Buddhistische Achtsamkeit für Christen

Buddhismus

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In der Gegenwart leben, auf sich selbst und andere achten. Viele Christen fasziniert der angewandte Buddhismus. Sonntäglich veranstaltet das Europäische Institut für Angewandten Buddhismus (EIAB), ein buddhistisches Kloster im oberbergischen Waldbröl einen Achtsamkeitstag, zu dem auch Christen kommen. Sie glauben dort das zu finden, was christliche Kirchen ihnen nicht geben. Doch Buddhismus und Christentum passen nicht überall zusammen.

Für Außenstehende muss der Spaziergang seltsam aussehen: Eine buntgemischte Gruppe aus jungen Menschen, Erwachsenen, Senioren, alle für den Herbstbeginn gekleidet. Ein paar buddhistische Mönche und Nonnen in ihren langen, braunen Gewändern, Kapuzen oder Schals über die rasierten Kopfe gezogen. Und dann diese Stille!

Achtsames Gehen. Foto: Jana Hofmann

Die Gruppe geht schweigend. Bei der Gehmeditation sollen die Besucher des Achtsamkeitstags "glücklich sein" trainieren. Ein Mönch hat für die Neulinge vorher erklärt, was das bedeutet: Den Kontakt zur Welt und zur Erde finden, im Hier und Jetzt zu leben. "Das ist der Moment, an dem du aufwachst und die Welt entdeckst. Du siehst den blauen Himmel", sagt der kleine, vietnamesische Mönch auf Englisch. Er lächelt, die Teilnehmer nicken und erwiedern das Lächeln. Dann macht er vor, wie das aussieht, achtsames Gehen: Langsam setzt er die Füße bewusst auf. "Aus irgendeinem Grund haben wir die Tendenz zu leiden. Das ist falsch. Wir müssen üben, glücklich zu sein. Uns jeden Schritt sagen: 'Ich bin glücklich!'", erklärt er und strahlt. Hinter der rahmenlosen Brille leuchten seine Augen in die Runde. Dann setzt sich die Gruppe in Bewegung, langsam und ganz bewusst.

Sie versteht die Welt jetzt besser

Bei jedem Schritt glücklich sein und lächeln, das ist gar nicht so einfach. Bewusst sich, die Erde unter den Füßen und die anderen aus der Gruppe spüren. Einatmen, ausatmen. Es ist ungewohnt, langsam zu gehen. Entschleunigung.

Suvasa (links) und Gerlinde beim Achtsamkeitstag. Foto: Jana Hofmann

Gerlinde (49) und ihre Freundin, die sich den spirituellen Namen Suvasa ("Duft des Herzens") gegeben hat, nehmen regelmäßig am Achtsamkeitstag teil. Sie stehen vor dem grau-weißem Klostereingang - ein unauffälliger Altbau - und genießen die letzten Sommerstrahlen. Gerlinde kommt seit vier Jahren und sagt: "Ich bin zufriedener und nehme die Natur bewusster wahr." Sie blickt sich um und sieht die vielen Tannen und Bäume ringsum, lauscht dem Vogelgezwitscher. Manchmal gehen die Freundinnen Hand in Hand miteinander. "Gemeinsam ist die Meditation so schön, da habe ich Glückstränen in den Augen", erzählt Gerlinde. Die Augen der Freundinnen leuchten, direkt nach der Meditation sei das Glücksgefühl sehr stark.

"In Waldbröl habe ich endlich gefunden, was ich in der Kirche vergeblich gesucht habe", sagt Gerlinde. "Mein Leben ist einfacher geworden, seit ich hierher komme. Ich habe den Weg zu mir selbst gefunden." Sie verstehe die Welt und die Menschen jetzt besser und würde nicht mehr alles persönlich nehmen. Dann betreten die Freundinnen das Kloster schweigend, denn der nächste Tagespunkt ist das "Formelle Mittagessen" in Stille, bei dem jeder sich auf das, was er ißt, konzentrieren soll. "Achtsames Essen lernt man hier auch", erzählt Gerlinde später. Sie meint: Essen mit Genuss und Dankbarkeit.

"Der Atem ist ein Teil von mir"

Das buddhistische Kloster in Waldbröl gehört zur Strömung des angewandten Buddhismus, wie ihn der Vietnamese Thich Nhat Hanh, liebevoll "Thay" (vietnamesisch für Lehrer) genannt, praktiziert. In Frankreich steht das Mutterkloster Plum Village (Pflaumendorf), das Kloster in Waldbröl gründete Thich Nhat Hanh 2008. Seitdem bieten die mittlerweile 200 Mönche und Nonnen Achtsamkeitstrainings an. Außerdem können Gäste für eine Woche oder länger zu "Retreats" ins Kloster kommen und sich bewusst Zeit für ihre Achtsamkeit nehmen.

"Jedes Jahr kommen mehr Menschen", sagt Schwester Annabel, eine der wenigen europäischen Schwestern im Kloster. Bedächtig und vorsichtig spricht sie Deutsch, aber fehlerlos. Sie denkt genau über das nach, was sie sagt, nimmt sich Zeit für die Worte - achtsames Sprechen. Im Kloster heißt sie Schwester "Wahre Tugend". "Alle, die kommen, sind hier zufrieden. Sie spüren hier Freude." Achtsamkeit bedeute, im Hier und Jetzt zu bleiben. Das müsse man jeden Tag üben, damit die Achtsamkeit zur Gewohnheit werde. Und dieses Training bietet der sonntägliche Achtsamkeitstag. Wichtig sei auch der Start in den Tag mit einem Dharma-Vortrag am Morgen. Dazu versammeln sich Mönche, Nonnen und Teilnehmer in einem kleinen Raum.

