Sieben Irrtümer über Blinde

Ein blinder Journalist klärt auf
Blinde Menschen haben es nicht immer leicht - auch, weil es einige Irrtümer über sie gibt!

Foto: Peter Atkins/fotolia

Blinde Menschen haben es nicht immer leicht - auch, weil es einige Irrtümer über sie gibt!

Heute, am 15. Oktober ist weltweit der 'Tag des weißen Stocks'. Ein guter Anlass, um ein paar weitverbreitete Irrtümer über Blinde richtig zu stellen. Der Journalist Keyvan Dahesch ist selbst von Geburt an blind, kennt viele blinde Menschen - und weiß, wovon er schreibt.

Blindheit ist eine schwere Krankheit! Das sollten zumindest die Patienten mit Herz- und Kreislaufproblemen glauben, die ich vor vielen Jahren als Physiotherapeut in einer Klinik auf der Halbinsel Mettnau am Bodensee behandelte. "Damit helfen Sie unseren Patienten, schneller gesund zu werden", sagte der Arzt. Im Vergleich zu einem Blinden, so sollten sie glauben, wären sie mit ihren Herzbeschwerden beinahe gesund.

Blindheit ist aber keine Krankheit - sondern das Fehlen eines der wichtigsten Sinne durch Krankheit, Unfall oder Gewalteinwirkung. Blinde Menschen können krank werden und müssen damit genauso fertig werden wie Sehende auch. Aber das sollte ich meinen Mitmenschen in der Klinik nicht erklären, empfahlen mir alle Ärzte - damit sie sich an mir aufbauen...! So gibt es noch viele weitere Irrtümer über Blinde und das Blindsein. Und es lohnt sich, ihnen zu widersprechen.

Irrtum 1: "Blinde sehen nichts"

Als blind gilt, wer gar nicht sieht oder ein Sehvermögen unter zwei Prozent hat. Tatsächlich haben also viele Blinde noch ein Restsehvermögen, mit dem sie hell und dunkel unterscheiden können, oder – bei bestimmten Erkrankungen – sogar noch lesen können, wenn sich die Blindheit auf ihr eingeschränktes Gesichtsfeld bezieht. Völlig Blinde berichten auch von Lichtern, die sie wahrnehmen, doch sind dies Reaktionen, die sich im Gehirn abspielen. Die Nichtsehenden können sich unter Farben kaum etwas vorstellen. Hingegen wissen jene, die allmählich die Sehkraft verloren haben oder mit einem kleinen Sehrest zur Welt gekommen sind, was die Farben ausmachen und in welcher Kombination sie am besten zusammen passen. Den komplett Blinden vermitteln Pädagoginnen und Pädagogen einen Eindruck über den Tastsinn von Farben. "Weiß ist ganz glatt, schwarz sehr rau“, wurde uns gesagt. Und Träume machen manches möglich: Menschen, die spät ihr Augenlicht verloren haben, sehen in ihren Träumen oft so, wie sie auch vorher gesehen haben.

Irrtum 2: "Blindsein ist die schlimmste Behinderung, die es gibt"

Es sind wohl unter den Blinden hauptsächlich die Späterblindeten, die das glauben. Doch belasten nicht andere Behinderungen die Betroffenen viel stärker? Zum Beispiel, wenn jemand vom Hals abwärts gelähmt ist oder wenn sich jemand nur noch über die Augenlider verständigen kann. Aber es soll hier gerade keine Rangordnung der "schlimmsten Behinderungen“ aufgestellt werden, das wäre zynisch!

Die amerikanische Schriftstellerin Helen Keller, die mit 19 Monaten in Folge einer Hirnhautentzündung gehörlos und blind wurde, empfand ihre Doppelbehinderung – wie sie in ihrem Essay "Meine Welt“ schreibt – gar nicht als schlimm: "Das Unglück, blind zu sein, ist unermesslich, aber es beraubt uns nicht unseres Anteils an den Dingen, auf die es ankommt: an Hilfsbereitschaft, Freundschaft, Humor, Phantasie, Weisheit.“

Irrtum 3: "Blinde gewöhnen sich an ihr Blindsein"

Wer, wie ich, nie gesehen hat, kennt nur diesen Zustand. Mit einer guten Schul- und Berufsausbildung kommt er oder sie gut durchs Leben. Dagegen werden Menschen, die durch Krankheit, Unfall oder Kriegsereignisse blind geworden sind, mindestens die ersten Jahre mit dieser Situation sehr schwer, ja manche auch gar nicht fertig. Verständnisvolle Angehörige und Freunde, sowie Hilfsmittel können erblindeten Kindern, Frauen und Männern wieder zu einem positiven Selbstwertgefühl verhelfen.

