Protestanten am Fuße der Akropolis

Die deutschsprachige evangelische Kirche in Athen wird 175 Jahre alt
Akropolis in Athen

Foto: epd-bild/Joachim Gerhardt

Die Suche nach evangelischen Spuren in Athen fördert Erstaunliches zutage: einen frommen Olympia-Schirmherren, eine Bauhaus-Kirche und eine schöne Königin als protestantischen Star. An diesem Wochenende feiert die Athener Gemeinde ihren 175. Geburtstag.

In Griechenland gibt es nicht nur orthodoxe Christen: Die Evangelische Kirche Deutscher Sprache am Fuße der Akropolis feiert vom 13. bis 15. Oktober ihren 175. Geburtstag. Ein bemerkenswertes Ereignis, denn protestantisches Leben ist im orthodoxen Mutterland bis heute keine Selbstverständlichkeit.

Gegenüber des antiken Hadrian-Tors an der Königin-Amalie-Allee versammeln sich jeden Sonntag die griechischsprachigen Protestanten. Foto: epd-bild/Joachim Gerhardt

Nur geschätzte 30.000 von elf Millionen Griechen zählen sich zum protestantischen Glauben. Mittelpunkt ist die Christuskirche im Athener Nobelviertel Kolonáki, in den 30er Jahren die "Deutsche Kolonie". Die Gemeinde versteht sich als "Brückenbauer zwischen Protestantismus und Orthodoxie, zwischen Deutschland und Griechenland", sagt Pfarrer René Lammer. Und das gelte angesichts der angespannten deutsch-griechischen Beziehung derzeit besonders, urteilt er und wirbt für stärkeren Schuldenerlass und "mehr Verständnis für die griechische Situation".

Die "Evangelische Kirche Deutscher Sprache in Griechenland" ist so etwas wie die Mutter des griechischen Protestantismus: 1837 heiratete der aus dem bayerischen Königshaus Wittelsbach stammende erste griechische König der Neuzeit, Otto I., die oldenburgische Prinzessin Amalie. Und die war lutherisch und brachte einen evangelischen Hofprediger und Beichtvater mit. Fortan wurde evangelischer Gottesdienst in der Kapelle im Athener Stadtschloss gefeiert. Das Schloss am zentralen Syntagma-Platz ist neben der Akropolis heute wohl der bekannteste Ort in Athen, denn es ist seit 1934 Sitz des Parlaments.

Amalie, die Schöne

Der protestantische Star in Griechenland jedoch ist bis heute Amalie. Sie trägt den Spitznamen "die Schöne", denn sie sei die "hübscheste Königin des Landes" gewesen, heißt es. Ihr freizügiger Kleidungsstil setzte Trends, war für viele Frauen ein Zeichen der Emanzipation - und in den Gebieten Griechenlands, die noch zum Osmanischen Reich gehörten, auch der Provokation.

Auch der zweite griechische König, Georg I., war ein Protestant, übrigens 1896 Schirmherr der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen. Der fromme Georg besuchte, so Pfarrer Lammer, "jeden Gottesdienst, wenn er sich in der Stadt aufhielt".

Nach Amalie sind Städte benannt - Amaliada und Amaliapoli - sowie eine Hauptverkehrsstraße im Zentrum Athens, die "Leofóros Basilísis Amalías", die Königin-Amalie-Allee. Ihre Residenz nördlich der "Plaka", der Altstadt, ist heute das Stadtmuseum, das gerade grundsaniert wird.

Gleich um die Ecke, nicht weniger herrschaftlich, residierte ein weiterer bedeutender Protestant mitten im klassizistischen Athen: der Mecklenburger Pastorensohn Heinrich Schliemann. Der Troja-Entdecker ließ sich 1878 vom deutschen Stararchitekten Ernst Ziller ein Palais errichten, das heute ebenfalls Museum ist und ein lauschiges Jazzcafé im Garten beherbergt.

Ein Zeichen der Hoffnung

Von so viel Pracht können viele Protestanten heute in Athen nur träumen. Die deutschsprachige Gemeinde wird wesentlich getragen von Frauen, die mit ihren griechischen Männern von Deutschland vor Jahrzehnten nach Athen gezogen sind.

Der Eingang zur Christuskirche der deutschsprachigen Gemeinde im Athener Nobelviertel Kolonáki. Foto: epd-bild/Joachim Gerhardt

"Sozialarbeit ist ein wesentlicher Eckpfeiler unserer Gemeinde", sagt Friederike Führ. Die Anwältin ist im Vorstand des Seniorenheims "Haus Koroneos", das die Gemeinde unterhält und 40 älteren Menschen Platz und Pflege bietet. "Wir sind auf Spenden angewiesen und spüren die Wirtschaftskrise deutlich", sagt Führ. Sie erzählt von vielen "Härtefällen", die nach der jüngsten Rentenkürzung die Heimkosten kaum mehr aufbringen können.

Die kleine evangelische Gemeinde will mit Investitionen "Zeichen der Hoffnung" setzen, sagt Pfarrer Lammer. Auf dem Dach der Kirche ist in diesen Tagen eine Photovoltaikanlage installiert worden. Eine weitere auf dem Gemeindehaus wird folgen, griechische Unternehmen sind beauftragt.

Evangelische Nachbarn

Bemerkenswert ist die Christuskirche ohnehin schon: Erbaut zwischen 1931 und 1934 gilt sie als seltenes Exemplar sakraler Bauhaus-Architektur. Sie besitzt die größte Kirchenorgel Griechenlands. Ein wandgroßes Glasfenster zeigt zentrale Geschichten der Bibel wie die große Missionsrede des Apostel Paulus auf dem Marktplatz von Athen.

In der Vier-Millionen-Metropole Athen finden sich noch weitere evangelische Kirchen, darunter eine armenisch-evangelische und etliche pfingstlerische. An den Touristenwegen zur Akropolis liegt die "Evangeliki Ekklisía". Gegenüber des antiken Hadrian-Tors an der Königin-Amalie-Allee versammeln sich hier jeden Sonntag die griechischsprachigen Protestanten.

Die reformiert geprägte Gemeinde sieht sich in der Linie des griechischen Bibelauslegers Mihail Kalapothakis. Der publizierte 1858 das evangelische Magazin "Astir tis Anatolis" (Stern des Ostens), das bis heute erscheint. Die Gemeinde ist wie auch die deutschsprachige offiziell nur ein Verein. Denn die griechische Verfassung erkennt - mit allen steuerlichen Vorteilen - nur die orthodoxe Kirche als Kirche an.