Frisch vom Feld in den Kochtopf - Solidarische Landwirtschaft

Zum Welternährungstag hat evangelisch.de den Birkenhof in Egelsbach bei Darmstadt besucht.
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Foto: Anika Kempf

Jeden Dienstag holen die "SoLaWis" ihr frisches Gemüse in Egelsbach ab.

Wer weiß heute eigentlich noch, was wann auf unseren Feldern wächst? Für viele mag vielleicht noch die Spargelsaison ein Begriff sein, aber dann hört es mit dem Wissen über Landwirtschaft meistens auch schon auf. Den Anbau des eigenen Gemüses zu planen und im Voraus zu bezahlen - das ist für die meisten ein ungewöhnlicher Gedanke. Auf einem Bauernhof in Hessen funktioniert das gut.

"Solidarische Landwirtschaft" heißt das Konzept, dass in den 1960er Jahren in Japan entstanden ist, in den USA weiterentwickelt wurde und nun auch bei uns angekommen ist. Es bedeutet, dass sich eine Interessengemeinschaft langfristig mit einem Hof verbindet und durch monatlich festgelegte Beiträge die jährlich anfallenden Kosten vorfinanziert.

Die Landwirte bekommen so Planungssicherheit und sind darüber hinaus in der Lage viele verschiedene Gemüse-, Getreide- und Obstsorten anzubauen. Sie müssen sich nicht spezialisieren, um im Wettbewerb auf dem globalen Markt mithalten zu können. Die Mitglieder der Solidargemeinschaft erhalten dafür einen Anteil an der Ernte und bekommen so nicht nur frische Nahrungsmittel zu einem günstigen Preis, sondern wissen auch unter welchen Umständen und von wem diese angebaut wurden.

Aller Anfang ist schwer

In der Theorie hört sich das machbar an. Dass es in der Praxis schwierig sein kann, solch ein Projekt zu starten, weiß Ev Bischoff, die Initiatorin von "SoLaWi Darmstadt". Vor zwei Jahren hörte sie das erste Mal von Solidarischer Landwirtschaft, aber es dauerte lange bis sie einen Hof gefunden hatte, der mitmachen wollte. 60 Betriebe schrieb sie an und bekam nur Absagen. "Da war im Grunde wenig Begeisterung", erzählt Bischoff von den Startschwierigkeiten.

Initiatorin Ev Bischoff. Foto: Anika Kempf

"Es gab ganz viele Aussagen wie 'Hallo, ich habe mich jetzt spezialisiert, auf Energiepflanzen oder Spargel und Erdbeeren - eure Vorstellung mit heterogen und diversifizieren, da kommen wir einfach nicht zusammen.'" Schließlich stieß sie aber bei Irmtraud und Arno Eckert vom Birkenhof bei Egelsbach auf großes Interesse.

"Ich finde es schwierig, dass die Leute immer mehr den Bezug zur Landwirtschaft verlieren, zur Natur und dem was draußen wächst", erklärt Arno Eckert. "Das ist zum einen für die Leute schade, aber auch für unsere Kultur gefährlich. Für mich liegt in der solidarischen Landwirtschaft die Chance, dass sich wieder mehr Leute damit befassen."

Tatsächlich wollen immer mehr Leute wissen, woher denn ihr Essen genau kommt. Auch für Ev Bischoff war das die Motivation, die SoLaWi Darmstadt ins Leben zu rufen "Ich selber wollte mich auch verstärkt regional ernähren, und für mich selber als ahnungslose Verbraucherin auch saisonal kapieren, was wächst wann im Acker."

"Das musst du dir jetzt überlegen"

Arno Eckert erklärt, dass die Idee von solidarischer Landwirtschaft auch die Verbraucher vor eine neue Verantwortung stellt und Umdenken erfordert. Auf einer der ersten Versammlungen fragte er interessierte Mitglieder, was er anbauen solle. "Keine Ahnung" habe er als Antwort bekommen, die Leute seien vom Einkaufsverhalten im Supermarkt ausgegangen – hingehen, schauen was dort liegt und kaufen. "Da habe ich gesagt, das funktioniert hier nicht", erinnert sich Eckert. "Da muss mindestens ein Vierteljahr vorher ausgesät werden, damit du das dann essen kannst und das musst du dir jetzt überlegen. "

Reiche Ernte. Foto: Anika Kempf

Das langfristige Vorausplanen scheint auch die größte Hürde zu sein, die zahlreiche Interessierte noch daran hindert, bei der SoLaWi Darmstadt festes Mitglied zu werden. Knapp 30 Leute machen bisher mit, 120 könnte der Birkenhof versorgen. Einmal die Woche treffen sich die Mitglieder auf einem Wagenplatz, um ihr erntefrisches Obst und Gemüse abzuholen. Junge Familien sind dabei, genauso wie Studenten und Rentner.

Ulrike Bauer ist seit der ersten Ernte-Lieferung im Mai mit dabei und sieht sich angesichts der Landprodukte vor neue Herausforderungen gestellt: "Das Problem im Moment ist, dass wir zu viel Gemüse haben und ich weiß gar nicht wohin damit. Ich muss also ziemlich viel konservieren und das muss sich erst noch einlaufen." Früher hat sie zwei bis dreimal die Woche gekauft, worauf sie Lust hatte. Jetzt muss sie das verwerten, was sie bekommt. Aber Ulrike Bauer stellt sich der neuen Aufgabe – sie koche jetzt mehr als früher und gibt außerdem ihrer Nachbarin von ihrem Ernteanteil ab.

Eiszapfen kann man essen!

Auch die Studenten Maren und Stefan sind mittlerweile überzeuge "SoLaWis". Selbst wenn es mal eine Woche gleich ein Kilo Bohnen gibt oder wie dieses Mal sogar für jeden einen ganzen Kürbis, ist insgesamt die Vielfalt an Gemüse doch größer, meinen die beiden. "Wir lernen hier manchmal auch Gemüsesorten kennen, von denen wir vorher noch nie was gehört haben, wie zum Beispiel diese Eiszapfen. Die kannten wir vorher noch nicht", erzählt Maren.

Auf jeden Fall soll auf der Vollversammlung im November das nächste Wirtschaftsjahr geplant werden – und vielleicht stoßen bei der Gelegenheit ja auch noch ein paar neue"SoLaWis" dazu.