Irrtum 4: "Blinde hören besser"

Nicht per se. Es kommt immer darauf an, wann und wie der jeweilige Mensch erblindet ist und wie er gefördert wurde. Wer mit der Behinderung aufwächst und von klein auf lernt, statt seiner Augen, verstärkt seine Ohren, seine Nase und die Hände zu benutzen, kann tatsächlich mehr wahrnehmen als sehende Menschen. Das gilt auch für jene, die als Erwachsene ihre Sehkraft verlieren und in Reha-Kursen die Schulung des Gehör-, Geruchs- und Tastsinns lernen. Ich kenne aber auch etliche 'Gucklinge' – so nennen Blinde scherzhaft sehende Menschen – die mit Nase, Ohren und Händen deutlich mehr wahrnehmen als ich zum Beispiel, weil ich als Kind nicht die nötige Förderung hatte.

Irrtum 5: "Blinde legen keinen Wert auf ihr Äußeres"

Es gibt nichtsehende Menschen, die sehr eitel sind. Bei anderen ist das Gegenteil der Fall. Warum sollten Blinde auch keinen Wert auf ihr Äußeres legen? Schließlich sind ja nicht auch alle anderen Menschen blind - und die verschaffen sich auch von uns Blinden einen optischen Eindruck. Es gibt blinde Frauen, die sich schminken – in Kursen erfahren sie, wie das geht. Wenn ich Kleidung kaufe, nehme ich immer jemanden mit, auf dessen Geschmack ich mich verlassen kann. Und Blinde können auch Wert auf das Äußere anderer Menschen legen. Die Ehefrau des blinden Pianisten und Schlagersängers Wolfgang Sauer schilderte einmal, wie sie ihn in Marburg kennen gelernt habe: "Zweimal bot ich an, ihn über eine verkehrsreiche Straße zu begleiten. Er dankte freundlich und wollte es alleine bewältigen. Einige Tage später sagte ich ihm an dieser Stelle nur 'Guten Tag'. Gleich fragte er mich, ob ich ihn heute über die Straße begleiten  würde. Später nannte er auch den Grund für den 'Sinneswandel': Er hatte sich erkundigt, ob diese Dame nett aussähe und gut gekleidet sei.“

Irrtum 6: "Blinde können nur als Korbflechter oder Masseur arbeiten"

Diese These trifft spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg überhaupt nicht mehr zu. Zuvor waren viele Blinde als Korbflechter, Bürsten- und Besenmacher tätig. Heute können einige von ihnen diesen Beruf noch in Blindenwerkstätten ausüben – davon gibt es jedoch nur noch wenige. Es ist für Blinde schwierig, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, aber das liegt weniger an ihrer mangelnden Fähigkeit oder Bereitschaft, einen anspruchsvollen Beruf zu erlernen, als daran, dass sich viele Betriebe nicht auf blinde Arbeitnehmer einstellen können oder wollen. Nur 28 Prozent der Blinden im erwerbsfähigen Alter gehen tatsächlich einem Beruf nach.

Als der Blinde Hans-Eugen Schulze 1936 mit 14 Jahren in der Blindenschule in Soest mit der Ausbildung zum Korbmacher, Stuhlflechter und Bürstenbinder anfing, konnte er sich so ziemlich alles vorstellen, nur nicht, dass er 50 Jahre später mit vielen Ehrbezeugungen als Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe in den Ruhestand verabschiedet werden würde. Sein Werdegang zeigt, welche Fähigkeiten nichtsehende Menschen entwickeln können, wenn sie eine Chance bekommen: vom Handwerker über den Stenotypisten in der Justizbehörde, das Abitur in der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg, das Jurastudium, die Promotion, die Richtertätigkeit in Nordrhein-Westfalen bis hin zum Wechsel an den Bundesgerichtshof 1963! Zurzeit arbeiten in der Bundesrepublik mehr als 60 blinde Frauen und Männer als Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte. Etliche sind als Rechtsanwälte tätig. Die meisten Chancen haben qualifizierte Programmiererinnen und Programmierer sowie EDV-Fachleute.

Irrtum 7: "Blinde müssen doch wütend auf Gott sein"

Auch unter blinden Frauen und Männern gibt es solche, die nicht an Gott glauben. Außerdem hadern viele Gläubige – gleichgültig ob mit oder ohne Behinderung – in schwierigen Lebenslagen schon mal mit dem lieben Gott. "Warum gerade ich?“ Diese Frage stellen sie immer wieder. Ich machte eine andere Erfahrung, die mich beeindruckte: Vor meinem Studium und späteren Beruf arbeitete ich als Physiotherapeut in einer Klinik in Bad Nauheim. Eines Tages brachte unsere Oberschwester eine Dame zu mir und sagte: "Frau Meyer hat das gleiche Leiden wie Sie.“ "Ich leide nicht,“ sagte Frau Meyer fröhlich, "ich bin nur blind.“ Sie arbeite in der Werkstatt einer katholischen Einrichtung, erzählte sie. Beim Abschied wünschte ich ihr viel Glück und alles Gute. "Ich bin sehr glücklich“, erklärte sie: "Die Blindheit hat mir Gott als Prüfung auferlegt, und wenn ich zu ihm komme, habe ich sie bestanden!“