Es riecht nach Räucherstäbchen und kleine goldene Buddha-Statuen stehen auf Tischen, Menschen sitzen auf dem Boden im Schneidersitz. Sie haben die Schuhe aus- und dicke Wollsocken angezogen und warten. Dann ertönt der Gong, eine Schwester stellt den Beamer und den heutigen Vortrag an. Thich Nhat Hanh hält seinen zweiten "Dharma-Talk" in Plum Village. Das Video ist auf den Sommer 2006 datiert. Im Video erklärt der Lehrer eine Atemübung, mit der alles Schlechte wie Stress ausgeatmet und alles Gute und positive Energie eingeatmet werden soll. "Der Atem ist ein Teil von mir, Atmen ist ganz einfach. Ich atme jeden Tag", erklärt Thich Nhat Hanh. Er lächelt, seine Zuhörer lachen leise. Im Raum ahmen die Menschen die Atemübung nach. Einatmen, ausatmen.

"Alle Menschen wollen alles schnell"

Im Video lächelt "Thay" viel, er spricht ruhig und vorsichtig, wählt die Worte ganz bewusst. Cindy hat ihn zum ersten Mal vor zwei Monaten in einem Video im Internet gesehen. Seitdem ist sie von seiner Auslegung des Buddhismus begeistert: "Es fühlt sich einfach richtig an!", sagt sie mit leuchtenden Augen. Die junge Frau bezeichnet sich als "Buddhistin im Herzen". Sie sitzt im Speisesaal, der wie eine Krankenhauskantine aussieht: Etwas karg, aber mit Bildern und Sprüchen an den Wänden. Cindy nippt an ihrer Tasse mit dampfendem Tee und scheint sich wohl zu fühlen, obwohl sie zum ersten Mal in Waldbröl ist. Sie sei zwar evangelisch getauft, aber die Kirche habe ihr nie etwas gegeben, erklärt sie achselzuckend: "Es mag zwar tolle Priester geben, aber aus den meisten Predigten konnte ich nie etwas ziehen."

Dass auch Christen an buddhistischen Trainings teilnehmen, ist nicht nur aus dem buddhistischen Zentrum in Waldbröl bekannt. Der Theologe Friedmann Eißler von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) kennt das Phänomen: "Viele integrieren die Übungen und Methoden in ihr Christsein", sagt der Referent für nicht-christliche Religionen. Bedenklich werde es, wenn Religionen nur als Werkzeuge und als austauschbar betrachtet würden. Das widerspreche dem christlichen Glauben, erklärt der Religionswissenschaftler. "Die religiösen Grundsätze spielen durchaus auch eine Rolle."

Schwester "Wahre Tugend" glaubt, dass jeder Mensch eine spirituelle Dimension in seinem Leben braucht. Nachdenklich blickt sie sich im Speisesaal um und betrachtet die Teilnehmer, die noch in Gruppen zusammensitzen und auf den nächsten Tagespunkt warten. "Das Materielle reicht nicht. Alle Menschen wollen alles schnell und wir nehmen uns keine Zeit für uns selbst, keine Zeit für die Natur. Wir denken immer nur an Arbeit", erklärt die Nonne. Leider fänden viele Menschen diese Spiritualität nicht mehr in den Kirchen.

"Ein ethisch-moralisches Missverständnis"

Das Interesse am Buddhismus zeige, dass Selbstwahrnehmung und Praxisbezug sehr wichtig genommen würden, sagt Friedmann Eißler. "Die Menschen suchen einen Erfahrungsbezug und wollen, dass ihre menschliche Erfahrung ernst genommen wird." In der Kirche werde zu oft vor allem der Kopf angesprochen, es müsse aber auch eine ästhetische Dimension geben. "Sie kommt auch vor, ist aber unterbelichtet", findet Eißler. Dies sei ein Defizit, dass die großen Kirchen ernst nehmen müssten.

Für eine spirituelle Auszeit kommt die Yogalehrerin Nadine immer mal wieder nach Waldbröl. Sie ist dezent geschminkt, die langen, blonden Haare hat sie streng zum Zopf gebunden. Dank Thich Nhat Hanh verstehe sie besser, was Spiritualität bedeutet. "Thay hat die Dreifaltigkeit einmal so gut erklärt, dass ich sie wirklich verstanden habe. Ich finde, Thay kann die christliche Lehre besser erklären als die christliche Kirche!" Ihre Augen blitzen halb spöttisch, halb mitleidig. Durch Thich Nhat Hanh habe sie gelernt, ihren Weg losgelöst von Religion zu gehen. Ihre Freundin Larissa nickt: "Es ist gleich. Buddha und Jesus sind gleich."

Aus christlicher Sicht muss Friedmann Eißler den beiden widersprechen. "Das ist ein ethisch-moralisches Missverständnis des christlichen Glaubens. Jesus ist nicht nur ein erleuchteter Lehrer, sondern Gottessohn und Erlöser. Er steht für Vergebung und Versöhnung, für die Überwindung des Bösen", erklärt er. Wenn es nach Thich Nhat Hanh geht, könnten Christen Christen bleiben und Menschen aller Glaubensrichtungen könnten von seinem Training profitieren. Eißler sieht dagegen in dem angewandten Buddhismus eine "religiöse Positionierung, die sich am buddhistischen Lebensweg und der Erleuchtung orientiert".