Twittergottesdienst: "Die sitzen alle mit Laptops da"

Hanno Terbuyken/evangelisch.de

Die Twitterwall beim Twittergottesdienst zum Relicamp 2012 in Frankfurt.

Wer im sonntäglichen Gottesdienst sein Smartphone zückt, wird meist kritisch beäugt. Das Handy hat im Gottesdienst nichts zu suchen. Meistens jedenfalls. Denn in der Kirchengemeinde Frieden und Versöhnung im Frankfurter Gallusviertel durften am Sonntag die Handys anbleiben. Sie sollten es sogar, denn die Gemeinde feierte einen Twittergottesdienst.

"Ey, die sitzen alle mit Laptops da!" Für die Konfirmanden der Kirchengemeinde Frieden und Versöhnung im Frankfurter Gallusviertel war das das erste Zeichen dafür, dass an diesem Sonntag etwas anders sein würde als sonst. Das Licht des Beamers strahlte an die Kirchenwand. Mit ausgebreiteten Armen schien die Jesusfigur hinter dem Altar die Twitterwall beinahe zu tragen.

"Twitterwall" – für die meisten der Gemeindemitglieder, die am Sonntag "Rogate" in die Kirche gekommen waren, war das ein neues Wort. Eine Twitterwall ist eine kleine Webseite, auf der automatisch Tweets auflaufen – die bis zu 140 Zeichen langen Kurznachrichten, die Menschen über Twitter in die Welt schicken. Die kann man an die Wand projizieren. Aber von alleine füllt sie sich natürlich nicht.

Da kommen die Menschen mit den Laptops wieder ins Spiel. In der ersten Reihe der schlicht-schönen Versöhnungskirche sitzen sie und tippen fleißig. Ihre Aufgabe ist, die Liturgie des Gottesdienstes auf Twitter zu spiegeln. Alles, was die beiden Pastoren Nulf Schade-James und Ralf Peter Reimann tun und sagen, haben sie vorher aufgeteilt und auf 140 Zeichen reduziert, damit es auch auf Twitter passt. Natürlich sprechen sie nicht Stakkato-Stil im Gottesdienst. Wer aber den "Twigo" – die Abkürzung für "Twittergottesdienst" - von außen mitverfolgt, bekommt auf diese Weise alles mit. Und kann im Gegenzug von außen selbst twittern.

Nur Worte => Extremer Protestantismus?

Auch diese Nachrichten erscheinen dann auf der Twitterwall in der Kirche. Wer da nur mitliest, hat natürlich nur die reinen Worte. "Die Atmosphäre, für die viele einen Gottesdienst besuchen, fehlt. Nur Worte => Extremster Protestantismus", so fasste es @latent_de auf Twitter zwischendurch zusammen. Die Gemeinde in der der Versöhnungskirche liest mit. In der Kirche ist die Atmosphäre da, schließlich ist dort mehr als nur Wort. Es wird gesungen, geklatscht, gefreut, gebetet. Gemeinsam.

Gemeindepastor Nulf Schade-James und Pastor Ralf Peter Reimann beim Twittergottesdienst unter der Twitterwall.

Aber Gemeindepfarrer Nulf Schade-James kann die Kritik an der Textlastigkeit verstehen: "Es ist eine sehr kalte Form des Gottesdienstes", sagt er im Anschluss. Jeden Sonntag könnte er sich das nicht vorstellen, "weil die persönliche Nähe zu den Menschen fehlt", sagt er. Aber Schade-James sagt auch: Bei den Fürbitten funktioniere das mit der Twitterwall sehr gut. "Fürbitten aus der Gemeinde und aus aller Welt, das ist sehr schön".

Denn die Gemeinde – auf Twitter und in der Kirche – ist auch ohne Smartphone dicht dabei. Orte und Zeiten, wann sie beten, dürfen die Gottesdienstbesucher auf  Karteikarten und per Twitter selbst beisteuern. Konfirmanden gehen durch die Kirche und sammeln die Zettel ein, die dann vom Twitter-Team digitalisiert werden. Gleichzeitig aktualisiert sich die Twitterwall über dem Altar immer wieder mit neuen Beiträgen von außen. Die Gemeinde schaut immer wieder hin, Alt und Jung lesen gleichermaßen mit, auch wenn nicht alle in den hinteren Reihen die vielen Beiträge erkennen können.

Berührende Fürbitten

Bei den Fürbitten wird es dann berührend. Es wird viel gebetet und gebeten, schließlich ist der Sonntag "Rogate" – "Betet". Für alle Mütter am Muttertag, für die Nachbarin und ihren schwerkranken Mann, für die Opfer, deren Namen auf den Stolpersteinen stehen, die jüngst im Gallusviertel verlegt wurden. Aber auch "für alle, die heute zum ersten Mal Muttertag ohne ihre Mutter begehen müssen".

Dass die Konfirmanden da sind, merkt man auch: "Für die Eintracht" wird da gebetet. Aber nicht nur. Die Twitterwall kann ihre Aufmerksamkeit halten, sie dürfen ihre Telefone ungemahnt benutzen – das funktioniert, das merkt man. Auch bei den älteren Gottesdienstbesuchern ist viel Wohlwollen da. "Ich find es net schlecht, mal zu sehen, dass man es auch so machen kann", reflektiert eine der älteren Damen nach dem Gottesdienst. Ihre Sitznachbarin zeigt sich fasziniert, was mit Internet und Computern alles geht. "Manchmal wünschte ich, wir wären später geboren", sinniert sie.

Im Vorfeld, erzählt Gemeindepfarrer Schade-James, habe die Gemeinde viel diskutiert, was so ein Twittergottesdienst denn sei, besonders die Älteren. "Die Konfis wussten gleich, worum es geht." Das Experiment Twittergottesdienst ist jedenfalls geglückt – vielleicht nicht als alltägliche Form, aber doch als eine von vielen Möglichkeiten, mit einem Gottesdienst mehr Menschen zu erreichen und über die Kirche am Sonntag hinaus ausstrahlen zu lassen.

Bist du getauft? Dann gehörst du zu den #70prozent

Am Ende meldete sich das Relicamp 2012 noch mal zu Wort, von dem der Twittergottesdienst ausging: "Bist du getauft? Dann gehörst du zu den #70prozent" flickerte über die Twitterwall. Bei dem Barcamp, das den Anlass für den Twittergottesdienst geboten hatte, war die Idee entstanden, Christentum wieder positiv in die Welt zu tragen statt nur mit der Statistik sinkender Mitgliederzahlen. 70 Prozent der Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind getaufte Christen aller Konfessionen – da solle man sich nicht selbst kleinreden, dachten sich die Organisatoren, und schnell war 70prozent.org entstanden.

Auch in Deutschland stellen Christen eine Mehrheit. Zwar nur gut 60 Prozent, "aber wir sind viele", das war der Gedanke der Menschen, die sich nach dem Gottesdienst und weiterhin öffentlich bekennen. "Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater", heißt es bei Matthäus 10,32. Das wollen die #70prozent tun – auf Twitter, auf Facebook, in sozialen Netzwerken, im Alltag - überall.

Der Twittergottesdienst in der Versöhnungsgemeinde in Frankfurt war der Startschuss dazu. Analog, digital – egal, das hat der Gottesdienst gezeigt: Glauben zu bekennen und zu feiern hat ganz viele Formen. Manchmal eben auch mit einer von Christus getragenen Twitterwall an der Kirchenwand.