Die Verklärung der DDR und die Sprachlosigkeit der Eltern

3. Generation Ost

Foto: Anne Kupke

Noch am 3. Oktober 1989 schrieb Anne Kupke mit ordentlicher Schrift in ihr Schulheft: "Am 7. Oktober 1949 wurde die Deutsche Demopkratische Republik gegründet." Bei der Flagge vergaß sie allerdings Hammer und Zirkel...

Die Erinnerung an die DDR ist vor allem von Trabis, Mufutis, langen Schlangen und den jubelnden Berlinern beim Mauerfall geprägt - eben vom Klischee. Aber für viele Deutsche ist die Erinnerung an den ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat noch lebendig. Auch für die, die noch in der DDR geboren wurden, aber nach der Wende erwachsen wurden. Sie haben ihre Schulzeit noch im ostdeutschen Sozialismus erlebt und haben in der westdeutschen Sozialdemokratie ihren Schulabschluss oder ihre Ausbildung gemacht. Sie nennen sich "3te Generation Ost" und wollen vor allem eines: mit ihren Eltern reden.

Neulich hat Anne Kupke alte Grundschulhefte gefunden. 3. Oktober 1989, einen Monat bevor die Mauer fallen sollte, da war im Arbeiter-und Bauernstaat die Welt zumindest im Schulunterricht noch völlig in Ordnung. Anne war damals sieben Jahre alt und die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag liefen auf Hochtouren. Ganz im Sinne der Partei malten die Grundschüler Bilder zum Staatsakt. Zwei Flaggen sind auf Annes zu erkennen, die sowjetische für den Freund im Osten und die eigene. Die DDR-Fahne, schwarz-rot-golden, nur – und das ganz sicher nicht im Sinne der Partei – vergaß die kleine Anne den Hammer und den Zirkel in ihrer Zeichnung. Der resolute Lockenkopf lacht: "Ich habe die ganz oft so gemalt als Kind und komischerweise nie Ärger bekommen."

Kupke ist Historikerin und sie ist Mitglied bei der Initiative "3te Generation Ostdeutschland", einer Gruppe junger Ostdeutscher in Berlin, die zwischen 1975 und 1985 geboren sind und die damit einen gemeinsamem Erfahrungshintergrund haben. Sie waren in der Schlussphase der DDR Kinder und Teenager und wurden im wiedervereinigten Deutschland erwachsen. Der aktive Kern der 3ten Generation Ost besteht aus rund 30 Leuten. Die Lebensläufe der Mitglieder sind ganz unterschiedlich. "Manchmal ist es gar nicht mehr als ein Gefühl, die Erfahrung des Umbruchs, die man teilt", so Kupke. Man sei ein "heterogener Haufen ohne politische Agenda".

Es gibt kein fest umrissenes Programm, jeder kann sich nach seinen Interessen einbringen. Aber es gibt Fragestellungen, die die Gruppe beschäftigen, wie zum Beispiel die Frage nach dem Diskurs über Ostdeutschland in den Medien, der hauptsächlich von westdeutschen Entscheidern geprägt und nach wie vor voll von Stereotypen sei. Vor diesem Hintergrund will die 3te Generation Ost einen längst überfälligen Dialog anstoßen. Nämlich den zwischen den Eltern, der zweiten Generation, die in der DDR ihre hauptsächliche Sozialisation erfahren hat, und sich selbst.

Es ist nicht normal, dass Eltern und Kinder über die Vergangenheit reden

Auf den Netzwerktreffen der Gruppe merke man, so Kupke, dass es nicht normal sei, dass Eltern und Kinder miteinander über die Vergangenheit reden. Anne Kupke ist 1982 in Halle an der Saale geboren und in einem evangelischen Umfeld aufgewachsen. Die Mutter im zweiten Bildungsweg zur Gemeindepädagogin ausgebildet, nachdem ihr die Apothekerlaufbahn verwehrt wurde, der Vater Aktivist in der sogenannten Ökologischen Arbeitsgruppe, unter dem Dach der Kirche.

Anne Kupke am Tag ihrer Einschulung. Foto: privat

Sie selbst sagt, dass sie wohl eher zu der Ausnahme gehöre in der Initiative, weil bei ihr im Elternhaus immer viel geredet wurde. Vor der Friedlichen Revolution und auch danach, als der Vater die neue politische Freiheit auskostete und seine Tochter auf Plakatklebeaktionen mitnahm.

Etwa 50 sind dieses Mal zum Netzwerktreffen in das Berliner Kulturhaus Collegium Hungaricum gekommen. Aus Anlass des 9. November wird der Dokumentarfilm "Als die Mauer fiel – 50 Stunden, die die Welt veränderten" gezeigt. Es sind nicht wenige Stellen im Film, die das Publikum auch aufgrund ihrer unfreiwilligen Komik zum Lachen bringen. Zum Beispiel ein US-amerikanischer Reporter, der vor dem Brandenburger Tor steht und die Bilder von unkoordiniert eingesetzten Wasserwerfern mit den Worten kommentiert: "So feiern die Berliner den Fall der Mauer!" Oder die Aussage des Grenzpolizisten, der seinen 9. November mit viel Zivilcourage beschließen wird, aber zunächst von seinem unterbrochenen Abendbrot erzählt. Kein Pathos, keine Nostalgie, nur das befreiende Lachen einer dritten Generation Ostdeutscher, die ihr Recht auf eine eigene Erinnerung einfordert.

