Missionsgeschichte: Alles andere als Feuer und Schwert

Basler Missionsbuchhandlung

"Gottesdienst in den Krobo-Plantagen (Goldküste)." BMA, ref.no QQ-30.027.0331

In Europa ist "Mission" heute ein heikler Begriff. Aber nur hier. Im Süden der Welt hat "Mission" einen guten Klang. Das hat zu tun mit Pioniertaten europäischer Missionare im 19. Jahrhundert. Etwa denen von der Basler Mission. Deren Archiv in der Schweiz ist eine wahre Schatzgrube. Eine Zeitreise anlässlich des "Geburtstags der Kirche" am Pfingstfest.

Unweit der Basler Altstadt, vom trutzigen Spalentor einige Meter stadtauswärts, steht ein wuchtiges Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Wer in dessen Keller hinabsteigt, findet sich wieder inmitten einer Schatzkammer: Hier steht wohlkonserviert das Archiv einer der einflussreichsten europäischen Missionsgesellschaften, der Basler Mission.

Es enthält zweitausend Laufmeter Akten, Fotografien und Landkarten, hunderte Bibeln und Grammatiken in 300 Sprachen aus aller Welt sowie 30.000 inzwischen digitalisierte Fotos von Missionaren aus Ghana, Kamerun, Ostafrika, Indien, Südchina und Indonesien.

Missionare: Brachial in Südamerika, lernbereit in China

Stolz zeigt Archivleiter Dr. Guy Thomas einige seiner Schätze: Eine Sammlung von Schellackplatten, die ein Panorama der ghanaischen Volksmusik aus den 1950er Jahre bieten. Eine Westafrika-Karte des britischen Geheimdienstes aus dem Jahre 1888. Daguerrotypien aus den 1850er Jahren, auf denen Missionare und Häuptlinge abgelichtet sind.

Und dann ein riesiger Atlas, der über hundert Jahre älter als die Basler Mission selbst: Fein säuberlich sind darin die Landschaften des alten China aufgezeichnet, garniert mit exotischen Bildern aus dem Reich der Mitte. Es handelt sich um die ersten Landkarten von China überhaupt. "Jesuiten-Missionare entwarfen sie für den chinesischen Kaiser", berichtet Guy Thomas, der auch Missionshistoriker an der Universität Basel ist.

"Anders als die katholischen Missionare, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Lateinamerika oft selbstherrlich und brutal auftraten, zeigten sich die Jesuiten lernbereiter: Sie interessierten sich für die Lebensweisen, Kulturformen und für die Spiritualität, die sie vorfanden."

Dänenkönig schickt deutsche Pietisten nach Indien

Während der Vatikan für die "Heidenmission" 1622 eine eigene Behörde schuf, die "Propaganda Fide", war von protestantischer Mission zunächst kaum etwas zu hören. Erst 1706 wurde die erste evangelische Weltmissionskampagne in Gang gesetzt: Im Auftrag des Königs von Dänemark, unterstützt vom Pietisten-Patriarch August Hermann Francke, segelte Bartholomäus Ziegenbalg nach Süd-Indien. In den Franckeschen Stiftungen zu Halle erinnert heute ein Kabinett mit exotischen Souvenirs an die bald weltweiten Einsätze dieser Dänisch-Halleschen Mission.

Archivleiter Dr. Guy Thomas. Foto: Martin Rothe

1732 begann dann die Mission der Herrnhuter Brüdergemeine, die unabhängig von der Obrigkeit operierte. Nach dem Vorbild der Urchristen entsandte sie Gruppen von Männern und Frauen in alle Kontinente, darunter auch Laien.

Von den Herrnhutern sprang der Missionsfunke nach England über. Auch die dortige Erweckungsbewegung nahm den Missionsbefehl ihres "Heilandes" ernst und zog hinaus in alle Welt, um den "Heiden" die Frohe Botschaft zu bringen. Das war auch als Wiedergutmachung für den Sklavenhandel der Kolonialmächte gemeint; viele Missionsbewegte engagierten sich für die Abschaffung der Sklaverei.

 

Württembergische Dörfler ziehen hinaus zu den Heiden

In den pietistischen Zirkeln württembergischer Dörfer las man begeistert von diesen Aktivitäten – und beschloss zu helfen. Gemeinsam mit Kaufleuten aus der Deutsch-Schweiz wurde 1815 die Basler Mission gegründet. In den folgenden Jahren wurde sie zum Vorbild für viele andere Missionsgesellschaften auf dem ganzen Kontinent.

In die Welt hinaus zogen überwiegend die württembergischen Dorfpietisten. Koordiniert und finanziert wurden sie von den Basler Geschäftsleuten. Das leitende "Missions-Collegium" in der Basler Zentrale war stets auf dem Laufenden über jeden einzelnen Mitarbeiter auf dem Globus. Beleg dafür sind die im Missionsarchiv schlummernden Personalakten aller Missionare seit 1815 und deren Tagebücher – eine wunderbare Fundgrube für süddeutsche Familienforscher und für Historiker aus Süd und Nord.

