler und Schülerinnen etwas gut gemacht haben.

Wie massiv sich ihr Beruf verändert hat und verändern wird, das vermittelte in einem der wenigen Plenumsvorträge auch Professorin Christel Bienstein, frisch gewählte Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Krankenpflege (DbfK). Dass kalte Umschläge gut gegen Schwellungen sind oder ein Verband täglich gewechselt werden muss – das hält den Erkenntnissen der Pflegewissenschaft nicht stand, verkündete sie. Ein Problem für den Nachwuchs, wenn er sich auf der Station solchen Anweisungen unterordnen soll.

Störenfriede mit klarem Blick

"Seid Störenfriede mit klarem Blick!" ermutigte Pfarrer Matthias Dargel von der Theodor-Fliedner-Stiftung die jungen Leute in einem Podiumsgespräch. Sie werden dringend gebraucht, aber fühlen sich im Alltag nicht entsprechend wertgeschätzt, wie zahlreiche Stimmen zeigten. 70.000 Ausbildungsplätze gibt es zurzeit im pflegerischen und heilpädagogischen Bereich, rechnet die Pflegewissenschaftlerin Bienstein vor. Das bedeutet, dass schon jetzt zur Bedarfssicherung 15 Prozent Ausbildungsplätze fehlen und sich diese Zahl bis in fünf Jahren auf 30 Prozent erhöhen wird. Damit die Pflege im Wettbewerb der Gesundheitswirtschaft nicht untergeht, muss sie für sich kämpfen, rief Bienstein auf. Bisher wenige Hände hoben sich auf die Frage, wer schon Mitglied in einem Berufsverband sei. Mehr waren es, die es zumindest überlegten.

Zum Auftakt des Kongresses hatten die Veranstalter, der Deutsche Evangelische Krankenhausverband (DEKV), dem Bundesverband evangelische Behindertenhilfe (BeB) und dem Deutschern evangelischen Verband für Altenarbeit und Pflege (DEVAP) gemeinsam mit dem Diakonischen Werk der EKD die Kampagne "Ausbilden: Jetzt!" gestartet. Schirmherrin ist die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Sie forden unter anderen von den Bundesländern, mehr Ausbildungsplätze zu genehmigen. Das "Ticket in die Zukunft" an den bunten Luftballons enthält eine Einladung zum Mitdiskutieren auf Facebook, gültig bis zur Bundestagswahl 2012.