Je länger die DDR zurückliege, desto mehr würde sie verklärt, sagt Kupke, die heute im Bundestag für einen Abgeordneten arbeitet. Schulbildung, Kinderbetreuung, Emanzipation – das seien die typischen Themen die man zur Mythologisierung immer wieder heranziehe. Ihre Erfahrung der DDR ist anders: "Wer saß denn im Politbüro? Die Frauen haben gearbeitet und den Haushalt gemacht. Und in meinen alten Schulheften zur Heimatkunde finde ich fast ausnahmslos gemalte Soldaten mit Waffen, Ernst Thälmann und rote Flaggen. Das war war total politisch in der ersten und zweiten Klasse."  Das sind die Erfahrungen, die Kupke einbringt in die 3te Generation Ost.

Ein ganz anderer Erfahrungshorizont ist der von Matthias Liebner. Der 34-jährige ausgebildete Psychoanalytiker gehört zu denen, wie er selbst sagt, die sich von der bestehenden Initiative angesprochen gefühlt haben. Auch für ihn ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung wichtig. "Jetzt merken wir, dass da etwas fehlt in unserer Erinnerung, unserer Identität, und um diese Lücken zu füllen, müssen wir das Schweigen zwischen den Generationen brechen." Im gemeinsamen Erinnern liegt für ihn der Schlüssel, um zu erkennen, wo man selbst noch mit der Ideologie, vielleicht unwissentlich, verbandelt sei und um das zu verhindern, was es in der deutschen Geschichte schon einmal gab: Die "Dethematisierung" der Vergangenheit.

"Was bleibt?" Das war die große Frage

Ist das Böse der Vater des Guten, bleiben Zweifel an den Nachkommen, sagt Liebner. Aufgewachsen ist er am nordöstlichen Rand von Brandenburg. Seine Eltern haben des Dritte Reich noch als Kinder miterlebt und sind selbst in einer sprachlosen Zeit erwachsen geworden. Als die DDR zusammenbrach, brach zugleich auch die Idee der Eltern für ihren Sohn zusammen. "Meine Eltern haben überlegt, ob ich zur Firmung oder zur Jugendweihe gehen soll. Auf einmal stellte sich die Frage nicht mehr wirklich."

Heute empfindet er den politischen Umbruch als eine Zeit der Pubertät, in der nicht nur er selbst steckte, sondern auch seine Eltern. "Das hatte zur Folge, dass ich dieses Infrage stellen, was jede Jugend in jeden System macht, nicht mit meinen Eltern inszenieren konnte."

"Für mich ist der Begriff Unrechtsstaat eine Floskel", erklärt Liebner. "Ich habe doch als Kind kein Unrecht erlebt in der DDR. Auch wenn ich das heute als Erwachsener nicht mehr bin, war ich damals voll identifiziert mit den Werten Solidarität, Völkerfreundschaft und dem Kampf für Frieden und Gerechtigkeit." Die DDR wurde nach '89 zur Unperson erklärt. "Was bleibt?" das war die Frage für viele damals. Und dann kamen die Missionare, die Gebrauchtwagenhändler und die Zeitschriftenabos. An vielen Enttäuschungen habe man das System West erst lernen müssen. Eine Gewinnerideologie war das nur vermeintlich, so Liebner. Sie sei eben übriggeblieben, nachdem das eigene System implodiert sei. Dass der Diskurs nur aufgeschoben wurde, könne man jetzt an der aktuellen Krise gut erkennen.

Der Klassenfeind von innen?

2011 organisierte die Gruppe eine Bustour durch Ostdeutschland, um an Schulen und anderen Orten ins Gespräch zu kommen. Mit der zweiten Generation und mit einem Teil der immerhin 2,4 Millionen Menschen, die zur dritten Generation gehören. Anne Kupke erinnert sich an ein eindringliches Erlebnis. Eine Referendarin hatte nach Halle in eine Schulklasse eingeladen.

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Erst hinterher erfuhren Anne und ihre Mitstreiter, dass es im Vorfeld große Diskussionen über den Besuch gegeben hatte. Der Klassenlehrer selbst wollte die 3te Generation Ost nicht einladen, zu große Vorbehalte. Er kannte auch Kupkes Vater, den Oppositionellen. Und dass sie es nur wissen, habe er zur Referendarin gesagt: Ich stand '89 auf der anderen Seite und ich hätte geschossen. "Und der Typ war keiner, der kurz vor Rente stand, das hat mich schockiert." Für Anne Kupke sind solche Erlebnisse ein Grund, sich weiter zu engagieren.

Der 9. November 1989, der Tag des Mauerfalls, ist für Kupke und für Liebner eine Zäsur in ihrem Leben, an der sie sich zeitlebens reiben werden. Er ist Teil ihrer Identität, auch wenn sie selbst gar nicht zu den ersten gehörten, die über die Grenze gingen. Auch wenn nicht nur dieser Tag, sondern die Ereignisse vorher, die Demonstrationen und die politische Unruhe, bereits den Zerfall des Alten andeuteten. Für beide ist die erste Fahrt nach West-Berlin das, woran sie sich besonders erinnern, wenn man sie nach damals fragt. Anne Kupke erwähnt die bunten U-Bahnhöfe und die exotischen Blumen. Und Liebner den heißen Tee am Grenzübergang - und die Bananen. "Aber hier ist vielleicht die allgemeine Erinnerung zu meiner eigenen geworden", sagt er nachdenklich. Was bleibt? Darüber bleibt zu diskutieren.