Hermann Hesse – Kind einer Basler Missionsfamilie

"Schatzhüter" Guy Thomas holt aus einem Regal ein Bündel vergilbter Papiere, beschrieben von zierlichen Handschriften. Es ist die Akte der Familie von Hermann Hesse. Dessen Großvater mütterlicherseits, Hermann Gundert, hatte lange Jahre im Auftrag Basels in Indien missioniert und sich als Sprachforscher einen Namen gemacht: Gundert verfasste die erste Grammatik der südindischen Sprache Malayalam und übersetzte anschließend die Bibel.

Seine Erzählungen, Schriften und Souvenirs entzündeten die lebenslange Indien-Sehnsucht seines Enkels Hermann Hesse, die sich später in Romanen wie "Siddharta" niederschlug. Hesse besuchte übrigens als Kind in den 1880er Jahren die Grundschule der Missionarsfamilien in Basel. Zu dieser Zeit war sein Vater – ebenfalls ein Indien-Veteran – Lehrer in der Missionarsausbildung und Herausgeber des in süddeutschen Pietistenkreisen vielgelesenen Missionsmagazins "Evangelischer Heidenbote".

"Mission war meistens Dialog"

Heute, 150 Jahre nach den Pioniertaten eines Hermann Gundert, ist "Mission" in weiten Teilen Europas ein verseuchter Begriff. Bis hinein in kirchenverbundene Kreise wird "Mission" eher negativ konnotiert. Viele assozieren damit Feuer und Schwert, Zwangstaufe und Scheiterhaufen. "Der Begriff Mission wurde ein wunderbares Opfer der Kulturimperialismus-Kritik der 1960er und 70er Jahre", meint der Basler Missionshistoriker Guy Thomas. "Da haben wir wohl nicht stark genug gekontert. Denn wir wissen: Mission war meistens Dialog."

Dass dieser Befund – trotz allem europäischen Paternalismus – stimmt, wird gut sichtbar am Beispiel der Basler Mission. Zum einen erhielt der Süden durch die Missionare einen wichtigen Entwicklungsschub: So verbesserte sich durch die Botschaft des Evangeliums die Situation von Frauen. Zudem gaben die württembergischen Dörfler in ihren Missionsschulen neben Lesen und Schreiben auch moderne Methoden der Landwirtschaft und des Handwerks weiter.

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Und einige von ihnen leisteten Unschätzbares als Erforscher der Sprachen Afrikas, Indiens und Ostasiens. Ihre Grammatiken, Bibelübersetzungen und Choräle sind zum Teil bis heute in Gebrauch. In den protestantischen Kirchen Ghanas erklingt regelmäßig das Deutschlandlied und eine Abwandlung der Badner-Hymne – mit einem geistlichen Text in der Landessprache Twi. Und in etlichen südindischen Städten wurden Basler Missionare mit meterhohe Standbildern gewürdigt. Wen man auch fragt: Die europäischen Missionare haben in den Ländern des Südens zumeist ein viel besseres Image als in Europa selbst.

Missionar entdeckt den Kilimandscharo

Doch nicht nur der Süden änderte sein Gesicht: Auch die Missionare selbst kehrten verändert zurück. Für sie und ihre Kindeskinder hatte sich die Welt ungeheuer geweitet. So wurde den europäischen Nationen erst durch die Expeditionen des württembergischen Missionars Johannes Rebmann bewusst, dass es am Äquator ein riesiges schneebedecktes Bergesmassiv gibt – den Kilimandscharo.

Außerdem waren die Missionare in der Ferne nicht nur auf fremde Kulturen getroffen, sondern auch auf andere christliche Denominationen. Durch das "heidnische" Umfeld waren sie zur Ökumene geradezu gezwungen gewesen. Diese Erfahrung brachten sie nun auch in Europa ein. Die ökumenische und pazifistische Bewegung, die zur Zeit des Ersten Weltkrieges in Gang kam, hat den "Weltmissionskonferenzen" ab 1910 Entscheidendes zu verdanken.

Umkehrmission von Süd nach Nord?

Heute üben sich die Kirchen von Süd und Nord in Partnerschaft auf Augenhöhe. In weltweiten Missionsnetzwerken verbunden, bringt jede Seite ihre Gaben ein: die einen kritische Reflexion, Finanzkraft und Know-how, die anderen ein fröhliches und sendungsbewusstes Glaubensleben.

Für die von innerer Auszehrung bedrohte Christenheit in Europa könnte diese weltweite Ökumene zur Rettung werden. "In Deutschland geht es derzeit mit der Mitgliederschaft und dem Geld der Kirche etwas bergab. Bei uns dagegen gibt es viele junge Leute, die sich missionarisch und evangelistisch engagieren oder Pfarrer werden wollen", analysiert Dr. Solomon Sule-Saa, Chef-Ökumeniker der Presbyterianischen Kirche von Ghana, einer Tochterkirche der Basler Mission. "Es wäre wunderbar, junge afrikanische Missionare nach Deutschland zu senden. So könnten wir unsere Erfahrungen miteinander teilen."

Dieser Text wurde in längerer Version erstveröffentlicht im evangelischen Magazin "Zeitzeichen", Ausgabe 05/2012.